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IOC-Tagung in Denver Säbelrasseln im Verteilungskampf

24.03.2009 ·  Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muss in der Weltfinanzkrise hausgemachte Probleme bewältigen: Die amerikanische Sonderrolle und Chicagos Bewerbung um die Spiele 2016. Eine Entscheidung gegen Chicago würde viel Geld kosten, der Zuschlag die Zweifel an der Unabhängigkeit des IOC stärken.

Von Evi Simeoni, Denver
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Um das Konferenzhotel im Herzen von Denver heult ein kalter Wind. Noch einmal kommt der Winter, gleichzeitig mit ein paar Dutzend Funktionärsschwergewichten, die in dieser Woche in Colorado hereinschneien. Die Teppichböden in den Tagungsräumen sind gesaugt für eine Serie von diskreten Meetings, für die entscheidenden Absprachen bevorzugt der innere Zirkel dann die Suiten.

Bereits seit Montag wird hinter verschlossenen Türen getagt. Erst die olympischen Sommer- und Wintersportverbände (siehe: Handball-Funktionär Moustafa: Korruption? „Ich glaube nicht“) und die Vereinigung aller internationalen Sportverbände; danach die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die sich wiederum die Berichte der Kommissionen und Organisationen, der Olympia-Ausrichter und Bewerber anhören wird. Die Konferenz heißt Sportaccord, und tatsächlich hat sie etwas Musikalisches: Über allem liegt eine einheitliche Melodie, das Loblied auf den Dollar, mag er auch noch so schwächeln im Kernland der Weltwirtschaftskrise.

Die Wogen schlagen immer höher

Unablässig schwirren Zahlen durch das Hotel. In diesen harten Finanzzeiten werden Verteilerschlüssel in Frage gestellt und Pfründe verteidigt. Schließlich nimmt das IOC viel Geld ein. In der Olympia-Periode von 2004 bis 2008 waren es 4,5 Milliarden Dollar. Da wird Neid wach in allen Zirkeln, besonders mit Blick auf das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC), das seit zwanzig Jahren einen so ungeheuren Löwenanteil ausbezahlt bekommt, dass die Nahrungskonkurrenten – die anderen 205 Nationalen Olympischen Komitees und die 35 internationalen Fachverbände mit olympischen Sportarten – immer wieder vergeblich Sturm laufen.

12,75 Prozent aus der Vermarktung der Fernsehrechte und 20 Prozent der Sponsoren-Einkünfte stehen dem USOC per Vertrag zu. Das waren für Turin 2006 und Peking 2008 364 Millionen Dollar. Für das Zukunftspaket aus Vancouver und London könnten die amerikanischen Einnahmen auf 450 Millionen steigen. Auch innerhalb der IOC-Exekutive schlagen angesichts dieser Zahlen die Wogen immer höher. In Denver soll nach jahrelangen, zähen Verhandlungen nun eigentlich eine Einigung mit dem USOC erzielt werden, die das Ungleichgewicht ein wenig korrigiert. Der Schweizer Denis Oswald (siehe: Handball: Moustafa fordert Spitzenfunktionär Oswald heraus), einer von drei Olympiern, die mit der Konfliktlösung beauftragt sind, hat zuletzt eine Komplett-Auflösung des Vertrages angedroht. Allerdings wird vermutet, dass dem Säbelrasseln vorerst keine Entscheidung folgen wird.

Der Kongress in Kopenhagen rückt immer näher

Je länger die Verhandlungen dauern, desto anrüchiger werden sie, denn der IOC-Kongress in Kopenhagen rückt immer näher. Dort werden am 2. Oktober die Olympischen Spiele 2016 vergeben, mit den Bewerbern Tokio, Madrid, Rio de Janeiro – und Chicago. Den Eindruck, zwischen beiden Themen bestehe ein Zusammenhang, will das IOC unbedingt vermeiden. „Man sollte die Verhandlungen nicht in der Öffentlichkeit austragen“, warnt IOC-Vizepräsident Thomas Bach. „Macht das IOC Druck, dann heißt es, das USOC wird erpresst. Bewegt sich das USOC, heißt es, es will die Spiele kaufen.“

Spätes Entscheiden muss aber nicht immer falsch sein. Davon jedenfalls geht Richard Carrion aus, ein Bankier aus Puerto Rico und Vorsitzender der IOC-Finanzkommission, der die Verhandlungen mit den amerikanischen Bietern um die Fernseh-Übertragungsrechte der Winterspiele 2014 in Sotschi und der Sommerspiele 2016 leitet.

Eine Entscheidung gegen Obamas Heimatstadt würde viel Geld kosten

Carrion will die Rechte diesmal nicht wie bisher üblich schon vor der Vergabe der Sommerspiele im entsprechenden Vertragszeitraum verkaufen.„Solange die Wirtschaftskrise andauert, sollten wir nicht verhandeln“, sagte er in Denver, und diese Auffassung vertritt auch IOC-Präsident Jacques Rogge. „Das hat mit der Vergabe der Spiele nichts zu tun.“

Allerdings brächte eine Entscheidung für Chicago nach diesem Zeitplan erheblich mehr amerikanisches TV-Geld in die IOC-Kasse, schließlich wären es die ersten Sommerspiele seit 1996 im eigenen Land, also zur Prime Time. Eine Entscheidung der Session gegen die Heimatstadt Barack Obamas würde umgekehrt das IOC viel Geld kosten. Bei einem Votum für Chicago aber wäre der politische Preis dramatisch. Die Zweifel an der Unabhängigkeit des IOC könnte wohl keine Public-Relations-Agentur mehr aus der Welt schaffen. „Man muss neben den finanziellen Gegebenheiten auch das große Bild und die politische Wirkung im Auge haben“, sagt Bach.

2008 erheblich mehr Hinrichtungen in China

Wie es aussieht, wird das Geld den Ausschlag geben. 2,2 Milliarden Dollar nimmt das IOC vom amerikanischen Sender NBC für die Fernsehrechte an den Spielen 2010 in Vancouver und 2012 in London ein. Das ist immer noch seine Haupteinnahmequelle. 900 Millionen kommen aus dem exquisiten Kreis der Top-Sponsoren. Allerdings ist deren Anzahl jüngst von zwölf auf neun geschrumpft – drei amerikanische Firmen verabschiedeten sich, vier – Coca-Cola, General Electrics, McDonalds und Visa, sind noch dabei. Nur noch vier von neun – das nimmt dem Argument des USOC, in den Vereinigten Staaten werde das meiste Sponsorengeld Olympischer Spiele akquiriert, mittlerweile seine Wirkung.

Zahlen, Zahlen, Zahlen. Doch es sind noch längst nicht alle. Wie wäre es mit einer Diskussion über die Zahl 1718? So viele Personen hat der chinesische Staat nach dem jüngsten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International 2008 – ungeachtet der riesigen Dunkelziffer – mindestens hingerichtet. Im Olympiajahr also, das dem Land in der Menschenrechtsfrage eine Tendenz zum Besseren hatte bringen sollen. 1718 – viel mehr also als im Jahr 2007, als 470 Vollstreckungen von Todesurteilen bekannt wurden. China, so Amnesty, liegt im Wettbewerb um den „grausamen Weltmeister“ wieder einmal einsam in Führung. Es dürfte den Olympiern im Konferenzhotel zu Denver leichtfallen, festzustellen, dass es sich dabei um erheblich mehr als eine Verdreifachung handelt. Rechnen können sie ja.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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