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Veröffentlicht: 29.03.2017, 17:07 Uhr

Kampf gegen Doping Die sieben Aufrechten der russischen Leichtathletik

Das Projekt „Rocket Science“ um Hammerwerfer Sergej Litwinow ist ein russischer Gegenentwurf zum bestehenden System. Doch selbst die Aufrechten können sich nicht nur auf die Moral verlassen.

von , Berlin
© Imago Ein neuer Ansatz in der russischen Leichtathletik: Hammerwerfer Segej Litwinow will dem Projekt „Rocket Science“ Schwung verleihen.

Das ist mal ein Anspruch: saubere russische Leichtathleten. In Eigeninitiative haben eine Handvoll Sportler aus dem diskreditierten, international gesperrten Verband sich zusammengetan, um zu beweisen, dass kluges, sportwissenschaftlich basiertes Training besser ist als Manipulation. Und dass es wirkt. Mit einem Augenzwinkern nennen sie es: Raketen-Wissenschaft.

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„Rocket Science ist eine Alternative zu dem, was wir in der russischen Leichtathletik im Moment haben“, sagt der Hammerwerfer Sergej Litwinow, Fünfter der Weltmeisterschaften von Berlin 2009 und Peking 2015. „Wir wollen transparent sein, innovativ und dopingfrei.“ Der Sohn des Hammerwurf-Olympiasiegers gleichen Namens will im August an seiner fünften Weltmeisterschaft teilnehmen und hat dafür beim Weltverband (IAAF) Startrecht als neutraler Athlet beantragt.

Russische Leichtathleten, die sich nachweislich Doping-Kontrollen unterzogen haben und nicht belastet sind, sollen international starten dürfen, obwohl ihr Verband seit 2015 ausgeschlossen ist. Geht alles gut, gibt Litwinow sein Comeback im Mai bei den Werfertagen in Halle an der Saale. Dort ist er gut bekannt. Nachdem er für Weißrussland und bevor er für Russland angetreten ist, war er Mitglied der deutschen Nationalmannschaft.

Zunächst in einem Innovationszentrum

Ihm geht es nicht allein um sein Startrecht. Gemeinsam mit Jaroslaw Rybakow, dem Hochsprung-Weltmeister von Berlin 2009, sowie den beiden Läufern Wasili Permitin und Jewgeni Pischtschalow geht der Hammerwerfer auf die Mission, der Leichtathletik seines Landes eine Zukunft zu eröffnen. Weil sich Trainer und Athleten in Russland über die Jahre auf Doping verlassen und versteift hätten, sagt Pischtschalow, hätten sie Technologie, Trainingslehre und Sportwissenschaft so sehr vernachlässigt, dass sie einen Rückstand von etwa zwei Jahrzehnten gegenüber dem Westen hätten. Wenn das System sich nicht neu aufstelle, drohten bei der Rückkehr der russischen Leichtathletik in den internationalen Wettbewerb, ohne Doping selbstverständlich, aber auch ohne grundlegende Veränderungen Jahre ohne Medaillen.

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Dabei gebe es sportwissenschaftliche Einrichtungen in Russland sowie gut ausgebildete Sportwissenschaftler. Doch kaum jemand nutze sie. Ein Innovationszentrum des Sports in Moskau sei nur zu zwanzig Prozent ausgelastet; Rocket Science will zunächst dort arbeiten. Doch die Hauptstadt ist Sitz des Verbandes und des Sportministeriums – beide belastet durch die Berichte, welche die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) über das systematische Doping von rund tausend Spitzensportlern in Russland hat erstellen lassen.

Rocket Science darf Unterstützung von den Autoritäten erwarten, die Signale stehen danach. „Für den Verband ist es wichtiger, uns zu unterstützen, als für uns, vom Verband Unterstützung zu suchen“, sagt Litwinow. Er und seine Mitstreiter wollen Distanz halten und planen den Schritt in die Provinz. In Joschkar-Ola, einer Stadt mit 250000 Einwohnern in der Teilrepublik Mari El, wollen Hochspringer Rybakow und Läufer Pischtschalow Trainingsgruppen bilden. Der Bürgermeister bietet den Sportlern das Leichtathletik-Stadion der Stadt zur Nutzung an und verspricht dem Nachwuchs Plätze an der Sportschule.

„Der Filter ist wichtiger als die Leistung“

Wie wollen die Mitglieder von Rocket Science beweisen, dass sie sauber sind? „Das ist sehr schwierig“, sagt Litwinow. „Das kann keiner. Aber wir werden niemanden aufnehmen, der uns verdächtig vorkommt. Wir werden Tests machen, wir werden psychologische Untersuchungen machen. Der Filter ist wichtiger als die Leistung. Denn wenn ein Einziger von uns je positiv getestet wird auf Doping, ist das ganze Projekt erledigt.“

Sich kontrollieren zu lassen ist gar nicht so einfach. Selbst der Weltklasse-Athlet Litwinow flog vor zwei Jahren für einige Monate aus dem Testsystem der IAAF. Seit Anfang 2016 ist er wieder drin und seitdem nach eigenen Angaben sechsmal kontrolliert worden. Auch Marathonläufer Stepan Kisseljow, Bestzeit 2:11,28 Stunden, wird kontrolliert. Doch der Hindernisläufer Rinas Achmadejew sowie der junge Hammerwerfer Ilya Terentjew, Dritter der Junioren-Weltmeisterschaft 2014, werden von keinem Verband kontrolliert – und haben deshalb auch keine Aussicht, international starten zu dürfen.

„Die IAAF begrüßt unser Projekt. Aber das Kontrollsystem arbeitet offenbar völlig unabhängig davon“, sagt Litwinow. „Unsere jungen Athleten kommen nicht in den Pool.“ Da die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) wegen ihrer Beteiligung an den Manipulationen suspendiert ist, arbeitet sie nicht. „Wir brauchen eine Rusada, der man trauen kann und die Tests vornehmen kann“, fordert Litwinow. „So, wie es ist, macht das den Kulturwandel schwierig.“

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Den sieben Aufrechten von Rocket Science bleibt allein die Möglichkeit, sich privaten Doping-Kontrollen zu unterziehen. Sie gelten zwar nichts im internationalen Sport. Doch intern sollen sie abschreckend wirken. Wer dopt, dazu wird sich jeder Athlet von Rocket Science verpflichten müssen, muss 25000 Dollar Vertragsstrafe zahlen. „Man braucht den Angst-Faktor“, sagt Litwinow. „Man kann nicht allein auf die Moral der Leute bauen.“

Andrej Dmitrijew hatte mehr Angst, als ihm guttat. Der Läufer hatte das deutsche Fernsehen darauf aufmerksam gemacht, dass Trainer, die wegen Dopings gesperrt sind, immer noch mit russischen Auswahl-Leichtathleten zusammenarbeiten. In der vergangenen Woche musste er aus Russland fliehen. Er gehört zu den Gründern von Rocket Science; im Januar verabschiedete er sich von dem Projekt. Ist der Hass, der ihm aus Sport und Verwaltung entgegenschlug, nicht Beweis für das Beharrungsvermögen der Mächte von gestern?

„Wer glaubte, dass die alten Kräfte nicht mehr da wären, wäre naiv“, sagt Litwinow. „Aber es ist nicht mehr alles so dunkel, wie es noch vor zwei, vor einem Jahr war. Es stimmt: Viele wollen zurückkehren zu den alten Zuständen. Das darf nicht geschehen.“

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