21.03.2005 · Null Toleranz, diese Marschroute haben das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Jacques Rogge und die von Richard Pound geführte Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) im Kampf gegen unerlaubte Mittel ausgegeben. Doch die Wahrheit sieht anders aus.
Von Jörg HahnDas Anti-Doping-System funktioniert nicht, alle Regeln und alle Beteuerungen der Funktionäre, die angeblich einen sauberen Sport zum Ziel haben, sind Augenwischerei. Wie sonst hätte es zum doppelten Freispruch für die griechischen Leichtathleten Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou kommen können, die doch schon so viele Jahre im tiefen Schatten des Doping-Verdachts laufen? Wären lückenlos unangemeldete Kontrollen machbar, hätten wohl nicht bloß die beiden Griechen, sondern auch viele andere Athleten längst die Quittung für ihr falsches Spiel bekommen. Aber betrügerische Sportler kennen die Lücken im System nur zu genau; sie wissen, wie sie Kontrolleuren aus dem Weg gehen oder zumindest einen Test so lange verzögern können, bis die Einnahme verbotener Mittel nicht mehr nachweisbar ist.
Null Toleranz, diese Marschroute haben das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Jacques Rogge und die von Richard Pound geführte Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ausgegeben. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Weder logistisch noch finanziell sind die Organisationen in der Lage, dieses Versprechen hundertprozentig einzulösen. Schon eine Vorwarnzeit von wenigen Stunden genügt Athleten mit Manipulationsabsicht, um den Kopf wieder einmal aus der Schlinge zu ziehen. Wenn dann auch noch interne Pannen oder Schlampereien dazukommen, der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) also im Fall Kenteris/Thanou erkennbare Verstöße allenfalls registriert und in der Schublade verschwinden läßt, anstatt seinen Statuten gemäß - als notwendige Vorstufe für eine Sperre - Abmahnungen auszusprechen, dann haben die Anwälte der Beschuldigten leichtes Spiel, formaljuristische Gründe für einen Freispruch ins Feld zu führen.
Der Leichtathletik-Weltverband hat, das wird durch die griechische Affäre aufs neue deutlich, ein Verwaltungsproblem - sein Generalsekretär Istvan Gyulai muß sich fragen lassen, ob er der richtige Mann auf diesem Posten ist. Abgesehen davon sind wohl auch die olympischen Kontrolleure in Athen im Fall der Griechen alles andere als geschickt vorgegangen. IOC, Wada und IAAF haben noch immer nicht alle Hausaufgaben erledigt.
Es ist leicht und auch verständlich, "Skandal!" zu rufen, harte Konsequenzen zu verlangen. Aber erstens wird es auch vor folgenden Instanzen der Sportgerichtsbarkeit nicht sehr einfach sein, die Vergehen der Griechen zu ahnden. Dafür hat es vorher zu viele Versäumnisse gegeben. Der Betrug ist ihnen auch noch leichtgemacht worden. Zweitens muß man nur kurz über den aberwitzigen Plan nachdenken, Hunderte oder gar Tausende von Athleten ganzjährig und rund um die Uhr unter Kontrolle zu halten, um zu erkennen, daß dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist.
Der Internationale Skiverband hat vor dem vergangenen Winter großspurig ein Anti-Doping-Administrationssystem, kurz Adams, eingeführt, das die computergestützte Überwachung der Spitzenathleten ermöglichen soll. Ein Vorbild für die weltweit ungleich stärker verbreitete Leichtathletik? Wenn man ehrlich ist, wird man zugeben müssen, daß sich darüber vor allem Programmierer und Computerhersteller freuen dürften - lukrative Aufträge locken. Man darf zwar die Hoffnung nicht aufgeben, den einen oder anderen Sünder erwischen und bestrafen zu können. Aber Doping als globale Seuche läßt sich so oder so nicht in den Griff bekommen.