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Laudatio auf Ines Geipel : Sie will sehen

  • -Aktualisiert am

Preisträgerin Ines Geipel. Bild: dpa

Ines Geipel ist Kämpferin für die Opfer von Doping in der DDR. Nun wird sie mit dem Goldenen Band der Sportpresse ausgezeichnet. Zeit für ein längst überfälliges Lob.

          Ines Geipel ist am Mittwoch in Berlin mit dem Goldenen Band der Sportpresse ausgezeichnet worden. Als die Kämpferin für die Opfer von Doping in der DDR vor sechs Jahren den Ethik-Preis der Deutschen Jugendkraft erhielt, verdrängte sie mit einem spektakulären Vortrag den Laudator aus den Schlagzeilen: Joachim Gauck, der die Wahl zum Bundespräsidenten noch vor sich hatte. Dessen bis heute unveröffentlichte Rede hat Schärfe und Wahrheit bis heute behalten. Ein längst überfälliges Lob.

          ***

          Wenn wir Preise vergeben, rühmen wir, was wir entbehren, wovon wir zu wenig haben, wovon wir gerne mehr hätten. Das können wir in diesem Fall, wenn wir über Ines Geipel sprechen, deutlich sagen: Wir rühmen, was wir entbehren. In diesem Fall ist es erstens: Ines Geipel wollte wahrnehmen, was andere gern übersehen. Zweitens: Ines Geipel wollte aushalten, was andere sich ersparen. Und: Sie wollte mutig sein und kraftvoll eingreifen, wo andere ihre Schwächen und Indifferenz kultivieren.

          Fragen wir uns: Was bringt jemanden dazu, so entschlossen wahrnehmen zu wollen? Es ist diese Wahrnehmung, die vor der Wahrheit kommt. Deshalb scheuen viele Menschen die Wahrnehmung,

          Weiß sie, wann es anfing, dieses Sehenwollen? Dürfen wir vermuten, dass es ohne Schmerz nicht gelingen konnte, dieses Lebensmuster zu wählen? Wann drang der Schmerz zum ersten Mal in das Leben dieser Frau ein? Was hat das Kind empfunden, als der Vater nicht antworten wollte auf Kinderfragen? Was hat das Mädchen, abgeschoben in das thüringische Internat, empfunden, als sie, rennend über Stock und Stein, eine Beruhigung in sich schaffen wollte, die Heimweh und Traurigkeit bannen sollte? Wie war es, als diese herrliche Kraft, die in Menschen wach wird, wenn sie ihre Körper trainiert haben, wenn sie siegen, wenn sie sogar weltmeisterschaftlich gut sind, wie war es, als dieses großartige Lebensgefühl, siegen zu können, sich seiner Kräfte bewusst zu sein, als sich dieses selbst hinterfragen musste: Und wie ist es mit meinen Siegen? Wie viel daran ist mein eigener Wille, mein Fleiß, mein Trainingsfleiß, mein Charakter, meine Anlage? Und wie viel ist Fremdes, so Fremdes, als dass ich dieses harmlose Wort Chemie, das Ines Geipel häufig benutzt, verwenden möchte. Ich stelle es mir unglaublich schmerzhaft vor, diesen Fragen nachzugehen. Denn die, die so fragt, muss ja fortwährend wissen, dass die Sportkameradinnen, etwa die, mit denen zusammen man weltmeisterliche Ergebnisse erzielt, das ganz anders empfinden. Mögen die das, wenn ich frage: Wie ist mein Rekord zustande gekommen? Sie mögen es natürlich nicht. Und wie schwer liegt das auf dem Gemüt einer jungen Frau, die sich von denen innerlich trennt, mit denen gemeinsam sie so großartige Dinge erlangt hat? Wir ahnen, dass es ohne Schmerz nicht ging.

