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Gastbeitrag von Robert Harting : Das Ende des Vertrauens

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Robert Harting: „Man weiß, das ist unfair, das ist Betrug“ Bild: dpa

Wozu in Deutschland auf Freiheitsrechte verzichten, wenn die Wada gescheitert ist? Olympiasieger Robert Harting schreibt in einem Gastbeitrag über die Unfähigkeit des Anti-Doping-Systems und seine Angst vor einem Doping-Anschlag. Und er bietet eine Lösung an.

          „Berichte über Doping in Russland überraschen mich nicht. Ich konnte bei Konkurrenten beobachten, dass sie von einem Jahr aufs andere überdurchschnittlich an Muskelmasse zugenommen haben. Ich sehe verstärkt Akne, veränderte Körperkompositionen, verstärkte Körperbehaarungen, vieles, was auf Anabolika und Wachstumshormon schließen lässt. Besonders krass ist es, wenn man im Trainingslager Frauen sieht, besser: hört. Manche haben tiefere Stimmen als mein Opa. Da steht man dann, trainiert so hart, dass einem jeder Knochen wehtut, und diese Damen und Herren brauchen kaum Regenerationszeit. Die schieben noch ein drittes Training am Tag ein, während ich versuche, mich zwischen erster und zweiter Einheit zu erholen.

          Das ist eine schwierige Situation: Man weiß, das ist unfair, das ist Betrug. Man ist überzeugt davon, dass diese Athleten manipulieren. Dennoch muss man sich auf sich selbst konzentrieren. Denn man kann nichts machen. Soll ich die Athleten ansprechen? Sie würden höchstwahrscheinlich antworten: Vielen Dank und tschüs. Man hat den Eindruck, sie tun, was die Trainer vorgeben. Sie lassen sich ihre Ethik, ihre Moral und ihren Anstand von einer Autorität abnehmen. Und der Coach glaubt womöglich, dass in einem System, in dem es viele tun, er niemanden betrügt. Er nimmt sich das Recht, über die Sauberkeit seiner Athletinnen und Athleten zu entscheiden und über die Gerechtigkeit eines Wettbewerbs. Und das, weil sie das Land repräsentieren, dessen Trikot sie tragen. Da läuft die sportliche Moral der Flagge hinterher.

          Athleten riskieren ihre Glaubwürdigkeit

          In unserem Land ist die sportpolitische Haltung klar und unmissverständlich: Weder die Politik, die Sportler noch die Gesellschaft wollen Doping und ethisch zweifelhafte Praktiken. Dafür nehmen wir auch hintere Plazierungen in Kauf - sollte man meinen. Ich weiß allerdings genau, wie es sich anfühlt, wenn die Reporter fragen, warum man denn einen so enttäuschenden Wettkampf und nur den dritten Platz gemacht hat. Fernsehen und Presse haben, seien wir ehrlich, genau wie die Zuschauer und genau wie wir Athleten den Anspruch auf Weltklasse-Leistungen. Und sie können, genau wie wir, nicht bei jeder Niederlage eines deutschen Athleten über gedopte Konkurrenz lamentieren.

          Athleten, die sich über das Doping-Kontrollsystem beschweren, riskieren ihre Glaubwürdigkeit. Da steht, wer sich äußert, ganz schnell in der Ecke. Auch deshalb fehlt es in der Berichterstattung an Transparenz. Beklagt sich da einer, weil er den anderen hinterherläuft? Jammert da einer, der etwas zu verbergen hat? Auch dieses Misstrauen macht viele Athleten mundtot. Es verhindert Transparenz und in letzter Konsequenz das Erlebnis von Leistung.

          Betrogen vom System

          Man sollte jetzt nicht allein über den russischen Verband sprechen, auch wenn er in die Manipulation von Doping-Proben involviert scheint. Die gedopte russische Marathonläuferin Lilijana Schobukhowa erzählt, dass sie sich von einer Doping-Sperre freikaufen konnte - nicht beim russischen Verband, sondern beim internationalen. Ich frage mich, was dann erst bei den Helden des Sprints möglich ist. Da geht es um Geschäfte im Wert von Abermillionen. Da hängt der Verband sein ganzes Image an den Schnellsten der Schnellsten. Und der Präsident des Weltverbandes sagt praktisch, dass er für die Sauberkeit dieses Schnellsten die Hand ins Feuer lege. Da versteht dann auch der Letzte, dass ein Athlet von solch außergewöhnlicher Bedeutung niemals positiv getestet werden darf.

          Die russische Läuferin Julia Stepanowa hat sich losgesagt von dem System, in dem sie selbst jahrelang betrogen und gelogen hatte. Sie hat vor rund zwei Jahren die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) informiert und dann, als Kronzeugin in dem Film der ARD, die Öffentlichkeit. Dass der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) darauf sehr zurückhaltend reagiert, ist beleidigend für alle sauber kämpfenden Sportler.

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