Die jüngste Stasi-Affäre stellt nur einen Höhepunkt in einer Reihe von Peinlichkeiten dar, die sich seit der Münchner Wahl Leipzigs zum Olympiabewerber im April gehäuft haben. Da werden Erinnerungen an die desolate Berliner Kandidatur wach. Daß Dirk Thärichen dazu bewogen wurde, sein Amt als Geschäftsführer ruhen zu lassen, war notwendig. Denn der emsige Manager hat sich mehr als durch seinen freiwilligen Dienst im Stasi-Wachregiment "Feliks Dzierzynski" wegen falscher Angaben in seinem Bewerbungslebenslauf angreifbar gemacht. Ähnlich schwer wiegt, daß er unter anderen Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter wie den zweimaligen Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski oder den Turn-Goldmedaillengewinner Klaus Köste als Aushängeschilder der Bewerbung nach vorne schob (siehe F.A.Z. vom 6. Oktober).
Der Fall Thärichen wirft aber auch Fragen an Wolfgang Tiefensee auf. Warum hat der Leipziger Oberbürgermeister, Warnungen zum Trotz, den Mann aus dem Dunstkreis der Stasi zu einem Exponenten der Bewerbung gemacht? Warum hat er Klaus Steinbach, den Aufsichtsratsvorsitzenden der "Leipzig 2012 GmbH" und Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), erst am 10. Juli von der Vergangenheit Thärichens informiert, obwohl er selbst schon im März davon wußte? Hat der ehemalige Bürgerrechtler die Usancen in einer offenen (Medien-)Gesellschaft unterschätzt und wirklich geglaubt, eine so brisante Personalie unter dem Deckel halten zu können?
Traditionell lassen sich die Konkurrenten in dem beinharten Ringen um die Olympischen Spiele nicht die Gelegenheit entgehen, in der Kulisse auf Schwächen von Widersachern hinzuweisen. Die acht Rivalen, darunter Weltstädte wie London, Paris und New York, haben bestimmt zuvor schon registriert, welcher Staub immer wieder rund um Leipzig aufgewirbelt wurde. Das Gezerre um den Mitgeschäftsführer Mike de Vries, den die einheimische Fraktion loswerden wollte, der aber nach einem Eingreifen des Aufsichtsrats noch bis zu seinem Wechsel zur Deutschen Sport-Marketing GmbH im Amt bleibt, ließ zudem ein problematisches Verhältnis zwischen Steinbach und Tiefensee sichtbar werden.
Die sächsische Messestadt, deren glanzvolle Präsentation mit dem Cello spielenden Oberbürgermeister allgemein Gefallen fand, mußte erst einmal Schwachpunkte in den Bewerbungsunterlagen nachbessern. So soll glaubhaft gemacht werden, daß es gelingen würde, die Hotelkapazität deutlich zu erhöhen. Leipzig rückte von dem Regionalkonzept ab und holte das Gros der olympischen Wettbewerbe in einen engen Umkreis von zehn Kilometern um die Stadt. Dies wiederum dämpfte die anfängliche Begeisterung in Chemnitz, Dresden, Halle und Riesa.
Bei all den Querelen ist es nicht verwunderlich, daß sich der Enthusiasmus auch außerhalb Sachsens in Grenzen hält. Wenn Leipzig eine Chance auf die Olympischen Spiele 2012 bewahren will, muß es mit dem (designierten) ersten Geschäftsführer, dem Schwimmidol Michael Gross, die Affären hinter sich lassen und geschlossen nach vorne gehen. Unterstützt vom gesamten deutschen Sport, der hier eine wichtigere Aufgabe hätte, als sich über die waghalsigen Berliner Umzugspläne des NOK zu streiten.