Was bringt in Schulden? Harren und dulden! Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren! Johann Wolfgang von Goethe
Wer sind die deutschen Sporthelden? Menschen, die uns unvergessliche Glücksmomente beschert haben. Schmeling in New York beim Sieg über Joe Louis, Rahns Tor zum Wunder von Bern, Sparwassers Sieg-Treffer gegen die BRD, Beckers erster Wimbledon-Coup, Kati Witts goldene Kür in Calgary: Bilder, Gesichter, Namen, Szenen, Triumphe, die unter die Haut gingen. Man wuchs damit auf, man weiß genau, wo man war, als es geschah. Das sind unlöschbare Standbilder im kollektiven Gedächtnis, die Generationen parat haben und die diese Nation verbinden. Weißt du noch?
„Der Sport ist das letzte Refugium für Heldentum“, sagt der Philosoph Gunter Gebauer. Politiker kommen schon lange nicht mehr für die Rolle in Frage, der letzte Wirtschaftsheld, Mark Zuckerberg, verliert seit dem Börsengang von Facebook dramatisch an Wert. „Generäle haben bei unserer Vergangenheit kaum eine Chance“, sagt Gebauer, „aber auf dem Sportfeld blüht die Verehrung.“ Weltweit ist das so. Die Amerikaner pflegen für fast jede Sportart eine Heldengedenkstätte. Seit 2006 gibt es nun eine „Hall of Fame“ in Deutschland, von der Stiftung Deutsche Sporthilfe ins Leben gerufen.
Die Athleten sollen auch nach der Karriere eine größere Rolle spielen, immer wieder präsent sein. Ein, zwei Klicks, und sie stehen vor dem Betrachter in einer virtuellen Walhalla. Mit der Einrichtung der Ruhmeshalle - die nun 72 Mitglieder hat - zielt die Sporthilfe auf eine Stärkung der gesellschaftspolitischen Akzeptanz des Sports, auf eine größere Unterstützung. Deshalb wurden in den ersten Jahren bekannte Größen gewählt, viele Wessis, wenige Ossis. Manche sind mit Doping oder politischen Verfehlungen belastet. Aber fast alle eint bedeutender Erfolg in der Kampfbahn. Gold am Hals verschaffte ihnen Eintritt.
„Der Sport war mein Leben, sie haben es mir genommen“
Am Freitag aber sind in Berlin fünf ehemalige Sportler in die Hall of Fame aufgenommen worden, an deren Brust kaum Lametta hängt. Nicht die typischen Helden, die berühmten Figuren, eher Unbekannte: Gretel Bergmann-Lambert? Als eine der besten Hochspringerinnen auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin von den Nazis und deren Rassenwahn aus dem Rennen genommen, in die Flucht geschlagen, für immer der Heimat entwurzelt: „Der Sport war mein Leben, sie haben es mir genommen.“
Wolfgang Lötzsch? Auf dem Weg zum Radstar der DDR brutal ausrangiert, ausgebremst, von 50 Stasi-Schergen beobachtet und verfolgt, ins Gefängnis geworfen. Hunderte von Siegen konnten sie nicht verhindern. Hans Lenk? Auf dem Weg zum wichtigsten Nachdenker des deutschen Spitzensports der vergangenen Jahrzehnte überhört und in die geistige Emigration getrieben, weg vom „Systemzwang dieser Ellenbogenwettbewerbsgesellschaft“.
Antje Misersky und ihr Vater Henrich? Auf ihrem Weg eines sauberen Spitzensports von Doping-Systematikern hart bedrängt, davongejagt, gedemütigt. Die Schmähungen halten an. Vor ein paar Wochen noch hat der Thüringer Misersky einen anonymen Brief erhalten. Er kämpft gegen Doping, seit er in den sechziger Jahren von Aufputschmitteln als Beschleunigern erfuhr: „Ich war der Meinung, dass meine Sportkameraden im Westen sauber seien. Ich wollte fair bleiben.“
Für Freitagabend wurde stilvoll zur Feier eingeladen. Abendkleid und Smoking waren gewünscht beim Festakt mit Politprominenz an der ersten Adresse in Berlin, im Hotel Adlon unter den Linden. Für das Familienfest mit ihren neuen Hall-of-Fame-Mitgliedern hat die Sporthilfe andere Kategorien schaffen müssen. „Besondere Biographien“ - die Verfolgung in den Diktaturen, die Haltung gegen Doping, der Einsatz „für die Werte des Sports“ sind 2012 Aufnahmekriterien gewesen. „Ich begrüße das außerordentlich“, sagt Walther Tröger, einst Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, „der Sport hat Nachholbedarf. Haltung zeigen, das ist es doch, was zählt.“
Ist der kühne Schritt der Sporthilfe einmalig?
Und doch tut man sich schwer damit. Die „besonderen Biographien“ sind Kunstgriffe der Sporthilfe, um dem ständig postulierten Humanismus des Sports auch mal gerecht zu werden. Wie zurechtgeschnitten auf das Quintett wirkt die Klasseneinteilung, als hätten die 62 Juroren, unter anderem alle noch lebenden Hall-of-Fame-Mitglieder, darauf hingewiesen werden müssen, mit wem sie es zu tun haben. „Wahrscheinlich nicht mit den klassischen Helden“, sagt Gebauer, „sie sind eher Antihelden. Die Wahl finde ich großartig. Das hätte ich dem Sport nicht zugetraut.“
Wie weit aber traut er sich wirklich? Ein Satz von Michael Ilgner, Vorstandschef der Sporthilfe, hat Kritiker des deutschen Spitzensports aufhorchen lassen. „Die herausragende sportliche Leistung wird auch in Zukunft das entscheidende Kriterium für die Hall of Fame bleiben“, sagte der frühere Wasserball-Nationalspieler der „Mainpost“. Ist der kühne Schritt der Sporthilfe also einmalig? Kehrt sie nach dem Ausflug in die Welt der Ethik wieder zurück allein zur Medaillenzählerei?
