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IOC-Präsidentenwahl Wahlkampf hinterm Graben

Olympischer Sechskampf in Lausanne: Die Kandidaten für das Amt des IOC-Präsidenten befinden sich im Kampf Mann gegen Mann. Der deutsche Anwärter Thomas Bach sammelt fleißig Stimmen.

© AFP Sammelt in Lausanne Stimmen für die IOC-Präsidentschaft: Thomas Bach

Ein Löwengehege ist kaum besser gesichert: Wenn die Olympier in den Sitzungspausen ihrer außerordentlichen Vollversammlung in Lausanne einen Kaffee trinken wollten, mussten sie ein rechteckiges Areal betreten, das mit einem Graben vom Rest der Halle getrennt war. Jenseits des Grabens die Beobachter, zwar ohne Kaffee, aber mit einer glänzenden Aussicht auf eine einzigartige Versuchsanordnung: Eine Auswahl der 88 Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die sich im Kongresszentrum Beaulieu versammelt hatten, unter ihnen sechs Kandidaten, die um die Gunst der anderen warben, weil sie am 10. September zum Nachfolger von IOC-Präsident Jacques Rogge gewählt werden wollen. Der Lebhafteste im Schwarm: Thomas Bach aus Tauberbischofsheim, unermüdlich, die Figur mit den meisten Kontaktaufnahmen. Der 59 Jahre alte Bach schüttelte Hände, klopfte Schultern, lächelte gewinnend und amüsierte sich anscheinend köstlich über die Scherze der anderen.

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Aber auch Bachs wichtigste Rivalen waren nicht untätig: Das bezaubernde Lächeln, das der Puerto Ricaner Richard Carrión an den beiden Sitzungstagen strahlen ließ, hatten einige noch nie an dem erfolgreichen Finanzmann gesehen. Ng Ser Miang hingegen, der dritte Top-Kandidat im präsidialen Sechskampf, saß meistens in ruhiges Gespräch versunken an einem Tischchen. Asiatische Unauffälligkeit - der Geschäftsmann aus Singapur kämpft eben auf seine Weise. Dazwischen, mal hier mal da, die weiteren Stimmenjäger Wu Ching-Kuo aus Taiwan, Sergej Bubka aus der Ukraine und Denis Oswald aus der Schweiz. Und schließlich eine besondere Bewegung im Getümmel: Bach und Carrión gingen aufeinander zu und eröffneten sofort eine Runde anscheinend lockersten Smalltalks. Was leider fehlte in diesem Verhaltenslabor, war ein Detektor für die vielen Dolche im Gewande. „Dies“, erläuterte Carrión später gut gelaunt, „ist ein Kampf Mann gegen Mann“.

Das Eis gebrochen

Am Donnerstagnachmittag ging es drinnen im Saal - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - direkt in den Ring. Jeder aus dem Sextett erhielt 15 Minuten Zeit, um im Plenum für sich zu werben. Als Bach die Kampfstätte verließ, wirkte er energiegeladen, sogar ein bisschen aufgekratzt. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte er. „Ich hoffe, dass ich die Botschaft gut rübergebracht habe.“

Und nicht nur das. Bach erhielt für eine Anekdote Szenenapplaus. Er erzählte seinen Kollegen, wie er 1991 als Neuling ins IOC aufgenommen wurde und der damalige Doyen ihn über die wichtigsten Tugenden eines IOC-Mitglieds aufklärte. Die erste: „Wenn du sprichst, beginne immer damit, den Präsidenten zu loben.“ Die zweite: „Lerne mit offenen Augen zu schlafen.“ Die dritte: „Wenn du mit offenen Augen zu schlafen gelernt hast, bewege dabei auch noch deinen Kugelschreiber. Dann kannst du es in dieser Organisation weit bringen.“ Damit habe er das Eis gebrochen. Zur Bedeutung dieser Art von Präsentationen gibt es keine Erfahrungswerte. Zum ersten Mal in der IOC-Geschichte fand eine solche Selbstdarstellungsrunde statt.

Keine Karriere als Sportler

Bach hatte sein handgeschriebenes Manuskript mitgebracht, auf optische Effekte verzichtete der konservative Wirtschaftsanwalt ganz. Inhaltlich stützte er sich auf die zentralen Fragen in seinem Wahlmanifest, das er unter das Generalmotto „Einheit in Vielfalt“ gestellt hat: Stärkung der Mitglieder, Reform des Programms und Eindämmung der Kosten Olympischer Spiele. „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagte er, „aber es geht hier um das Gefühl der Mitglieder.“ Olympische Werte, Stopp dem Gigantismus, Förderung und Erziehung der Jugend - diese Schlagworte dürften auch Bachs fünf Gegner in ihren Präsentationen genutzt haben.

Auch Bankier Carrión, der als erster Redner an die Reihe gekommen war - Bach war Dritter -, erläuterte, nach dem Marathon immer noch schweißgebadet, wie sehr ihm die Werte der Olympischen Bewegung ans Herz gewachsen seien. „Ich bin zwar ein Bankier“, sagte der Finanzchef des IOC. „Und Geld ist mir wichtig. Aber es ist nicht das Wichtigste.“ Offenbar war das eine kluge Strategie, obwohl der Sechzigjährige keine Karriere als Sportler vorzuweisen hat. Auch Carrión erhielt viel Zuspruch und Schulterklopfen auch von kritischen Mitgliedern.

Und? Wie steht’s im Rennen? „Der generelle Eindruck ist, dass Dr. Bach in Führung liegt“, sagte das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady. Immerhin eine Einschätzung. Der raubeinige Kanadier Richard Pound reagierte auf die Frage nach seinem Favoriten übellauniger: „Wollen Sie mich veräppeln?“, gab er zähnefletschend zurück. Die Regeln sind aber auch streng: Ein IOC-Mitglied, das für einen Kandidaten öffentlich Position ergreift, macht sich eines Vergehens gegen die strikten Ethik-Regeln schuldig.

Der mächtige Scheich Ahmad Al Sabah aus Kuweit zum Beispiel, der als engagierter Bach-Unterstützer gilt, ließ Fragesteller lieber von einem seiner Adlaten verjagen, wohl um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Untereinander allerdings, dies verriet der langjährige IOC-Marketingchef Gerhard Heiberg, redeten die Mitglieder „über nichts anderes“. Der Norweger hatte von keinem der Kandidaten etwas Revolutionäres erfahren. „Aber einer war besser als alle anderen.“ Wer das war? Darüber schwieg auch er.

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Quelle: F.A.Z.

 
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