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IOC-Präsidentschaftswahl : Expedition auf den Olymp

Der Deutsche im Olymp: Thomas Bach kandidiert für die Präsidentschaft Bild: dpa

Thomas Bach gibt als Erster seine Kandidatur für das Amt des IOC-Präsidenten bekannt. Der Fecht-Olympiasieger von 1976 fühlt sich nach 33 Jahren in zahlreichen Ehrenämtern „gut trainiert für das Amt“.

          Das erste Rennen um das Präsidentenamt des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat Thomas Bach gewonnen. Er hat als erster Anwärter seine Kandidatur öffentlich gemacht, einen Monat vor Ablauf der Frist. Das ist eine clevere Eröffnung, die einem Olympiasieger im Florettfechten alle Ehre macht: Bach ist es, der den Beginn des Gefechts bestimmt und den ersten Angriff plaziert, seine möglichen Gegner müssen nun auf ihn reagieren, nicht umgekehrt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Typisch Bach. Auch, dass er für die Wahl des Zeitpunkts eine völlig andere, und wahrscheinlich auch ehrliche Erklärung liefert. Er habe, sagte er am Donnerstag Nachmittag bei der Präsentation seiner Kandidatur in Frankfurt, nicht weiter eine Hängepartie spielen wollen. „Ich möchte meinen Kollegen vom IOC offen entgegen treten.“ Und - dies ließ er wiederum unerwähnt - nun können seine Förderer endlich ganz offen bei den IOC-Mitgliedern für ihn werben. Seine „Freunde und Freundinnen im IOC“, die ihn in Gesprächen zur Kandidatur ermutigt haben.

          Erst „vor einigen Tagen“, sagte Bach, habe er sich dazu entschlossen. Wobei offen ist, wie viele Tage das waren. 136 - seit er unterm Weihnachtsbaum endlich einmal in Ruhe zum Nachdenken kam? Oder etwa 12.000 - seit er im Jahr 1980 vergeblich zu verhindern versucht hatte, dass die Bundesrepublik wie nahezu die ganze westlichen Welt die Olympischen Spiele 1980 in Moskau boykottierte? „Damals habe ich beschlossen, mich sportpolitisch zu betätigen“, sagte der 59 Jahre alte Bach in Frankfurt: „Weil so etwas den nachfolgenden Sportlergenerationen nicht mehr passieren darf.“

          Erst der zweite deutsche Bewerber jemals

          Sollte in diesem Moment der Mantel der olympischen Geschichte durch das nüchterne Siebziger-Jahre-Gebäude in der Otto-Fleck-Schneise geweht sein, wo der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seinen Sitz hat, so war er nicht zu spüren. Bach wirkte erst gefasst und dann sogar ausgesprochen munter und mitteilsam, so als wäre er erleichtert, dass es nun endlich heraus ist: Am 10. September will der Tauberbischofsheimer bei der 125. IOC-Vollversammlung in Buenos Aires zum Präsidenten gewählt werden, als Nachfolger des Belgiers Jacques Rogge, dessen Amtszeit nach zwölf Jahren endet.

          Bach ist nach Willi Daume, dem 1980 der Boykott der Bundesregierung alle Chancen nahm, erst der zweite Deutsche, der versucht, auf den Olymp zu stürmen. Sollte Bach neunter Präsident des IOC werden, könnte man sagen, er habe seinen Job von der Pike auf gelernt. In ihm brennt immer noch das Feuer des Athleten - gleichzeitig strebt er mit der kühlen Berechnung eines Wirtschaftsmanagers seinen Zielen entgegen. 1981 wurde er in die neu gegründete Athletenkommission des IOC berufen, zehn Jahre später nahmen ihn die Olympier ganz in ihren Kreis auf. Seit mehr als 21 Jahren ist er Mitglied der Marketing-Kommission, seit 20 Jahren sitzt er in der Juristischen Kommission, seit 18 Jahren in der Kommission Sport und Recht, die beiden letzteren leitet er seit zwölf Jahren.

          „Ich möchte das Amt als Ehrenamt ausüben“

          2010 wurde er bereits zum dritten Mal zum Vizepräsidenten des IOC gewählt. Bach sitzt regelmäßig den Disziplinarkammern bei Olympischen Spielen vor, wo hauptsächlich Verstöße gegen die Dopingregeln verhandelt werden. Als Gründungspräsident des DOSB führt er seit 2006 eine komplexe Sport-Dachorganisation an. Er glaube, sagte Bach „so gut trainiert zu sein für das Amt“, dass er nun den Entschluss gewagt habe. Sein schärfster Gegner könnte der puerto-ricanische Bankier Richard Carrion werden, Rogges Geldbeschaffer, der dem IOC allein durch den Rekord-Vertrag mit dem amerikanischen Fernsehsender NBC 4,382 Milliarden Dollar für die Spiele 2014 und 2016 einspielte.

          Als Wirtschaftsanwalt und -Berater mit einer Kanzlei in Tauberbischofsheim hat Bach die für seine Ehrenämter nötige finanzielle Unabhängigkeit erworben. Er kann es sich sogar erlauben, Jacques Rogges Vorschlag zurückzuweisen, dem nächsten IOC-Präsidenten ein Gehalt zu bezahlen. Das IOC könnte es sich leisten. „Wenn ich gewählt werde, möchte ich das Amt als Ehrenamt ausüben“, sagte Bach: „Wie der bisherige Präsident.“ Seine beruflichen Tätigkeiten würde er der Präsidentschaft opfern, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er nutze seine Beziehungen zum eigenen finanziellen Vorteil: Den Vorsitz der Arabisch-Deutschen Handelskammer zum Beispiel.

          Nur den Aufsichtsratsvorsitz der Weinig AG in Tauberbischofsheim, des Weltmarktführers für Maschinen zur Massivholzbearbeitung, würde er behalten, schon aus Heimatverbundenheit. Auch die Präsidentschaft des DOSB würde er für das höchste Amt im IOC aufgeben. Die eventuelle Nachfolge ist noch nicht geregelt. Im Fall von Bachs Wahlerfolg müsste der Vizepräsident Finanzen, Hans-Peter Krämer, ihn zunächst vertreten. Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB, erklärte, dass Bachs möglicher Abschied zwar bedauerlich wäre, aber durch die Freude aufgewogen würde, dass er als IOC-Präsident sein Wirken fortsetzen könne.

          Und einer möglichen Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2022, da waren alle einig, könne ein IOC-Präsident Bach nur nützen. Erst, wenn die Bewerbungsfrist abgelaufen ist, will Bach ein ausgefeiltes Wahlprogramm präsentieren. Bis dahin müssen die Schlagworte „Einheit in Vielfalt“ ausreichen, die auch schon über seiner programmatischen Rede beim Olympischen Kongress 2009 in Kopenhagen standen. Darin betonte er die Notwendigkeit, die Autonomie des Sports gegenüber jeder politischen Einflussnahme zu bewahren. Aus dem Alltagsgeschäft sind Bachs Positionen in vielen Fragen bekannt.

          So will er die Programmreform konstruktiver gestalten, die Jugendspiele reformieren und die Diskussion und Kommunikation sowohl innerhalb des IOC als auch des IOC mit vielfältigen gesellschaftlichen Kräften intensivieren. Erst einmal aber jettete Vielflieger Bach nach Rom, zur Jubiläumsfeier der Olympischen Akademie Italiens. Dort vertrat er IOC-Präsident Jacques Rogge.

          Quelle: F.A.Z.

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