30.01.2006 · Der schwedische Wissenschaftler Bengt Saltin spricht im Interview mit der F.A.Z. über den Gendoping-Verdacht gegen den Trainer Thomas Springstein, tödliche Risiken - und das Katz- und Maus-Spiel von Kontrolleuren und Athleten.
Der Schwede Bengt Saltin ist Vorsitzender der medizinischen Kommission des Internationalen Ski-Verbandes (FIS). Unter anderem 2002 mit dem olympischen Preis für Sportwissenschaft ausgezeichnet, ist der Siebzigjährige mit mehr als einem halben Dutzend Ehrendoktortitel dekoriert.
Er ist noch aktiv als Professor und Leiter des Muskelforschungszentrums der Universität von Kopenhagen. Die F.A.Z. hat ihn konfrontiert mit dem Gendoping-Verdacht gegen Thomas Springstein (Siehe: FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen). Springstein ist in Magdeburg des Dopings Minderjähriger angeklagt.
In einer E-Mail aus einem beschlagnahmten Computer des Leichtathletik-Trainers Springstein ist die Rede von der Substanz Repoxygen. Daraus kann man schließen, daß sie bereits auf dem Schwarzmarkt gehandelt und folglich auch im Leistungssport als Gendoping eingesetzt wird. Überrascht Sie das?
Das sogenannte Epo-Gen wurde vor Jahren schon geklont. Das ist keine Überraschung. Es wurde an verschiedenen Tieren, darunter Affen, eingesetzt; man kann sagen, mit gewissem Erfolg: Es war nicht schwer, es in einen Muskel zu bekommen. Einerlei, in welchem Gewebe es steckt, produziert es, sobald es aktiviert ist, das Protein, das in den Blutstrom gelangt und das Knochenmark zur Produktion von Hämoglobin anregt. Aber was nicht gelöst ist: Wenn es erst einmal aktiviert ist, bleibt es aktiv. Man bekommt zu dickes Blut und wird an Thrombose sterben.
Das sagen Wissenschaftler seit Jahren und Monaten und schließen daraus, daß niemand das Risiko eingehen würde. Wenn Repoxygen aber auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird, dürfte es doch wohl auch eingesetzt werden. Haben Sie daran Zweifel?
Vielleicht bin ich naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgend jemand einsetzen würde. Was sie vielleicht versuchen könnten - und das basiert auf den Experimenten mit Affen -, ist, daß sie eine ganz, ganz geringe Menge einsetzen und hoffen, daß möglicherweise der Effekt auf den ganzen Körper nicht zu gering ist. Aber ich lehne es ab zu glauben, daß Repoxygen in Gebrauch ist. Der Schritt, der dieses Jahr in der Forschung unternommen wurde, war wichtig: zu versuchen, das Epo-Gen besser unter Kontrolle zu bekommen, es ein- und ausschalten zu können. Es gibt Fortschritt, aber noch keinen entscheidenden. Wenn er gelingt, wird das eine medizinische Sensation sein; Repoxygen wird ein sehr gutes Medikament für Nierenpatienten sein - und eine echte Bedrohung für den Sport. Aber noch beträgt das Risiko fast hundert Prozent. Wenn man es einsetzt, wird die Person sehr wahrscheinlich sterben. Statt das Gen im Muskel zu plazieren, gab es Experimente, es in Hautzellen zu verankern. Aber es gibt noch keine abschließenden Berichte, daß es wirkt.
Sie scheinen sich auf Vernunft und Intelligenz von Athleten zu verlassen. Als Anfang der neunziger Jahre Erythropoietin (Epo) aufkam, starben viele Radrennfahrer. Es hat die anderen nicht davon abgehalten, es einzusetzen.
Es gibt immer welche im Sport, die bereit sind, das Risiko einzugehen, ob es der Athlet selbst ist oder sein Umfeld. Was man sagen muß: Testosteron hat Nebenwirkungen und birgt Risiken und hat vermutlich auch Spätfolgen. Aber wenn man aufhört, es zu nehmen, ist es weg. Wenn man ein Gen einsetzt, ist das etwas für den Rest des Lebens. Das gibt Gendoping eine völlig andere Dimension im Vergleich zu dem, was jetzt läuft. Ich hoffe, daß das ein ausreichendes Argument für alle im Sport ist. Aber vielleicht haben Sie ja doch recht.
Sie verlassen sich nicht nur auf Dopingtests, sondern verfolgen auch Muster. Was sagen die Muster der Bluttests im nordischen Skisport in dieser Saison?
