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„Kleine“ Profitrainer Kein Familienleben, kaum Sicherheit, zu wenig Geld

Hochqualifiziert, engagiert, unterbezahlt: In Köln treffen sich 50 Trainer aus Vereinen und Verbänden, um eine unabhängige Interessenvertretung zu gründen. Die Probleme sind vielfältig - sie betreffen Freizeit und finanzielle Sicherheit.

© imago sportfotodienst Initiatorin: Bouzikou geht es um rechte und Gehör für die Trainer

Jetzt ist Schluss! Thorsten Ribbecke, Leichtathletik-Trainer, 39 Jahre alt, will so nicht weitermachen. Rund um die Uhr war er im Einsatz, hat nach der Diplomsportlehrer-Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln noch den Lehrgang an der Trainerakademie absolviert. Hochqualifiziert, engagiert, unterbezahlt: Ribbecke gehört zu einer Gruppe im deutschen Leistungssport, die alles geben soll, aber wenig zurückbekommt. „Ich kann meine Familie von dem Job nicht komplett ernähren“, sagt Ribbecke. Er hat noch Glück. Seine Frau steigt ins Geschäft der Eltern ein, er aus dem Alltagsgeschäft des Spitzensports vorerst aus: „Das tut weh, das war nicht mein Lebensbild. Aber es musste etwas passieren.“

Anno Hecker Folgen:

Es passiert etwas in der Trainerlandschaft. An diesem Dienstag gehört Ribbecke zu einem Kreis von Proficoaches um die Sportpsychologin Dafni Bouzikou. Auf Initiative der früheren Co-Trainerin des Basketball-Bundesligaklubs Skyliners Frankfurt treffen sich an der Kölner Trainerakademie rund 50 Kollegen aus größeren Vereinen und auch kleineren Verbänden, um eine unabhängige Interessenvertretung zu gründen. „Das ist überfällig“, sagt Bouzikou. „Trainer stehen unter einem besonderen Druck, ihnen werden besondere Bedingungen aufgezwungen wie geringe Vertragslaufzeiten, extrem lange Arbeitszeiten, die eine Trennung von Beruf und Privatem kaum möglich machen. Und in den allermeisten Fällen ist die Bezahlung schlecht. Wer wundert sich dann noch, dass es Nachwuchsprobleme gibt?“

Es geht um Rechte, Vertretung und Gehör

Dafni Bouzikou hat sich in den vergangenen Jahren ein Bild vom Leben als Trainer gemacht. Seit sie sich nicht mehr dem Alltagsstress des Jobs aussetzt, sondern Trainer berät, die sich in die Enge getrieben fühlen. Die, von ihrer Leidenschaft im Sport getrieben, bei Verhandlungen mit Managern kleinbeigeben, die Weihnachten wie im Falle eines hessischen Familienvaters nicht wissen, ob sie zum 1. Januar noch bezahlt werden, die noch Verständnis für die Finanzschwäche ihrer Vereine aufbringen und mit allerlei Aushilfsarbeiten Sparmodelle möglich machen. Das sind nicht die Bundes- und Bundesligatrainer des Fußballs und anderer Profiligen. Es betrifft die große Mehrheit aller Coaches der Sportnation Deutschland, stolze Nummer fünf der inoffiziellen olympischen Weltrangliste. „Es gibt Trainer, die mitunter nicht mal eine klare Arbeitsplatzbeschreibung bekommen“, sagt Ribbecke, „wir sind die Mädchen für alles.“ Sie bleiben selbst im Hintergrund, wenn ihre Sportler auf der olympischen Bühne glänzen: Wie heißt der Trainer der Hammerwerferin Betty Heidler?

- Betty Heidler kennt man - aber wer weiß, wie ihr Trainer heißt? © AFP Bilderstrecke 

Bouzikou geht es nicht um die Entwicklung eines Starkultes, sondern um Rechte, Vertretung, um Gehör: „Mir ist aufgefallen, dass die Trainer überhaupt keine Stimme und so gut wie keine Außendarstellung haben. In der Öffentlichkeit existiert nicht mal ein klares Berufsbild. Die Anforderungen sind hoch, aber das Ansehen der Trainer ist gering.“ Wenn sich Ribbecke auf Partys als Trainer vorstellt, muss er sich schon mal fragen lassen, was „ich denn beruflich mache“. In Deutschland gibt es rund 2000 hauptamtlich bezahlte Coaches auf Bundes- und Landesebene.

Quittung bei Olympia 2020?

Trainer aller Sportarten, wehrt Euch? Eine Lobbyisten-Gruppe mit Sitz und Stimme im organisierten Sport ist zweifellos nicht das Wunschbild der Vereine und Verbände als Arbeitgeber. Aber Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, sieht keine aufkeimende Opposition: „Ich begrüße jede Initiative, die zu einer Stärkung des Trainerberufes führt.“ Und wenn sie eine Kraft entwickelt, die Stoppzeichen setzt, wo das Leistungssportsystem jegliche Grenzen ignoriert. Warum also nicht mal aufstehen? „Das wäre doch was, wenn alle Trainer sagen, dass sie unter einem gewissen Gehalt keine Verbandsarbeit mehr leisten wollen. Zumindest muss man über solche Fragen nachdenken“, sagt Bouzikou.

Ribbecke rechnet mit einem Monatsgehalt von rund 2000 bis 3000 Euro für das Gros der hauptamtlichen Trainer in Deutschland. „Einen Überstundenausgleich gibt es nicht. Nach den Einsätzen am Wochenende, das können bei mir 30 in der Saison sein, steht man montags dann doch wieder auf dem Platz.“ Funktionäre schwärmen dann von ihrem „verrückten“ Trainer, der nach dem Aufstehen bis zum Einschlafen nur den Sport im Kopf habe. Als sei die 24-Stunden-Variante eine Leistungsvoraussetzung und das überschwängliche Lob der Finanzausgleich der Gesellschaft. Sie lebt ganz gut von der Leidenschaft: „Wir stecken in einem Spannungsdreieck von Familie, Gehalt und Arbeit. Jedes Mal fällt der Zuschlag zugunsten der Arbeit“, erzählt Ribbecke und lacht ein bisschen sarkastisch: „Meine Frau kam sich in der Hallensaison vor, als sei sie alleinerziehend.“

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Die Folgen der Perspektivlosigkeit lassen sich noch nicht ablesen. Aber Ribbecke hat die verzweifelte Suche selbst von „großen Vereinen“ nach Übungsleitern vor Augen, einer Quelle der Trainerschaft: „Die Quittung könnte es bei den Olympischen Spielen 2020 geben.“ Mit Deutschland ohne Trainern? Manche wandern beim ersten guten Angebot ab, ins Land von Ausrichtern olympischer Spiele, nach Russland (2014), nach Brasilien (2016). „Es ist eine Schande, dass viele gut qualifizierte Trainer ins Ausland gehen. Sie haben“, sagt Dafni Bouzikou, „keine Lust mehr, nachdem die Kränkungen über die Jahre zu viel geworden sind“. Daran können Trainer etwas ändern. Falls sie es verstehen, ihre Kraft zu bündeln.

Quelle: F.A.Z.

 
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