Weil die Sporthilfe dem Quintett am Freitag den ruhmreichen Vereinigungsboxer Henry Maske als Gewinner der Goldenen Sportpyramide quasi vorsetzte, warnt die Gemeinschaft der Doping-Opfer in Deutschland vor einer Alibiaktion. Aber die Sporthilfe wird sich von ihrem Ansatz nicht zurückziehen können, ohne ihr gesamtes Denkmal auszuhöhlen. Sie hat einen Präzedenzfall mit Glücksgriff-Potential geschaffen.
Diese Wahl ist die späte, aber die erste Anerkennung für Sportler, die andere Wege gegangen sind, sich dem Heldentum der Moderne entzogen. Leistungsstreben, die damit verbundene Disziplin, der Wille, Grenzen zu sprengen, sind ehrenwert, vorbildlich. Sie sichern dem Sport eine Elite, einen Unterhaltungswert, wenn sie den Mumm aufbringen, im entscheidenden Moment anzutreten - und sei es beim Elfmeterschießen.
„Die ganze Familie wurde wie Aussatz behandelt“
Aber wie kommt man so weit? Nur mit einem (hoffentlich) gesunden Egoismus: Gold gewinnt der Athlet zuallererst für sich selbst. Jeder Einzelne im Boot, auch Lenk 1960 im berühmten Adam-Achter. Später hätte der Philosoph auch Karriere als Funktionär machen können im Sport, wenn er den Funktionären nicht ständig den Spiegel vorgehalten hätte. Auf einem Anti-Doping-Symposion trug Lenk in den neunziger Jahren seine Analyse vor. Die Zuhörer waren beeindruckt. Bis der Denker erwähnte, dass seine Thesen zwar aktuell, aber alt seien - 25 Jahre.
Die Miserskys haben als Familie noch mehr riskiert - ihre Existenz. Henrich Misersky lehnte als Trainer in der DDR die Vergabe von Doping-Mitteln ab und wurde prompt entlassen. Seine Tochter Antje weigerte sich, die verbotenen Pillen zu schlucken. Sofort spuckte die Sportfamilie ihre unbotmäßigen Kinder aus. „Die ganze Familie wurde wie Aussatz behandelt“, sagt Henrich Misersky. „Ich geriet auf die schwarze Liste“, schreibt seine Tochter in einer Mail an die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „ich durfte nicht an Wettkämpfen teilnehmen, selbst als DDR-Meister nicht den Titel verteidigen. Als ich mit Biathlon anfangen wollte, versuchte man, auch das zu unterdrücken.“
Sie gab 1985 ihre Leistungssportkarriere auf. „Das war ein kleiner Preis für all das Gute, was mein Auftreten gegen Doping für mich gebracht hat.“ Nach dem Fall der Mauer fängt Antje Misersky wieder an, 1992 wird sie in Albertville Olympiasiegerin im Biathlon. Aus den Vereinigten Staaten, wo sie mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt, ist sie nach Berlin gekommen, ehrfürchtig fast ob der Feier am Freitag.
„Das ist eine große Ehre. Ich bin für meine Einstellung gegen Doping aber in meinen Augen schon genug gesegnet worden. Ich konnte mir treu bleiben, brauche nicht mit Reue auf diesen Lebensabschnitt zurückzuschauen.“ Weiter unten in der Mail steht, was noch kein Doping-Verweigerer in Deutschland jemals zur Veröffentlichung formuliert hat, angesichts der üblichen Repressionen gegen Aussteiger: „Im Nachhinein glaube ich, nichts geopfert zu haben, als ich gegen Doping auftrat, im Gegenteil.“
„Als Held sehe ich mich nicht“
Gebauer rät zum Gebrauch einer Lupe: „Sonst findet man solche Menschen nicht, die groß im Sport waren und die Werte höher einschätzen als die Aussicht, ganz nach oben zu kommen.“ Die Hall of Fame ist also keine simple Versammlung stolz schweigender Helden mehr, sondern gewinnt als Plattform für eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Entgleisungen im Sport an Profil. „Und das wollen wir doch“, sagt Tröger, „sonst geht doch nichts weiter.“ Der bekannteste Sachverständige des deutschen Sports fordert gleich den nächsten Schritt: „Man sollte über die Aufnahme von Athleten der Paralympics nachdenken.“
Die guten Geister, die sie rief, wird die Sporthilfe also nicht mehr los. Sie mahnen schon zum Fortschritt: „Es gibt enorm viele Sportler, die unwissend Doping genommen haben und Gesundheitsprobleme erlitten“, sagt Antje Misersky: „Sie werden leider nie gewürdigt. Für die Doping-Opfer ist es eine tägliche Hölle, zuzusehen, dass kein wirklicher Fortschritt in der Aufarbeitung erfolgt.“ Ihrem Vater ist deshalb bei aller Ehre nicht „groß zum Feiern zumute“. Misersky, vor seiner „Ausdelegierung“ einer der besten Hindernisläufer der DDR, inzwischen fünfmaliger Seniorenweltmeister im Skilanglauf, sieht dennoch eine Bewegung: „Für mich ist unsere Aufnahme ein Etappensieg, der Prolog.“ Nur in einer Frage ist er unbeugsam: „Als Held sehe ich mich nicht.“