07.03.2009 · Neue Runde in der Kieler Handball-Affäre: Der THW Kiel soll nach Medieninformationen bei mindestens zehn Spielen in der Champions League Schiedsrichter bestochen haben. Die Handball-Bundesliga (HBL) nimmt die Ermittlungen wieder auf.
Von Rainer SeeleUwe Schwenker dementiert weiterhin, und auch der frühere Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic weist die Betrugsvorwürfe entschieden zurück. Allerdings gibt es in der Affäre um den THW Kiel (siehe: Handball: Düsteres Szenario) offensichtlich neue Informationen - sie erscheinen den Verdacht zu erhärten, dass die Norddeutschen in der Champions League doch Schiedsrichter auf unlautere Art beeinflusst haben könnten. Die veränderte Situation hat auch die Handball-Bundesliga (HBL) wieder aufgeschreckt.
Vor wenigen Tagen hatte sie die Angelegenheit noch für erledigt erklärt (siehe: Bestechungsvorwürfe: Handball-Bundesliga stellt Ermittlungen ein), jetzt sei doch die nächste Runde eingeläutet worden, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Samstag gegenüber dieser Zeitung. „Ich hoffe“, sagte er, „dass wir jetzt endlich alles auf den Tisch kriegen.“ Sollten die Gremien des Handballs das nicht bewerkstelligen können, müsste die Staatsanwaltschaft den Fall übernehmen. Die Behörde in Kiel hat sich bereits eingeschaltet, von offiziellen Ermittlungen wollte sie jedoch nicht sprechen.
Serdarusic soll Bestechungen eingeräumt haben
Die Kieler sollen nicht nur beim Champions-League-Finale 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt in konspirativer Weise auf die Referees zugegangen sein, ähnliche Vorfälle soll es bei mindestens zehn Spielen in diesem Europapokal-Wettbewerb gegeben haben. Vor kurzem hatte es schon geheißen, dass es vom Jahr 2000 an Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem THW Kiel gegeben habe. Die jüngsten Meldungen über mögliche Manipulationen haben einen angeblichen Beschluss der Gesellschafter der Rhein-Neckar-Löwen vom 17. Februar zur Grundlage. Der Bundesliga-Konkurrent der Kieler soll damals entschieden haben, die geplante Verpflichtung von Serdarusic rückgängig zu machen - weil er offensichtlich erfahren hatte, dass in Kiel unter der Amtszeit von Serdarusic nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll.
Bei einem Treffen mit einem Vertreter des Mannheimer Vereins hat Serdarusic angeblich sogar Bestechungen eingeräumt. Wie es weiter heißt, habe Serdarusic auch gesagt, dass er teilweise mitgewirkt habe. Demnach soll er Mittelsmänner genannt haben, über die man Unparteiische kontaktieren konnte. Besonders brisant an der neuesten Entwicklung könnte sein, dass Serdarusic bei einer Zusammenkunft in seinem Haus angeblich auch Belege und Kontoauszüge vorgelegt hat - sie sollen aus den Tagen kurz vor dem zweiten Finalspiel der Kieler gegen die Flensburger im Jahr 2007 stammen. Der THW hatte damals 29:27 gesiegt und erstmals die Champions League gewonnen. Für das Finale sind dem Vernehmen nach insgesamt 96.000 Euro gezahlt worden. Diese konkrete Summe soll Serdarusic in kleinem Kreis genannt haben. Dieter Matheis, Beiratsvorsitzender der Löwen, hat dies inzwischen offenbar dem „Spiegel“ schriftlich bestätigt.
Steht der deutsche Handball doch vor einem großen Skandal?
Matheis, ehemaliger Finanzchef des vom Löwen-Mäzen Dietmar Hopp gegründeten Walldorfer Softwareunternehmens SAP, hatte den Fall Kiel ins Rollen gebracht. Nachdem er von Gerüchten über mögliche Mauscheleien vernommen hatte, hatte er Schwenker schriftlich um Aufklärung gebeten. Der Kieler hatte am vergangenen Montag gegenüber der HBL behauptet, dass er und der THW keine Schuld hätten. Das wurde später auch in einer Presseerklärung mitgeteilt.
Bei der HBL herrscht nun auf alle Fälle wieder Alarmstimmung: Steht der deutsche Handball doch vor einem großen Skandal? Bohmann sagte am Samstag, dass es jetzt Widersprüche zu den Aussagen der Beteiligten in den zurückliegenden Tagen gebe. „Das passt nicht zusammen. Wir müssen es noch mal bewerten.“ Wie konkret die jüngsten Angaben in dieser Sache seien, „ist schon erstaunlich“. Er will nun schnellstmöglich die entsprechenden Unterlagen anfordern, Bohmann betonte: „Die will ich jetzt haben.“ Dabei geht es ihm vor allem um Dokumente, die sich im Besitz von Matheis und Serdarusic befinden könnten.
Bohmann will den Sachverhalt an diesem Montag in Wien auch mit der Europäischen Handball-Föderation (EHF) besprechen. Die EHF verhält sich in der Diskussion um möglichen Betrug im Handball-Europapokal bisher defensiv - obwohl dieses Thema in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Dabei ist doch immer wieder von gravierenden Missständen im Europacup die Rede. Insider berichten, dass Korruption weitverbreitet sei. Bohmann reist auch mit einem Vorschlag nach Wien, wie das Risiko künftig „stark verringert“ werden könnte: So sollen die Namen der Schiedsrichter bei Europacup-Spielen erst kurz vor dem Anpfiff bekanntgegeben werden. Bohmann glaubt, dass ein solches Vorgehen eine wesentliche Hilfe sei. „Das macht es potentiellen Betrügern schon schwer.“ (siehe auch: Korruption im Handball: Niemand wird verpfiffen)