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Kenteris und Thanou Kostas, stell dir Olympische Spiele ohne dich vor!

15.08.2004 ·  Vor den entscheidenden Sitzungen des IOC deutete vieles auf einen Olympia-Ausschluß der beiden griechischen Sprintstars Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou hin. Diesen Schlußakt in der spektakulären Affäre hat das griechischen NOK dem IOC überlassen.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen
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"Imagine the Games without you!" Die televisionäre Aufforderung zum Nachdenken ist eigentlich als rhetorische Frage gedacht: "Kannst du dir die Spiele vorstellen - ohne dich?" Unvorstellbar für die Griechen, wo doch Konstantinos Kenteris auch nach seinem höchst mysteriösen Motorradunfall noch in einem Fernsehspot für die olympische Idee Reklame lief.

Der Hauptdarsteller des griechischen Dopingdramas wird sich an einen neuen Part, an eine Doppelrolle gewöhnen müssen: Für seine treuen Landsleute als tragischer Held gescheitert, für die kritischen Ausländer als dreister Schmierenkomödiant entlarvt, der fürs erste von der Weltbühne gezerrt worden ist. Zunächst von der Regie der Eröffnungsfeier auf die Schnelle improvisiert, dann vom Nationalen Olympischen Komitee (NOK) des Gastgeberlandes provisorisch verkündet: Statt des herbeigesehnten und vorgesehenen Sprinters "Kostas" Kenteris, der in Sydney 2000 Gold über 200 Meter gewann, entzündete der Segelsurfer Nikos Kaklamanakis, Olympiasieger 1996 in Atlanta, am Freitag abend das olympische Feuer für Athen 2004.

Der Schwarze Peter heißt Thomas Bach

Kein Ersatz für den angeblichen Motorrad-Bruchpiloten, der am Samstag abend vom NOK-Exekutivkomitee der Griechen aus dem olympischen Dienst suspendiert wurde. Wegen des dringenden Verdachts, sich am Donnerstag abend, wie auch seine Mitläuferin im Klub Olympiakos Piräus, Arbeitskollegin bei der griechischen Luftwaffe und Beifahrerin auf dem Zweirad, Ekaterini Thanou, wieder einmal einer Dopingkontrolle entzogen zu haben. Das NOK nahm die beiden schnellsten Landsleute und größten Medaillenhoffnungen der hellenischen Leichtathleten mit einem 5:1-Votum aus der internationalen Schußlinie. Die Gegenstimme kam übrigens von Lambis Nikolaou, der die Dauerflüchtlinge nicht schonen wollte, sondern sogar strenger bestrafen. In seiner Gesamtverantwortung als Exekutivmitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte er während der vierstündigen Sitzung den sofortigen Ausschluß der Athleten gefordert, ohne eine Entscheidung des IOC abzuwarten.

Dort ist die Sache nun doch wieder gelandet, und der Schwarze Peter heißt Thomas Bach. Unter seinem Vorsitz will die IOC-Untersuchungskommission, in der außerdem die Exekutivmitglieder Denis Oswald aus der Schweiz und Sergej Bubka aus der Ukraine sitzen, an diesem Montag über die hochheikle Sache reden. "Wir werden die verdächtigten Athleten anhören." Und dann? "Dann sehen wir weiter." Falls das Bach-Trio Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou tatsächlich zu sehen bekommt.

IOC könnte Verbannung beschließen

Vier Tage nach dem vermutlich getürkten Unfall auf der Flucht vor den Fahndern und auf dem Rückweg von ihrem suspekten und ebenfalls ausgeschlossenen Trainer Christos Tsekos. Vier Tage, an denen sich die beiden vorgeblich Verletzten zum Beispiel von der Chirurgie des KAT-Hospitals auch mal auf die Dialysestation begeben haben könnten, zur Blutwäsche. Vier Tage schließlich, nach denen im aktuellen Test das Wachstumshormon wohl nicht mehr nachzuweisen ist.

