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IOC-Session Auch Singapur will beim IOC zu den Gewinnern zählen

05.07.2005 ·  Die Wirtschaftsmetropole am Äquator ist Ausrichter der 117. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees. Die „Preußen Asiens“ präsentieren sich für dieses Ereignis von ihrer schönsten Seite und empfangen die olympische Bewegung mit einem perfekten Lächeln.

Von Christopher Hein, Singapur
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Die Hymne von U2 dröhnt aus den Lautsprechern, die Tänzer halten den Rhythmus, der Klang stimmt - und trotzdem ist Glen Goei nicht zufrieden. Zum siebten Mal an diesem Nachmittag bricht er "One World" nach den ersten Takten ab: "Ihr sollt nur klatschen über dem Kopf. Nicht bewegen, nicht die Hüften schwingen", ruft der Regisseur seiner Mannschaft zu. Die Turnhalle stinkt nach Schweiß und Bohnerwachs, die Klimaanlagen surren auf Hochtouren. Es geht wieder los, die Band spielt "One World", die achte. Erst als sie alle stehen, alle klatschen, wie sie sollen, erlaubt Goei eine Viertelstunde Pause. Reis mit Hühnchen aus der Styroporschachtel und zum Nachtisch: wieder üben.

Seit Wochen drillt Goei die besten Wushu-Kämpfer, die besten Break-Dancer, die besten Sänger, die besten Drachentänzer Singapurs hier in der Delta-Turnhalle an der Tiong-Bahru-Straße. Es geht um Großes, um ganz Großes, das größte Sportereignis Singapurs in diesem Jahr, in dieser Dekade. Sport? In Singapur? Heißen nicht die drei liebsten Sportarten des winzigen tropischen Stadtstaates Golfen, Einkaufen, Essen? Doch, diesmal geht es um Sport. Denn die Wirtschaftsmetropole am Äquator ist Ausrichter der 117. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (Siehe auch: Spezial: IOC gibt Olympia nach London). Deshalb wird die Welt in der kommenden Woche nach Singapur blicken. Deshalb wird Singapur alles aufbieten, um sich perfekt zu präsentieren. Und deshalb schleift Regisseur Goei seine Akteure für die Eröffnungsgala.

Zwei Städte werden die Gewinner sein

Am Mittwoch werden die IOC-Mitglieder entscheiden, ob London, Madrid, Moskau, New York oder Paris den Zuschlag für die Austragung der Sommerspiele 2012 erhalten (Verkündung um 13.30 Uhr MESZ). Zwei Städte werden die Gewinner sein, heißt es auf der Tropeninsel: eine der Weltstädte - und Singapur. "Es geht um wichtige Leute. Wir hoffen, ihre Wahrnehmung von Singapur als eine effiziente Stadt, einen Spitzen-Veranstaltungsort nicht nur in Asien, sondern in der Welt zu schärfen", sagt Patrick Lee vom örtlichen Ausrichtungskomitee. 37 akkreditierte Fernsehsender und rund eintausend Journalisten sollen dabei helfen. Auf der Agenda des IOC steht auch die Abstimmung über das olympische Programm der Zukunft; alle 28 Sportarten stehen zur Disposition, fünf neue Verbände buhlen um die Aufnahme. Bei seiner Ankunft am Freitag sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, er erwarte ein sehr enges Abstimmungsergebnis für 2012 mit fünf oder sechs Stimmen Differenz - und sicher nicht einen so überlegenen Sieg wie 2001 von Peking (für 2008). Von Sonntag an tagt zunächst die IOC-Exekutive.

Nach der Chance, sich zu zeigen, greift Singapur wie ein Kleinkind nach dem ersten Ball. Der ehemalige Kolonialhafen der Briten rebelliert gegen sein Bild in der Welt: Zu lange hafte der Vier-Millionen-Stadt der Ruf von Kaugummiverbot, vom Tod am Galgen für ein paar Gramm Hasch, von Stockschlägen im Gefängnis an. Das alles gibt es. Aber tatsächlich ist es nur eine Facette der Stadt. Sie selber sieht sich viel lieber und nicht zu Unrecht als Schmelztiegel der Kulturen, als Scharnier zwischen China und Indien, als eine der offensten und freundlichsten Städte der Welt für den, der pariert, als grüne Lunge Asiens. Nun wollen die Stadt und ihre Regierung - die seit Staatsgründung von der People's Action Party gestellt wird - im Konzert der ganz Großen mitspielen.

Schmelztiegel der Kulturen

Der Grund liegt auf der Hand. Singapur lebte bis in die neunziger Jahre gut von der Billigproduktion, von seinem Weltklassehafen und einem Spitzenflugplatz, von den Asien-Sitzen großer Konzerne. Der Hafen und der Flughafen sind immer noch gut, doch vom Messer-Gabel-Löffel-Produzenten WMF bis zur Führung von General Motors sind viele inzwischen nach China umgezogen. Also braucht der Zwergstaat neue Jobs und dafür ein neues Image. Er setzt auf Wissenschaft, Gesundheitsfürsorge, Kunst und Musik, Tourismus. Im runderneuerten Singapur sollen Gäste länger bleiben, als nur zum Luftschnappen vor dem Weiterflug nach Sydney.

