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Helmut Digel im Gespräch „Alle wussten vom Betrug im Westen“

Der Sportsoziologe Helmut Digel spricht im F.A.Z.-Interview über Doping in der BRD, die Doppelmoral der Funktionäre und den angepassten Sportführer Daume.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Ost und West auf gleicher Höhe?

Ossi grundsätzlich gedopt, Wessi in der Regel sauber? Obwohl Forscher Belege für ein ganz anderes Bild gefunden haben, hält sich der Eindruck, in der Bundesrepublik sei Doping das Werk verirrter Einzelgänger gewesen. Unser Zeitzeuge war Protokollant einer gescheiterten Aufarbeitungskommission. Er schildert die massive Verstrickung westdeutscher Sportfunktionäre und Mediziner in das Manipulationssystem.

Sie waren Assistent der sogenannten Dreiergruppe, die nach den Olympischen Spielen von Montreal 1976 in Sachen Doping in der Bundesrepublik recherchierte. Stimmt es, dass Sie die Protokolle alle zu Hause haben?

Das stimmt nicht. Ich habe meine handschriftlichen Notizen aufgehoben. Wir haben Athleten, Trainer und Experten sowie Funktionäre angehört. Man muss wissen, dass das Verbot anaboler Steroide (durch das Internationale Olympische Komitee) erst zwei Jahre zurücklag. Viele Verbandspräsidenten weigerten sich damals, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sie waren überzeugt, dass ihre Sportler nichts damit zu tun haben.

Aber der Internationale Leichtathletik-Verband hatte den Anabolika-Einsatz 1970 verboten, weil er längst erfahren hatte, dass die Athleten die Pillen zum Frühstück einwarfen.

Ich kannte den Hochleistungssport aus meiner Zeit als Spieler und Trainer im Handball. Dabei gab es kein Doping-Problem. 1976 war ich geschockt von dem, was in manchen Sportarten üblich war. Gravierend war es im Gewichtheben, im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Radsport. Für die Leichtathletik fanden wir immer mehr Zeugen, die von Doping bis in Leistungsklassen berichteten, in denen man nicht einmal an deutschen Meisterschaften teilnahm.

London 2012 - Olympische Spiele © picture alliance / M.i.S.-Sportp Vergrößern Helmut Digel: Der 68 Jahre alte Sportsoziologe ist Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und gehört dem Council des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) an. Vor zwei Jahren trat er als Direktor des Instituts für Sportwissenschaften der Universität Tübingen zurück. In seine Amtszeit als DLV-Präsident fiel der Doping-Fall des Olympiasiegers Dieter Baumann.

Waren auch die Mitglieder der Dreiergruppe geschockt? Neben ihrem Vorsitzenden Ommo Grupe waren das Dieter Graf Landsberg-Vehlen, Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und Vizepräsident des Deutschen Sportbundes (DSB), sowie Heinz Fallak, der ehrenamtliche Chef des organisierten deutschen Leistungssports.

Für Grupe und Landsberg war das menschlich eine der größten Enttäuschungen. Grupe ist schließlich Pädagoge und war ethischer Vordenker des deutschen Sports. Wir waren geschockt, als deutsche Sportmediziner uns sagten, man müsse dopen, wenn man international konkurrenzfähig sein möchte. Hans Erhard Bock, der Leiter der Medizinischen Klinik in Tübingen, war empört, als er hörte, dass sich der Mediziner Heinz Liesen in aller Konsequenz dazu bekannte, dass Leistungssteigerung zu den Aufgaben des Arztes im Sport gehöre.

Und wie stand der Leistungssportchef Westdeutschlands im DSB, Fallak, zu Doping?

Er war klug genug zu wissen, dass er sich in seiner Position entschiedener gegen Doping auszusprechen hatte.

Historiker, die im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) über Doping in der Bundesrepublik forschen, nennen eine Sitzung der Dreiergruppe im Januar 1977 als Eintritt ins Staatsdoping West. Der stellvertretende Leiter des BISp, Richard Felten, habe für die Bundesregierung gesprochen und gesagt: Wir anerkennen die Realitäten, wir kapitulieren, wir machen mit beim Doping. Was wissen Sie davon?

Ich kann mich an eine solche Situation nicht erinnern. Ich habe Felten in meinen Aufzeichnungen als jemanden eingestuft, der glaubt, man müsse substituieren (Mit diesem Begriff wurde der Einsatz von Doping-Mitteln legendiert. - Red.), um international mithalten zu können. Aber dass die damalige Regierung eine solche Rolle gespielt hat, daran kann ich mich nicht erinnern. Staatsdoping halte ich in diesem Zusammenhang für einen falschen Begriff. Er legt nahe, dass der Staat die steuernde Instanz via BISp war. Aber das BISp war zu 90 Prozent an der Entwicklung des Dopings nicht beteiligt - es sei denn, man würde die Testosteronstudie der achtziger Jahre außergewöhnlich hoch gewichten. Aus Sicht der Mediziner war diese Studie irrelevant, denn sie untersuchte, was evident war, dass Testosteron als Doping-Mittel wirkt.

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Veröffentlicht: 21.11.2012, 16:18 Uhr

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