Die gesellschaftliche Debatte über Doping im Sport hat, wieder einmal, den Bundestag erreicht. Am Mittwoch forderten in einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages Repräsentanten des deutschen Sports und seiner Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) mit Nachdruck Gesetzesverschärfungen und eine nachhaltige Förderung der Nada.
Das Überraschende dabei: Der Sport sprach mit einer Stimme, kein Politiker widersprach. Die Prognose ist nicht gewagt, daß wahrscheinlich kein explizites Anti-Doping-Gesetz kommen wird, wohl aber ein Bündel von Gesetzesänderungen und -verschärfungen mit dem Ziel der Dopingbekämpfung.
„Sport ist an seine Grenzen gestoßen“
Dazu dürfte der Eindruck beigetragen haben, den der Einsatz der italienischen Polizei gegen das österreichische Team bei den Olympischen Winterspielen von Turin und die Enthüllungen im Prozeß gegen den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein in Magdeburg gemacht haben.
"Ich erwarte, daß nun auch der letzte verstanden hat, daß der Sport an seine Grenzen gestoßen ist", sagte die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag. "Wir sind an einem Point of no return. Ein ,Weiter so' kann es nicht geben." Der FDP-Abgeordnete Detlef Parr fuhr fort: "Wir haben Turin nicht als Naturereignis zu betrachten, sondern uns zu fragen, was wir in den zurückliegenden acht Jahren versäumt haben." Staatssekretär Christoph Bergner (CDU) aus dem Innenministerium vertrat die Position: "Eine konsequente Dopingbekämpfung kann es nur im Schulterschluß zwischen Staat und autonomem Sport geben. Die zentrale Frage ist: Wer trägt die Penalisierungsverantwortung wofür?" Die Antwort der Regierung auf diese Frage gab er sofort. Der Staat sei für das Umfeld, der Sport für die Athleten zuständig.
„Anabolika mit Betäubungsmitteln gleichzusetzen“
Diese Haltung, die auch im Sport verbreitet ist, kritisierte der Grünen-Abgeordnete Winfried Hermann mit der Feststellung: "Der Sportler ist demnach nicht verantwortlich. Verantwortlich sind Trainer und Betreuer. Dadurch wird das Doping erwachsener, mündiger Sportler, die bewußt manipulieren, nicht angegangen." Er beschrieb das Arzneimittelgesetz für den Kampf gegen Doping als untauglich, da etwa Blutdoping und Gendoping nicht mit klassischen Medikamenten vorgenommen würden.
Zentrale Frage, nicht nur zwischen Juristen, ist die Strafbarkeit des Besitzes von Dopingsubstanzen, insbesondere von anabolen Steroiden. "Die Rechtskommission des Sports tendiert dazu, Anabolika mit Betäubungsmitteln gleichzusetzen", sagte Rechtsanwalt Markus Hauptmann, Vorsitzender dieser Kommission - und den Besitz deshalb zu verbieten. Um das durchzusetzen, soll ein medizinisches Gutachten über das Gefährdungspotential dieser muskelbildenden Sexualhormone erstellt werden.
Hilferufe an die Parlamentarier
Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, erklärte die Bereitschaft des DSB, es in Auftrag zu geben, verlangte vom Parlament aber eine Beteiligung an der Finanzierung. Hauptmann machte deutlich, warum die sportkundigen Juristen für das Verbot des Besitzes sind. Eine positive Dopingprobe führe, selbst wenn sie von einem Sportverband der Staatsanwaltschaft gemeldet würde, nicht zu einem Anfangsverdacht wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. "Deshalb ist die Strafbarkeit so wichtig", sagte Hauptmann.
Die vier Repräsentanten der Nada und die des Sports richteten geradezu Hilferufe für die Nada an die Parlamentarier. Peter Busse, Vorsitzender des Nada-Vorstandes, warnte: "Wenn unsere Finanzierung nicht gesichert wird, ist unsere Unabhängigkeit gefährdet." Dem Stiftungsvermögen von 6,6 Millionen Euro entspringen jährlich nicht mehr als 200.000 Euro Zinsen. Durch öffentliche Zuwendungen ist ein Etat von lediglich 1,3 Millionen Euro möglich. Von Richthofen sagte, in ihrer derzeitigen Förderung könne die Nada nicht leben und nicht sterben. Er regte eine Abgabe auf Sponsorverträge im Sport zugunsten der Nada an. Zudem müsse die Förderung der Nada auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden.
Richthofen formulierte die einhellige Forderung des Sports nach Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Doping; eine Forderung, die auch die Bundesregierung gegenüber den Ländern zu vertreten verspricht. Außerdem soll eine Schiedsgerichtsbarkeit des Sports ermöglicht werden.