Der Grund für dieses „profiling“ ist zweifach. Man kann die Skilangläufer in zwei Gruppen einteilen. Die einen zeigen stabile Werte durch die gesamte Saison; die Profile sehen Jahr für Jahr gleich aus, es macht nicht mal einen wirklichen Unterschied, ob es Sommer oder Winter ist. Und es gibt eine Gruppe, die immer kleiner und kleiner und kleiner wird, bei der man Schwankungen sieht; keine großen, aber Schwankungen. Das hilft, wenn man nach denen sucht, die manipulieren. Sie werden eher in der kleinen Gruppe sein als in der großen.
Wie viele sind das?
Von unseren drei-, vierhundert Sportlern sind das vielleicht noch ein bis zwei Prozent.
Nicht mehr als ein Dutzend?
Genau. Wenn man also die Kultur der Manipulation ändern will, muß man auf die Blutwerte schauen. Wir sind vielleicht noch nicht zu hundert Prozent erfolgreich, aber immer mehr Athleten glauben, daß das Risiko, erwischt zu werden, so groß ist, daß sie sich lieber auf sauberes Training verlassen.
Wie viele Schutzsperren mußten Sie in diesem Winter aussprechen wegen zu hoher Hämatokritwerte?
Vier oder fünf.
Letztes Jahr zu dieser Zeit waren es sechs, und Sie waren besorgt. Sind Sie dieses Jahr nicht besorgt?
Wir sind in Kontakt mit den betroffenen Athleten und haben mit ihren Betreuern medizinische Ansichten diskutiert. Wir haben einige zusätzliche Untersuchungen machen können. Wir haben jetzt eine Basis, um zu verstehen, warum es Schwankungen und hohe Hämoglobinwerte gibt.
Einer der Fälle war der deutsche Langläufer Jens Filbrich. Nach einer Schutzsperre und einer Auseinandersetzung hat die FIS ihm nun vorläufig den Ausnahmestatus gewährt, er kann den Hämoglobin-Grenzwert von 17 straflos überschreiten. Sie sagten, aus Gründen, die Sie nicht vollständig verstünden, schwankten Filbrichs Werte.
Jens Filbrich ist einer, bei dem wir seit Jahren große Schwankungen sehen. Wir hatten gehofft, das in diesem Jahr besser zu verstehen. Zumindest mir sind die Gründe unklar. Der Durchschnitt der Weltcup-Teilnehmer ist unter 15 Gramm Hämoglobin; das entspricht knapp fünfzig Prozent Hämatokrit. In Filbrichs Fall - er wurde ja in der deutschen Presse diskutiert - liegt er übers Jahr näher bei 16, schwankt aber zwischen 15 und 17. Das ist nicht sehr üblich. Natürlich ist es meine Aufgabe, mißtrauisch zu sein und herauszufinden, woran das liegt. Seine Werte liegen leicht über dem Durchschnitt, aber weit unter denen eines anderen deutschen Langläufers, der sehr hohe natürliche Werte hat.
Er stand in allen Zeitungen: Franz Göring.
Dessen Werte sind stabil. Er hat darüber gesprochen, daß seine Werte ihm helfen, ein guter Langläufer zu sein. Aber wenn Sie Ihre allerbesten Läufer nehmen...
...Teichmann und Angerer.
Sie haben absolut normale Werte.
Als Wissenschaftler in der Muskelforschung benutzen Sie Biopsie, um in den menschlichen Körper zu schauen. Glauben Sie, daß diese Technik der Entnahme von Muskelzellen im Zeitalter des Gendopings zur Kontrolle im Sport angewandt werden muß?
Das glaube ich nicht. Aber Sie berühren ein wirkliches Problem: Zum Beweis für Doping brauchen wir den Nachweis, daß die verbotene Substanz im Körper des Athleten war oder ist. Ich glaube nicht, daß das funktioniert, wenn Gendoping sich verbreitet. Es ist unmöglich, das Gen zu finden. Deshalb müssen die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden, nach Indizien zu urteilen. Die Technik wird sein, nach verschiedenen Variablen des Blutes zu schauen.
Bitte erklären Sie das.
