http://www.faz.net/-gtl-7h8ic
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.09.2013, 12:59 Uhr

Jacques Rogge Bewahrer des Systems, Mehrer des Reichtums

Der Grandseigneur und allseits geachtete Jacques Rogge hinterlässt seinem Nachfolger als IOC-Präsident eine gestärkte Organisation - und einige gravierende Probleme.

von , Buenos Aires
© dpa Künftig nicht mehr in der Mitte des Podiums: Der belgische Graf zieht sich nach zwölf Jahren ins Privatleben zurück

Jacques Rogge steht kerzengerade, wie immer. Sein dunkelblauer Anzug mit den gestickten olympischen Ringen auf dem Jackett sitzt. Der Belgier ist ein Mann von Eleganz und Haltung, und in vorbildlicher Haltung will er jetzt, nach zwölf Jahren, auch seinen Abschied nehmen als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er hat vor, seine letzte Vollversammlung in Buenos Aires, die an diesem Freitag eröffnet wird, mit der unerschütterlichen Präzision zu leiten wie all die Sitzungen zuvor. Der 71 Jahre alte Olympier wird seine Pflicht mit eisernem Willen erfüllen, auch wenn er manchmal kaum mehr verbergen kann, wie viel Mühe es ihn kostet, seine Rolle bis zum letzten Moment durchzuhalten. Sein Körper scheint das Tempo seines Geistes nicht mehr mitgehen zu wollen. „Ich sehe schon die Ziellinie“, sagte er vor ein paar Wochen in einem sentimentalen Moment. „Und das Banner, auf dem steht: 10. September 2013.“

Evi Simeoni Folgen:

An diesem Tag wird sein Nachfolger gewählt, und Rogge macht Platz in der Mitte des Podiums. „Ich hoffe, ich werde das Ziel in guter Form erreichen“, sagte er weiter, „das IOC meinem Nachfolger in starkem Zustand hinterlassen und meine Pflicht erfüllt haben.“ Der Belgier geht als Graf - sein König hat ihn während seiner Amtszeit geadelt. Er geht als Weltbürger, der den meisten Mächtigen und den größten Charismatikern seiner Epoche die Hände geschüttelt hat. Und er geht als ein Sportführer, der seine Organisation gestärkt hat. Als Bewahrer des Systems, als Behüter der Legende und als Mehrer des Reichtums. „Ich habe versucht, das IOC zu konsolidieren“, sagt er mit der ihm eigenen Nüchternheit. Wehmut ist nicht seine Sache. Rogge beschreibt sich selbst als sachlichen Menschen, der es gewohnt ist, nicht nach Gefühl zu urteilen. „Ich komme aus einem Beruf, in dem man sich der Realität stellen muss.“ Rogge war Chirurg, ein Heiler, ein Reparateur, und diese Rolle fiel ihm auch als Sportfunktionär zu, spätestens an dem Tag im Juli des Jahres 2001, als ihn die IOC-Mitglieder in Moskau zu ihrem Präsidenten wählten.

Einnahmen in astronomischer Höhe

Das alte IOC war in zwanzig Jahren unter dem Spanier Juan Antonio Samaranch von einem elitären Debattierklub in eine leistungsfähige Geldmaschine umgewandelt worden und drohte nun, an der Gier seiner Protagonisten zu zerbrechen. Es war krank, hatte seine Werte verraten, Geld, Machtstreben, Doping bedrohten seine gesellschaftliche Stellung, und der Bestechungsskandal rund die Vergabe der Winterspiele 2002 an Salt Lake City brachte die verdorbenen Stellen zutage. Zehn Mitglieder mussten zurücktreten oder wurden ausgeschlossen, weil sie Cash, Geschenke und medizinische Behandlungen für ihre Stimmen verlangt hatten. Rogge, der ehemalige Olympia-Segler mit dem tadellosen Ruf, sollte die richtige Therapie finden, und er fand sie. Er trat sein Amt an mit dem klaren Ziel, dem IOC seine Glaubwürdigkeit wiederzugeben. Dafür musste sich die Organisation neu legitimieren, ihre Mitgliederstruktur modifizieren, die Athleten mehr an den Entscheidungen beteiligen, die Gleichberechtigung von Frauen vorantreiben, einen Anti-Doping-Kampf starten, der den Namen verdiente und Olympia für die Jugend wieder attraktiver machen. „Er war absolut die richtige Person zur richtigen Zeit“, sagte der Norweger Gerhard Heiberg, eines der IOC-Schwergewichte.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Entscheidung des IOC Russisches Olympia-Team darf mit Einschränkungen nach Rio

Der Chef duckt sich weg: Bei Olympia in Rio wird eine russische Mannschaft am Start sein. Staatliches System-Doping reicht nicht für einen kompletten Bann. IOC-Präsident Thomas Bach reicht das Problem an die Verbände weiter. Mehr Von Christoph Becker, Michael Reinsch und Evi Simeoni

24.07.2016, 19:14 Uhr | Sport
Russland vor Olympia Putin und das Schlachtfeld Sport

Wladimir Putin ist ein begeisterter Sportler. Der russische Staatspräsident tut alles, um sein Land zu einer sportlichen Großmacht zu machen. Die Olympischen Spiele in Sotschi waren sein größter Triumph. Jetzt steht der Erfolg in Frage. Mehr

26.07.2016, 17:20 Uhr | Sport
Olympia ohne Russland? Vergiftete Spiele

Erstmals könnte an diesem Sonntag eine ganze Nation wegen Dopings von Olympia ausgeschlossen werden. Der sportliche Größenwahn Russlands stürzt das IOC in die tiefste Krise seiner Geschichte. Und die Attacke kommt nicht von außen. Mehr Von Evi Simeoni

24.07.2016, 11:08 Uhr | Sport
Staatliches Doping IOC schließt Russland nicht von Olympia aus

Die Leitung des Internationalen Olympischen Komitees um den deutschen Präsidenten Thomas Bach hat die russischen Athleten nicht grundsätzlich von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Stattdessen sollen die Welt-Sportverbände entscheiden. Mehr

25.07.2016, 15:01 Uhr | Sport
Russland bei Olympia 2016 Es gewinnt Putin

Anti-Doping-Agenturen, Medien und Doping-Fahnder kritisieren die IOC-Entscheidung, die russische Mannschaft trotz Staatsdopings in Rio starten zu lassen, heftig. Es gibt auch andere Stimmen – etwa von einem deutschen Star. Mehr

25.07.2016, 14:38 Uhr | Sport

Spiele des Zynismus

Von Evi Simeoni

Der IOC-Präsident hat die Chance zu einem machtvollen Statement gegen Doping vertan. Die Entscheidung, Russland zu den Spielen zuzulassen, nimmt den Spielen den tieferen Sinn. Mehr 28 36