Deshalb will Singapur am Mittwoch rund eine Milliarde Fernsehzuschauer locken. Der Äquatorstaat hat als erster Ausrichter das Recht erhalten, vor der Wahl einen zweiminütigen Imagefilm, danach noch einmal einen einminütigen Film in das weltweite Programm einzuspeisen. Der Singapur-in-drei-Minuten-Spot hat einen Werbewert von mehr als zwei Millionen Dollar. Insgesamt wird die IOC-Vollversammlung das Land gut zwei Millionen Singapur-Dollar (986.000 Euro) kosten, aber einen Gewinn von rund vierzig Millionen Dollar bringen.

Aufwärmen vor dem eigentlichen Spiel

Dabei ist sie nur das Aufwärmen vor dem eigentlichen Spiel: Im kommenden Jahr ist der Inselstaat Gastgeber der Jahrestagungen von Internationalem Währungsfonds und Weltbanktreffen. Dann wird die internationale Finanzelite einfliegen - und diese Gäste sind der Finanzmetropole zweifelsohne näher als die Mitglieder der olympischen Familie. Die fünf Bewerberstädte für 2012 kommen mit gekrönten Häuptern, mit Staatsmännern und mit Prominenz aus Sport und Show - so wie Königin Sofia, David Beckham, Jacques Chirac, Muhammad Ali und Tony Blair. Sie alle werden in der neuen Konzerthalle Esplanade empfangen.

Die "Preußen Asiens" überlassen dabei nichts dem Zufall: Uniformierte Polizei ist im Stadtbild kaum zu sehen - und doch gilt die Metropole als Bollwerk gegen den Terrorismus. Demonstrationen gibt es nicht. Daimler-Chrysler hat dem IOC eine Flotte von Mercedes-Limousinen gestellt. Und nur ein einziger geladener Gast wird Besseres fahren: Lee Kun Hee bekommt einen Maybach. Denn er ist Chairman des koreanischen Olympia-Sponsors Samsung und fährt schließlich auch in Seoul Maybach. Die Stewardessen von Singapore Airlines haben die freiwilligen Helfer für die Betreuung der fast 5000 Gäste aus aller Welt geschult. Chefstewardess Cassandra Kerb lehrte die Freiwilligen, ihr Gesicht statt zu pudern mit einer Lotion zu erfrischen - die wirkt länger.

Bestechungsfreie Zone

Aus Sicht des IOC ist Singapur klug gewählt. Denn der Stadtstaat gilt als bestechungsfreie Zone. Ein Ruf, der vielleicht auf das Komitee abfärben soll. So wie umgekehrt etwas Sportlichkeit Singapur gut täte. Zwar hat es zweimal die Asienspiele ausgerichtet, hat gute Badminton- und Tischtennis-Spieler, ist Spitze im Wasser-Polo, hält sich ansehnlich beim Schwimmen und im Segeln. Der Standard Chartered Singapore Marathon brachte 9914 Läufer an den Start - trotz Temperaturen von 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Im Fußball indes fiel Singapur bislang nur auf, als es den deutschen Torwart Lutz Pfannenstiel wegen der Manipulation von Spielen ins Gefängnis steckte.

Sport dient hier freilich immer höheren Zwecken: dem Geldverdienen und dem Sozialgefüge. Die graue Eminenz der Stadt, Staatsgründer Lew Kuan Yew, dessen einer Sohn Ministerpräsident ist, der andere Leiter des größten Staatskonzerns, bedauerte jüngst, nicht die Formel 1 in die Stadt geholt zu haben - wäre sie doch ein gutes Geschäft geworden. In der "Sporting Vision" des Staates heißt es: "Sport hilft dabei, ein unverwüstliches Volk zu schaffen, mit Tugenden wie Durchhaltevermögen, Konzentration, Disziplin, Mannschaftsgeist, Kreativität, dem Verlangen, sich immer wieder zu übertreffen, und einem gesunden Lebensstil. Sport ist ein effektiver Weg, Menschen unserer multikulturellen Gesellschaft zusammenbringen. Sport hilft, den Nationalstolz zu steigern und internationales Ansehen zu gewinnen."

Dabei will auch Irwan Abu Shama helfen. Der 26 Jahre alte Leiter eines Starbuck-Cafes ist einer von 20 Singapurern, die die Ankömmlinge am Flugplatz Changi noch an der Gangway begrüßen werden. "Der erste Eindruck ist entscheidend", sagt Irwan. "Es geht nicht darum, ,Hi, willkommen in Singapur' zu sagen. Ich werde unseren Gästen ein warmes, herzliches Lächeln bieten." Christoph Hein

Quelle: F.A.Z., 02.07.2005, Nr. 151 / Seite 32
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