Wenn Sie zum Beispiel Epo nehmen, wird das Knochenmark angeregt, mehr rote Blutzellen herzustellen. In diesem Prozeß wird man die Aktivität des Markes nachweisen können, mehr Epo im Blut und einen hohen Hämoglobinwert. Dies alles passiert im richtigen Leben nicht zugleich. Wenn Hämoglobin zunimmt, stoppt der Körper die Produktion von Epo. Die beiden Werte können nicht gleichzeitig hoch sein. Und das ist nur ein ganz einfaches Beispiel. Uns fehlt es nicht an vertretbar einfachen Methoden, die Funktion von zusätzlichen Genen nachzuweisen, wenn sie dem Körper zugeführt wurden.
Nutzen Sie diese bereits?
Noch lassen unsere Regeln diesen Ansatz nicht zu. Ich verstehe nicht, warum. Wenn man diese Blutuntersuchung zuließe, wäre Gendoping leicht nachzuweisen.
Skilangläufer haben doch Blutuntersuchungen generell zugestimmt.
Das schon. Aber man kann auf dieser Basis keine Sanktionen durchsetzen. Im Blut kann man nur eine Reflexion davon nachweisen, daß etwas getan wurde. Aber die Dopingregeln lassen eine Beweisführung auf dieser Basis nicht zu.
Sie können schon bei den Olympischen Winterspielen in Turin wissenschaftlich nachweisen, ob jemand Gendoping praktiziert, aber Sie könnten ihn nicht vom Wettbewerb aussperren?
Sie sagen es ein bißchen direkter, als ich es sagen würde. Wir haben die Zustimmung der Skilangläufer, daß wir Untersuchungen an ihrem Blut vornehmen dürfen, die über die Dopingtests hinausgehen. Bei den Weltmeisterschaften in Val di Fiemme 2003 durften wir das auch und haben nach Substanzen gesucht, die wir zu jener Zeit relevant fanden. Ob wir das in Turin machen werden, kann ich nicht sagen.
Werden Sie die Athleten um Erlaubnis fragen?
Diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten. Ich unternehme mal eine realistische Spekulation: Wenn wir die Erlaubnis bekommen würden, zusätzliche Untersuchungen des Blutes vorzunehmen, und würden nach erhöhten Epo-Werten suchen, diente dies lediglich wissenschaftlichen Zwecken. Wir würden herausfinden, was wirklich vorgeht - und das im Hinterkopf behalten für künftige Maßnahmen.
Haben Sie einen Verdacht, was aktuell läuft?
Die wirkliche Bedrohung ist heutzutage kein Epo-Gen. Die wirkliche Bedrohung ist, daß man eine geringe Menge Epo benutzt. Da der Urintest auf Epo nicht so empfindlich ist, kann man das. Wir haben Hinweise darauf, daß so etwas läuft. Wir sehen die Anzeichen, aber wir können die Täter nicht kriegen. Wir jagen sie ganz gezielt, in ganz enger Zusammenarbeit mit dem Internationalen Olympischen Komitee und der Welt-Anti-Doping-Agentur - und können so vielleicht das Risiko minimieren.
Das Gespräch führte Michael Reinsch.
Stimmen zum Gendoping-Verdacht gegen Thomas Springstein:
Peter-Michael Diestel, Anwalt von Thomas Springstein: „Thomas Springstein hat sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Bis zum Doping ist es noch ein Riesenschritt. Wenn es sich bei den veröffentlichten E-Mails um die handelt, die auch Teil der Ermittlungsakte sind, ist es keine neue Dimension des Falls. Wenn in den Mails etwas Strafbares dringestanden hätte, wäre das auch Teil der Anklage geworden, ist es aber nicht.“
Thomas Bach, Leiter der Juristischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees: „Ein Blick ins Horrorkabinett“.
Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes: „Diese neue Dimension des Dopings läßt Horrorphantasien Wirklichkeit werden. Wenn der offensichtlich galoppierenden Manipulation nicht weltweit mit großer Entschiedenheit Einhalt geboten wird, dann dürften wir in vielen Spitzenbereichen bald das haben, was den Namen Sport nicht mehr verdient.“
Helmut Digel, Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes: „Wir haben in Deutschland ein Dopingproblem im Hochleistungssport und sollten nicht immer auf andere wie die Amerikaner oder die Russen zeigen.“
Clemens Prokop, Richter und Präsident des Deutsche Leichtathletik-Verbandes: „Wir werden das Verfahren aufmerksam verfolgen und nach dessen Abschluß angemessen darauf reagieren. Es wäre nicht seriös, Beweismittel, zu denen sich der Angeklagte noch nicht selbst geäußert hat, zu bewerten.“