          Wenn wir sehen, wie Menschen ihre eigenen wertorientierten Wege gehen, wissen wir, was der alte Königsberger Immanuel Kant gemeint hat, wenn er sagte: Habe den Mut, dich deines Verstand zu bedienen. Sehen kann doch jeder. Wahrnehmen kann doch jeder. Warum wollen wir so oft nicht wahrnehmen? Warum wollen wir so oft nicht sehen? Warum wollen wir so oft nicht urteilen?

          Ganz offensichtlich hat Ines Geipel den Schmerz der Absonderung, der Trennung, vielleicht auch der Auseinandersetzung mit sich selbst lieber ertragen, als in das tiefe Loch einer Scham zu fallen, einer Scham, sich selber nicht mehr anschauen zu können. Weil man nicht auf Dauer dagegen anleben kann, was man erkennt und was man missbilligt. Das könnte jedenfalls ein größerer Schmerz sein als der, sich von denjenigen zu trennen, die nicht so genau hinsehen wollen.

          Wir dürfen annehmen, dass da ein Kern war, gebildet aus Anstand, aus Werten und aus einer großen Liebe zur Wahrheit. Diesen Kern wollte diese Frau offensichtlich nicht beschädigen. So eine bleibt dann bei den Fakten, wenn andere sie leugnen oder umdeuten oder neben ihnen her leben. So eine spricht, wo andere schweigen. Manche der Doping-Opfer können das nicht, einfach weil sie zu kaputt sind, zu geschädigt. So muss Ines Geipel oft an Fronten kämpfen, wo sie eigentlich viele Verbündete hätte, die aber im Schatten stehen. Andere wiederum wollen überhaupt nicht kämpfen, höchstens gegen den Verlust früherer Ehrungen. Sie sonnen sich nach wie vor im Stolz einmal errungener Siege, egal, wie diese Siege zustande gekommen sind. Sie scheuen den Schmerz, der mit der exakten Wahrnehmung und der damit verbundenen Wahrheit kommt. So geht das im Leben. Wie alle anderen Nostalgiker auch bevorzugen sie eine selektive Erinnerung. Die selektive Erinnerung der Nostalgie ist ja nicht immer politisch geleitet. Die gemeine Nostalgie ist deshalb so groß und so stark, weil sie eine Erinnerungsform ist, die ohne Schmerz auskommt, ohne Trauer, ohne Scham und deshalb auch ohne Reue.

          Wir sehen in dieser Frau auch die junge Studentin, die einfach mal so, weil sie es nicht erträgt, ein einziges kleines Plakat 1989 in Jena in der Universität anbringt. Ja, das kann man auch sein lassen. Was soll das! Aber etwas in ihr hat gesagt: Ich muss jetzt protestieren. Die Studenten in Peking werden zusammengeschossen. Da sind Opfer über Opfer und viele, ja alle schweigen und geben sogar noch Huldigungsadressen ab. Nein, sagt sie, da hänge ich mal meine Meinung öffentlich aus.

          Dann hält sie das nicht mehr aus, nimmt ihren kleinen Rucksack und verschwindet. Sie wird wahrscheinlich laufend die Grenze von Ungarn nach Österreich überwunden haben. Sie sagt ja zur Freiheit, wartet nicht, bis wir Dagebliebenen uns kollektiv befreien, sondern sie sagt: Ich will diese Freiheit jetzt haben.

          Dann sehen wir sie, als sie Nebenklägerin ist im großen Doping-Prozess. Da ist schon der Staat angetreten und tut etwas, das erforderlich ist. Aber sie will noch einmal im Namen der Geschädigten selber dastehen und mit ihrer Autorität, mit ihrem Ich, mit ihren Werten, die sie in sich aufbewahrt hat, dort stehen und sagen: Hier stehe ich. In diesem Moment geht es nicht um Vertuschen. In diesem Moment geht es um Anklage. So wird sie Nebenklägerin.

