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Kommentar : Die Sporthilfe als kritischer Förderer

Leistung, Fairplay, Miteinander: 50 Jahre Sporthilfe Bild: dpa

Generationen von Sportlern sind der Sporthilfe dankbar für die Zuwendungen. Nach einem halben Jahrhundert ist es Zeit für eine Finanzierungsreform der Organisation.

          Zuletzt war die Stiftung Deutsche Sporthilfe mal in den Schlagzeilen. Weil der frühere Radstar und notorische DDR-Nostalgiker Gustav-Adolf „Täve“ Schur kurz vor der Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports stand. Diese virtuelle Ruhmeshalle ist ein Kind der Sporthilfe. Geschaffen, um dem Sport und der an ihm interessierten Gesellschaft einen Raum für Erinnerungen zu bieten, die weit über die berauschende Betrachtung von Heldentaten in den Arenen hinausreichen sollen. Weil auch die deutsche Sportgeschichte eng verknüpft ist mit Manipulatoren, mit brutalen Dopern, einem Zwangs-Doping-System und – welch ein Glück – mit Athleten und Trainern, die sich damals wie heute wehrten gegen die konkrete und symbolische Aushöhlung des Sports durch Staat und Verbände. Ihr Aufschrei hat die Wahl des Doping-Verharmlosers Schur in die Hall of Fame verhindert.

          Eigentlich ist diese Auseinandersetzung rund um den 50. Geburtstag der Sporthilfe an diesem Freitag ein gutes Zeichen. Keine andere Organisation des deutschen Sports bietet so einen Angriffspunkt und versucht, wenn auch teils geblendet vom Medaillenglanz, die Kehrseite nicht zu ignorieren. Man kann darin auch den Versuch der Stiftung erkennen, dem Sport zu helfen. Das war der ureigene Gedanke, als sie 1967 aus der Taufe gehoben wurde: Als Förderprogramm für Athleten. Sie hat in 50 Jahren rund 400 Millionen Euro überwiegend bei der deutschen Wirtschaft eingesammelt und an rund 50.000 Athleten verteilt, die in ihrem Sport trotz Weltklasseleistungen mit Kreisklassezahlungen über die Runden kommen mussten. Generationen von Sportlern sind bis heute dankbar für die kleinen, mitunter überlebensnotwendigen Zuwendungen.

          So aber kann es nicht weitergehen. Die zunehmende Konkurrenz etwa bei Olympischen Spielen erhöht den Druck auf die Athleten, alles der Karriere unterzuordnen. Allein das Risiko, als Vollprofi mit Amateurgehalt am Ende der Laufbahn quasi mit leeren Händen dazustehen, während Jüngere bei Bewerbungen mit Auslandssemestern oder Berufserfahrung punkten, würgt auf Dauer die Talentförderung ab. Denn während der Staat im Namen von Innenminister Thomas de Maizière ein Drittel mehr Medaillen zur angeblich angemessenen Selbstdarstellung der Bundesrepublik fordert, hält er sich bei der Frage der sozialen Absicherung für viele Athleten zurück.

          Die Sporthilfe hat auf diese Entwicklung mit findigen Förderprogrammen reagiert. Dennoch stößt sie bei der Akquise in der Privatwirtschaft längst an Grenzen. Mit der „Sprungbrett-Initiative“, mit Patenschaften und dem Modell der „Dualen Karriere“ lässt sich, so wertvoll sie auch für den Erhalt der Spitzensportkultur in Deutschland sind, kaum Aufmerksamkeit erregen. Da helfen weder Weltmeistertitel noch olympische Goldmedaillen. Nach einem halben Jahrhundert ist es also Zeit für eine Finanzierungsreform der Sporthilfe. Zumal der Staat ohnehin über die Sportförderung der Bundeswehr, der Polizei und des Zolls direkt Sportler bezahlt. Warum dann nicht auch jene große Gruppe von Athleten, die nicht pro forma in Uniformen schlüpfen können oder wollen? Dabei geht es nicht um Millionengehälter, sondern um eine kleine Altersabsicherung. Die Steuergelder würden in eine Organisation fließen, die sich wie keine zweite in Deutschland um das bemüht, was die Welt des organisierten Sports als ihre Mission betrachtet: den Athleten in den Mittelpunkt zu stellen.

          Heike Drechsler wird in die Hall of Fame aufgenommen

          Die Sporthilfe tut das aber längst nicht mehr ohne Blick auf die Bewegungskultur der Jugend außerhalb des klassischen Verbandssports. Hammerwerfen erscheint endlich, Parcours, Skateboard oder Freeclimbing aber sind längst förderungswürdig. Im Kontext dazu stehen Veröffentlichungen kritischer (also selbstkritischer) Studien im Auftrag der Sporthilfe über den Sport, über dessen Vereinnahmung, über die Überforderung von Athleten oder den kolossalen Vertrauensverlust der Bevölkerung in Spitzenfunktionäre. Sie könnten dazu anregen, dem Werteverlust des Spitzensports grundsätzlich zu begegnen, nicht nur mit Fensterreden.

          Dass die Sporthilfe dabei selbst hin und wieder in Argumentationsnot gerät, ist Teil dieses heiklen Programms: An diesem Freitag wird Heike Drechsler in die Hall of Fame aufgenommen. Sie war eine sehr erfolgreiche Weitspringerin, eingebunden ins Doping der DDR. Aber sie hat auch versucht, Brigitte Berendonk, die bedeutendste westdeutsche Anti-Doping-Kämpferin, vor Gericht zu belügen. Eine Tonbandaufnahme entlarvte die Aussagen von Drechslers Zeugen als abgekartetes Spiel. Ist so ein Verhalten noch ehrenwert? Die Diskussion des Falls wird die immer wieder verschleppte Debatte über die Aufarbeitung der bis heute nachwirkenden Altlasten beleben und vielleicht zu Annäherungen sowie Verbesserungen führen. Das ist möglich, weil sich die Sporthilfe unangenehmen Themen widmet, die andere namhafte Verbände standhaft ignorieren.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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