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IOC und Athletenrechte : Befremdliche Vorgaben, realitätsferne Appelle

Festgefahren im Ringe-Muster: Der Athlet soll das System akzeptieren. Bild: AFP

Das Internationale Olympische Komitee hat eine „Erklärung der Rechte und Pflichten von Athleten“ verabschiedet. Die Imperative darin zementieren die bestehenden Verhältnisse und hinterlassen gleich mehrere Fragen.

          Der historische Protest der amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen von Mexiko 1968 mit den in schwarzen Handschuhen erhobenen Fäusten bei der Siegerehrung würde gegen die neue Erklärung der Athleten-Rechte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verstoßen. Ebenso würde der äthiopische Läufer Feyisa Lilesa gegen diese „von Athleten für Athleten“ erarbeitete Regeln verstoßen, wenn er wie im Ziel des Marathons von Rio de Janeiro 2016 seine Arme über dem Kopf kreuzte. Mit der Geste machte er auf das Morden an der Volksgruppe der Oromo aufmerksam.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In der Nacht auf Mittwoch hat die Vollversammlung des IOC in Buenos Aires eine „Erklärung der Rechte und Pflichten von Athleten“ vorgestellt und verabschiedet. Dabei herausgekommen sind 22 Punkte, alle im Imperativ verfasst. Das wirkt, wie etwa Punkt sieben der Pflichten, ein wenig putzig: „Handele als Vorbild, auch indem du sauberen Sport förderst.“ Sanktionen sind für den Fall, dass Athleten daran scheitern, nicht vorgesehen. Zwar gehört zu den Rechten der Athleten auch das auf freie Meinungsäußerung. Die Pflichten schränken dieses, Ziffer fünf, allerdings ein: „Unterlasse politische Demonstration im Wettkampf, an Wettkampfstätten und bei Ehrungen.“

          Darüber hinaus verpflichtet der Text Sportlerinnen und Sportler auf das Modell der Olympischen Solidarität, das ist die Verteilung der Milliarden-Einnahmen des IOC an Fachverbände und Nationale Olympische Komitees. Dieses steht gegen die Forderung nach direkter finanzieller Beteiligung der Athleten an Erträgen Olympias. „Respektiere das Solidaritätsprinzip der Olympischen Bewegung, das Athleten und Mitgliedern der Olympischen Bewegung Hilfe und Unterstützung ermöglicht“, heißt Punkt sechs der Pflichten. Auch die Rechte enthalten Pflichten wie Punkt fünf, der die Athleten dazu auffordert, wirtschaftliche Chancen zu nutzen, dabei aber „das geistige Eigentum oder andere Rechte, Regeln der Veranstaltung und der Sportorganisationen sowie die Olympische Charta“ anzuerkennen.

          In Konkurrenz zu ähnlichen Erklärungen

          Die Erklärung der Athletenrechte des IOC ist in Konkurrenz zu ähnlichen Erklärungen der Gewerkschaft World Players Association und der Athletenvertretung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) entstanden. Im Unterschied zu diesen, welche auch für die wachsende Distanz zwischen Athleten und den Organisationen des Sports stehen, betont die Erklärung des IOC die Einheit. „Athleten und ihre Interessen sind wesentlich für die Olympische Bewegung“, heißt es in der Präambel. Ziel dieser Erklärung sei es, die Handlungen der Olympischen Bewegung zu leiten.

          Entsprechend dem Vorbild in der Erklärung der Menschenrechte spricht sich das IOC für Sport ohne jedwede Diskriminierung und für den Schutz der Athleten aus. Doch schon Punkt zwei wirkt vor dem Hintergrund des laxen Umgangs von IOC und Wada mit dem jahrelangen systematischen Doping im russischen Sport befremdlich. „Sei Teil eines transparenten, fairen und sauberen Sportumfelds“, heißt es darin, „insbesondere eines, das gegen Doping und Wettbewerbsmanipulation kämpft und für Transparenz bei Schiedsrichterleistungen, Auswahl und Qualifikation sorgt.“

          Es scheint, als hätte der Fall Julija Stepanowa das Athleten-Komitee tief bewegt. Die russische Läuferin hatte Doping in der Leichtathletik ihrer Heimat in Wort und Bild bewiesen und damit die Enthüllungen über das Staats-Doping bis hin zur Manipulation der Olympischen Winterspiele von Sotschi in Gang gesetzt. Sie verließ mitsamt ihrer Familie Russland, durfte, obwohl der Weltverband der Leichtathleten dies ermöglichen wollte, nicht bei den Olympischen Spielen von Rio starten und lebt, unterstützt vom IOC, aus Angst vor Racheakten immer noch versteckt.

          Gleich zweimal fordert die Athletenerklärung Sportlerinnen zum Whistleblowing auf. „Melde unethisches Verhalten ohne Angst vor Vergeltung“, lautet Punkt neun der Rechte. Punkt drei der Pflichten ist die Aufforderung: „Handele gemäß dem Ethikkodex des IOC, und sei ermutigt, unethisches Verhalten einschließlich Doping, Wettbewerbsmanipulation, verbotener Diskriminierung, Missbrauch und Belästigung zu melden.“

          Ein Jahr lang hatte ein Steuerungskomitee aus Sportlerinnen und Sportlern daran gearbeitet und Kritik von Athletenvertretern und Menschenrechtsorganisationen dafür auf sich gezogen, dass der Text nicht ausreichend und der Prozess nicht transparent sei und dass das IOC selbst die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte nicht implementiert habe. Die einstige Ruderin Lenka Dienstbach-Wech, Mitglied der Kommission, verteidigte ihre Arbeit mit dem Hinweis, dass die Athletenerklärung regelmäßig überarbeitet werden solle. Das IOC beruft sich darauf, dass mittels zweier Umfragen mehr als viertausend Sportlerinnen und Sportler am Entstehen der Athletenrechte beteiligt gewesen seien.

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