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          Und wir sehen sie, als sie publizistisch den Zusammenhang zwischen Depression und Leistungsdruck bearbeitet und einen Nexus zwischen Depression und Doping darstellt. Damit verlässt sie die alten Zeiten und geht hinüber in eine Gesellschaft, in der Leistungsvergötzung und Amüsement sehr machtvolle Elemente der Öffentlichkeit sind. Wir leben ja nicht nur in einer Diskursgesellschaft. Wir leben vor allen Dingen in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich amüsieren wollen, und zwar nicht schlecht. Da ist es dann in dieser infantilisierten öffentlichen Kultur ziemlich wichtig, dass uns jemand die Veranstaltungen gibt, für die wir uns begeistern können. Ja wehe, wenn wir keinen Boris mehr haben, keinen Schumacher, das wird ganz schlimm. Und wenn etwa unsere Fußballer auf das Niveau der Kreisklasse herabsinken sollten oder auf das Niveau der Amateurligen – würden wir das gut finden? Nein, das ist alles sehr problematisch. Also wird uns das Thema Doping doch erhalten bleiben. Diese empfindsame Frau sieht das. Sie beschreibt die Bedingungen, die geradezu danach schreien, dass Leistung sich lohnen muss. Es muss knallen.

          Na ja, sagen viele, solange sie über diese DDR-Doping-Kiste gesprochen hat, war es okay. Aber jetzt? Wird sie vielleicht sogar eine Nestbeschmutzerin? Sie hat ihn sich doch ausgesucht, den Westen, dann kann sie doch jetzt zufrieden sein. Wenn sie aber von diesem Zwangssystem, dem sie entflohen ist, überwechselt in einen Systemzwang, der heute dort existiert, wo Spitzensport seine Erfolge feiert, oder wenn sie gar bei der Pharmaindustrie vorsichtig anfragt: Wo bleibt eigentlich das ganze Epo, das ihr produziert? Sie nennt einen bestimmten Prozentsatz, der geht in die Therapie. Aber ich glaube, sieben Achtel sind nicht in der Therapie. Ja, wo sind sie denn nur? Wo sind sie? Wenn man diese Fragen stellt, dann ist man im Hier und Heute. Und ist eben nicht nur in einer garstigen und diktatorischen Vergangenheit.

          Wir sind mit ihr noch einmal traurig über diese Top-Athleten der DDR, die nicht aufwachen wollen. Ines Geipel sagt zu ihnen: wie traurig. Die geben sich doch selber lebenslänglich. Genauso ist es. Die Wahrheit, von der es im Evangelium heißt, dass sie uns frei macht, ist wirklich eine Erfahrung, die wir alle haben könnten, wenn wir sie wollten. Wenn wir es nur mit ihr versuchten. Wahrheit macht frei. Sie befreit uns von dieser lebenslänglichen Bindung an Lüge, an Vorstellungswelten, die wir selber nicht leben können, sondern man hat uns einmal hochgebracht. Jetzt könnten sie heraustreten. Nein, sie wollen nicht.

          Wenn sie in No Limit fragt: Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft, fragen wir uns: Wollen das eigentlich genug Zeitgenossen wissen? Will diese spaßwütige Eventgesellschaft wirklich wissen, warum wer siegt? Will sie nicht lieber schöne Siege? Am liebsten schöne Siegerinnen? Es ist eines, über Doping einer vergangenen Diktatur zu sprechen, und ein anderes darüber, was uns aktuell die Freude an Siegen oder an Siegern oder Siegerinnen nehmen könnte.

          Es ist wichtig, Ines Geipel, dass wir Sie haben. Wir brauchen Ihren Willen, Ihren Mut, Ihre Ausdauer und Ihre Liebe zur Wahrheit und zu den geschlagenen Opfern eines korrupten Systems. Wir ehren mit Ihnen eine, die weiß, wie viel wir verlieren können, wenn wir unter allen Umständen siegen müssen.

          Joachim Gauck hielt die Laudatio am 11. April 2011 in Berlin. Wir geben sie gekürzt wieder.

          Quelle: F.A.Z.

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