Die drei Akkreditierungen liegen bis auf weiteres beim griechischen NOK. Erst wenn sie dem IOC ausgehändigt werden, können die obersten Olympier Kenteris, Thanou und Tsekos endgültig von den Spielen ausschließen. Diesen demonstrativen Akt in der spektakulären Affäre hat das NOK jedoch dem IOC überlassen. Die Untersuchungskommission wird der Exekutive eine förmliche Empfehlung unterbreiten, das IOC-Präsidium könnte die Verbannung beschließen und den Fall zur weiteren Bearbeitung an den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) weiterreichen. Dieser hat dann über die eigentliche Sanktion für die eine verweigerte Probe zu entscheiden, der ja eine andere vorausgegangen war: vor gut einer Woche in Chicago. Die Regelsperre beträgt zwei Jahre.

„Unsere Champions sind sauber"

Dagegen sperren sich natürlich die erstmals ganz offen und offiziell Betroffenen. "Wir haben uns die ganze Zeit im Rahmen der Legalität bewegt", behauptete Trainer Tsekos. "Wir bedanken uns bei allen, die uns beistehen." Das werden allerdings immer weniger, auch wenn Michaelis Dimitrakopoulos, der Anwalt von Kenteris und Thanou, über den halben Beschluß des NOK schon aus vollem Munde wetterte: "Diese Entscheidung ist in herausfordernder Weise ungerecht. Unsere Champions sind sauber."

Inzwischen körperlich vielleicht wieder, aber die Sache mit dem Sturz stinkt offenbar der Athener Verkehrspolizei, die eine Untersuchung des bedenklichen Motorradunfalls eingeleitet hat. Zwar durften selbst die griechischen Beamten die beiden "Patienten" im Krankenhaus nicht befragen. Aber sie sahen sich immerhin das Motorrad an, mit dem die Ausflügler im südlichen Athener Vorort Glyfasa gestürzt sein wollen. Einzelne Kratzer sollen sie gefunden haben.

„Schon lange einen starken Verdacht"

Das alles finden Leichtathleten aus anderen Ländern so lächerlich, daß sie ernst zu machen drohen. Die Schweden wollen zu den olympischen Wettbewerben nicht antreten, falls Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou doch noch starten dürfen. Ihr Mannschaftsleiter Ulf Karlsson sagte in einem Interview, diese Boykottdrohung komme ausdrücklich auch von den Olympia-Favoriten Carolina Klüft, der Siebenkämpferin, und Christian Olsson, dem Dreispringer: "Wir haben schon lange einen starken Verdacht."

Wer denn nicht, wenn er die andauernden Ausflüchte und ausdauernden Fluchtversuche von Kenteris und Thanou auf sachliche Distanz und ohne patriotische Gefühle betrachten kann? Doch der Liebling der griechischen Massen und Machos durfte sich spätestens seit seinem Wechsel zu Trainer Tsekos und seiner Leistungsexplosion im Jahr 2000 Sydney des Flankenschutzes seiner Landsleute sicher sein.

Als 27jähriger Sensationssieger von Sydney gleich zum dritten Mal in der Olympiasaison verbessert und insgesamt um mehr als vier Zehntelsekunden auf 20,09 Sekunden im Finale beschleunigt - da glaubte der Präsident des griechischen Leichtathletik-Verbandes der staunenden olympischen Welt auch ohne Nachfrage eine vorauseilende Erklärung schuldig zu sein. "Ich weiß, wenn einer plötzlich auftaucht und gewinnt, dann gibt es immer gleich diese Gerüchte", sagte Wassileios Sevastis. "Die Zeit ist doch nicht so großartig. Mit Doping müßte er schneller laufen." Das tat er dann ja auch. In 19,85 Sekunden gewann der Weltmeister von Edmonton 2001 die Europameisterschaft 2002 in München. Der bislang letzte Titel des jetzt 31jährigen Konstantinos Kenteris. Vielleicht sein letzter überhaupt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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