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IOC-Präsidentschaftswahl Heimlich auf den Olymp

 ·  Thomas Bach ist Favorit für die Wahl zum IOC-Präsidenten am Dienstag. Seit zwölf Jahren hat er den Aufstieg vorbereitet. Bach ist beschlagener als die Konkurrenten. Man spürt die Selbstzucht, die Kontrolle, den Streber.

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© Illustration Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Bach erwartet den Thron: Am Dienstag wird sich zeigen, ob sein Masterplan aufgeht

Merkwürdig, wie leicht Thomas Bachs Schritte in diesen Tagen wirken. So, als wäre die Last schon jetzt von ihm abgefallen, die er auf seinem jahrzehntelangen Ultramarathon von Tauberbischofsheim bis nach Buenos Aires mit sich herumgetragen hat. Er ist so munter und gut gelaunt, als fiele nicht an diesem Dienstag (17.30 Uhr) eine der wichtigsten Entscheidungen in seinem Leben. Er wirkt so optimistisch, dass die vielen Beobachter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) staunen. Was ist das für ein verfrühtes Hochgefühl? Thomas Bach, der bei der 125. Vollversammlung des IOC eines der prestigeträchtigsten Ehrenämter der Welt für sich erobern will, scheint jetzt schon zu schweben.

Jede Faser treibt ihn dem Showdown zu, der Planche, auf der er zum ultimativen Gefecht antreten wird, gleich gegen fünf Rivalen. „Es ist wie in Athletenzeiten“, sagt der 59 Jahre alte Kandidat für die Nachfolge des IOC-Präsidenten Jacques Rogge. „Wenn man lange genug trainiert hat, will man auch ran.“ Bach ist Jurist, ein Stratege, ein Abstrahierer. Es muss ein kaltes Fieber sein, das ihn treibt. Das ihn nie in Ruhe lässt. Immer wieder behauptet Bach, er habe in all den vielen Jahren, in denen er sich systematisch auf das Amt des IOC-Präsidenten vorbereitete, nie daran gedacht, dass er sich auf das Amt des IOC-Präsidenten vorbereiten müsse.

„Ich bin einfach ein neugieriger Mensch“

Aber wenn er es nicht war - wer war es dann? Wer war es, der ihn alles tun ließ, um sich zu qualifizieren für diesen Posten, der ihm die richtigen Zeitpläne einflüsterte, die passenden Momente ansagte, um sich zu positionieren, die jahrelange Kleinarbeit auftrug, mit der er sich bei den Wählern profiliert hat? Wer hat ihn dann den Berg hinaufgeführt, in immer dünnere Luft, höher und höher hinaus bis zu diesem Punkt, diesem Tag in Buenos Aires, in den Biwak kurz vor dem Gipfel der Macht? „Ich bin einfach ein neugieriger Mensch“, sagte er einmal schulterzuckend angesichts seiner verblüffenden Spezialausbildung.

Er hat alles gelernt, was es für das höchste Amt im Sport zu lernen gibt, ein selbstauferlegtes Lebens-Präsidentenvolontariat gemacht in Praxis und Theorie. Angefangen mit dem Zweikampf auf Florett, Mann gegen Mann, Willen gegen Willen, Taktik gegen Taktik, der ihn bis zur Mannschafts-Goldmedaille 1976 in Montreal führte. Beim Fechtmeister Emil Beck, dem Vater des Tauberbischofsheimer Welterfolgs, studierte er die Bunkermentalität, und auch, wie man sich dagegen auflehnt. Beim einstigen FDP-Strategen Wolfgang Mischnick eignete er sich alles an, was er über Politik wissen musste. Bach kam Anfang der siebziger Jahre beim Straßenwahlkampf in seiner Heimatstadt mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden ins Gespräch und war beeindruckt.

Das Geschäft mit Stars und Emotionen

Später, während seines Referendariats, absolvierte er ein Praktikum in Mischnicks Büro. Vom Sportführer Willi Daume lernte er die Prinzipien des Olympismus und die Verbindung zur Kultur. Er arbeitete für den Sportartikelhersteller Adidas und begegnete Horst Dassler, dem mächtigen Strippenzieher des Sports der frühen achtziger Jahre. Allerdings nur für drei Monate, wie Bach betont. Er begann seine Tätigkeit im Herbst 1985 und war zuständig für internationale Promotion und Ausrüsterverträge. 1986 erkrankte Dassler schwer und starb ein Jahr später, bald darauf verließ Bach die Firma in Herzogenaurach wieder.

Doch in der kurzen Zeit erhielt er Einblick in die ökonomischen Zusammenhänge innerhalb des Sportsystems, das Geschäft mit Stars und Emotionen, die Machtergreifung des Kommerzes. Für diesen Wandel stand der Spanier Juan Antonio Samaranch, der in den 21 Jahren seiner Amtszeit als IOC-Präsident die olympischen Arenen in Marktplätze umwandelte. Auch er war Bachs Förderer. Als Wirtschaftsanwalt eignete er sich Fähigkeiten in Handel und Wandel an, als Vermittler zwischen arabischen und deutschen Wirtschaftsinteressen lernte er, das Denken radikal verschiedener Geschäftskulturen zu verbinden, als Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen machte er sich finanziell unabhängig für seine Karriere als Sportpolitiker.

© REUTERS Vergrößern Thomas Bach: Was ist das für ein verfrühtes Hochgefühl?

Wegen seines Berufs geriet er immer wieder in die Kritik. Als Präsident der deutsch-arabischen Handelskammer Ghorfa wurde er von seinen Gegnern für den Boykott israelischer Waren durch arabische Kunden verantwortlich gemacht. Außerdem wurden ihm Interessenkonflikte unterstellt. Bach würde dieses Amt im Fall seiner Wahl niederlegen. Im Jahr 2008, im Rahmen des Schmiergeldskandals bei Siemens, fiel auch Bachs Name, weil er als Berater mit einem sechsstelligen Jahreshonorar entlohnt worden war. Obwohl ihm kein Vergehen nachgewiesen wurde, verlor er den Vertrag.

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