Sergej Bubkas Karriere hat, drei Jahre nachdem der beste Stabhochspringer der Welt bei den Olympischen Spielen in Sydney seine Höhenlaufbahn offiziell beendet hat, einen bemerkenswerten sportpolitischen Aufschwung genommen. Der 39 Jahre alte Weltrekordhalter (6,15 Meter) ist: Präsident der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als solcher auch Angehöriger der IOC-Exekutive, Präsidiumsmitglied des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine und Parlamentsmitglied in seinem Land. Als persönliches Council-Mitglied des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) ist Bubka am Mittwoch mit der höchsten Stimmenzahl wiedergewählt worden. "Ein Olympiasieger mag einen großen Namen haben, aber das sagt nichts darüber, wie aktiv er als Sportpolitiker ist", findet der Tübinger Sportwissenschaftler Professor Helmut Digel, der auf dem Kongreß in Paris als IAAF-Vizepräsident wiedergewählt wurde - und er macht keinen Hehl daraus, daß er für eine professionelle Führungsarbeit im ehrenamtlichen IAAF-Präsidium mehr von der Mitarbeit eines Mannes wie Jos Hermens hielte. Doch der niederländische Athleten-Manager, dessen Agentur derzeit 125 Leichtathleten betreut, ist im ersten Anlauf durchgefallen. "Es war einen Versuch wert", sagt Hermens. "Der Versuch ist gescheitert, weil es offensichtlich starke Widerstände dagegen gibt, Leute, die einen Beruf im Sport haben, ins ehrenamtliche Council zu wählen", glaubt Digel. Gleichzeitig ziehe der griechische Reeder Minos Kyriakou auf Anhieb und ohne nachweisliche Kompetenz in der Leichtathletik mit dem drittbesten Wahlergebnis ins Council ein.
Manche Namen sind Schall oder Rauch, andere stehen fest für Themen und Tendenzen - und machen sich dabei immer mal wieder unbeliebt. Wie Digel, der als IAAF-Vizepräsident für Marketing zuständig ist und dieses Ressort für das vielleicht bedeutendste hält: "Denn 80 Prozent unserer Einnahmen kommen aus dem Marketing." Von Kollegen bekomme er deshalb gesagt, er solle sich ums Marketing kümmern. Und nicht immer wieder in der Dopingbekämpfung mitreden. "Doch beides hängt zusammen", kontert der konflikterfahrene Deutsche. "Ich kann kein effektives Marketing betreiben, wenn ich keine saubere Leichtathletik anzubieten habe." Digel läßt sich auf dem Gebiet, auf dem er sich nicht immer zur Freude seiner Kollegen und des verstorbenen IAAF-Präsidenten Primo Nebiolo profiliert hat, nicht über den Mund fahren. Und deshalb bedauerte der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) es, daß seinem Nachfolger Clemens Prokop in der gemeinsamen Sache gleichsam das Wort verboten worden ist. Als es um den aus Sicht des DLV notwendigen Fortbestand der Anti-Doping-Kommission ging, drang der Amtsrichter gar nicht erst bis zum Mikrophon vor.
Dahinter steckt weniger überzeugende Sachpolitik und vielmehr persönliche Machtpolitik. Ausgerechnet der schwedische IAAF-Vizepräsident Professor Arne Ljungqvist, der weltweit als einer der entschiedensten Dopinggegner gilt, hatte vor einem halben Jahr vorgeschlagen, dieses Gremium, dem Prokop angehört(e), in der Medizinischen Kommission der IAAF aufgehen zu lassen. Ljungqvist, der auch der Medizinischen Kommission des Internationalen Oympischen Komitees vorsitzt und das IOC im Vorstand der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vertritt, wurde bedeutet, daß seine Funktion in der Anti-Doping-Kommission eines internationalen Sportverbandes nicht vereinbar sei mit seinen Aufgaben in IOC und Wada. Statt den Kommissionsvorsitz in der IAAF abzugeben, schlug Ljungqvist vor, die Anti-Doping-Arbeit in der Medizinischen IAAF-Kommission fortzuführen. "Aber das ist nicht dasselbe, denn Anti-Doping-Politik hat nicht nur mit Medizin zu tun", sagt Digel, der das gemeinsame Plädoyer mit Prokop in eine Petition faßte und vor einer Woche an den IAAF-Präsidenten Lamine Diack schickte - mit der Bitte, den Brief unter den Council-Mitgliedern zu verteilen.
Das ist nicht geschehen, aber es kommt noch schlechter. Clemens Prokop, der auf dem Kongreß seine Wortmeldung zum umstrittenen Thema abgeben wollte, wurde vom Sitzungsleiter, dem IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai, bedeutet: Der Tagungsordnungspunkt sei am ersten Tag schon abgehandelt worden. Gemeint war der von Gyulai verlesene Bericht des Councils, in dem auch die Zusammenlegung von Anti-Doping- und Medizinischer Kommission erwähnt wurde. Der höfliche Gesamtapplaus des Kongresses wurde flugs als zustimmende Akklamation der Delegierten ausgelegt. Wenn das kein Rückfall in die vergangen geglaubten Zeiten des einst allmächtigen IAAF-Präsidenten Primo Nebiolo ist.