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Laudatio auf Ines Geipel : Sie will sehen

  • -Aktualisiert am

Preisträgerin Ines Geipel. Bild: dpa

Ines Geipel ist Kämpferin für die Opfer von Doping in der DDR. Nun wird sie mit dem Goldenen Band der Sportpresse ausgezeichnet. Zeit für ein längst überfälliges Lob.

          Ines Geipel ist am Mittwoch in Berlin mit dem Goldenen Band der Sportpresse ausgezeichnet worden. Als die Kämpferin für die Opfer von Doping in der DDR vor sechs Jahren den Ethik-Preis der Deutschen Jugendkraft erhielt, verdrängte sie mit einem spektakulären Vortrag den Laudator aus den Schlagzeilen: Joachim Gauck, der die Wahl zum Bundespräsidenten noch vor sich hatte. Dessen bis heute unveröffentlichte Rede hat Schärfe und Wahrheit bis heute behalten. Ein längst überfälliges Lob.

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          Wenn wir Preise vergeben, rühmen wir, was wir entbehren, wovon wir zu wenig haben, wovon wir gerne mehr hätten. Das können wir in diesem Fall, wenn wir über Ines Geipel sprechen, deutlich sagen: Wir rühmen, was wir entbehren. In diesem Fall ist es erstens: Ines Geipel wollte wahrnehmen, was andere gern übersehen. Zweitens: Ines Geipel wollte aushalten, was andere sich ersparen. Und: Sie wollte mutig sein und kraftvoll eingreifen, wo andere ihre Schwächen und Indifferenz kultivieren.

          Fragen wir uns: Was bringt jemanden dazu, so entschlossen wahrnehmen zu wollen? Es ist diese Wahrnehmung, die vor der Wahrheit kommt. Deshalb scheuen viele Menschen die Wahrnehmung,

          Weiß sie, wann es anfing, dieses Sehenwollen? Dürfen wir vermuten, dass es ohne Schmerz nicht gelingen konnte, dieses Lebensmuster zu wählen? Wann drang der Schmerz zum ersten Mal in das Leben dieser Frau ein? Was hat das Kind empfunden, als der Vater nicht antworten wollte auf Kinderfragen? Was hat das Mädchen, abgeschoben in das thüringische Internat, empfunden, als sie, rennend über Stock und Stein, eine Beruhigung in sich schaffen wollte, die Heimweh und Traurigkeit bannen sollte? Wie war es, als diese herrliche Kraft, die in Menschen wach wird, wenn sie ihre Körper trainiert haben, wenn sie siegen, wenn sie sogar weltmeisterschaftlich gut sind, wie war es, als dieses großartige Lebensgefühl, siegen zu können, sich seiner Kräfte bewusst zu sein, als sich dieses selbst hinterfragen musste: Und wie ist es mit meinen Siegen? Wie viel daran ist mein eigener Wille, mein Fleiß, mein Trainingsfleiß, mein Charakter, meine Anlage? Und wie viel ist Fremdes, so Fremdes, als dass ich dieses harmlose Wort Chemie, das Ines Geipel häufig benutzt, verwenden möchte. Ich stelle es mir unglaublich schmerzhaft vor, diesen Fragen nachzugehen. Denn die, die so fragt, muss ja fortwährend wissen, dass die Sportkameradinnen, etwa die, mit denen zusammen man weltmeisterliche Ergebnisse erzielt, das ganz anders empfinden. Mögen die das, wenn ich frage: Wie ist mein Rekord zustande gekommen? Sie mögen es natürlich nicht. Und wie schwer liegt das auf dem Gemüt einer jungen Frau, die sich von denen innerlich trennt, mit denen gemeinsam sie so großartige Dinge erlangt hat? Wir ahnen, dass es ohne Schmerz nicht ging.

          Wenn wir sehen, wie Menschen ihre eigenen wertorientierten Wege gehen, wissen wir, was der alte Königsberger Immanuel Kant gemeint hat, wenn er sagte: Habe den Mut, dich deines Verstand zu bedienen. Sehen kann doch jeder. Wahrnehmen kann doch jeder. Warum wollen wir so oft nicht wahrnehmen? Warum wollen wir so oft nicht sehen? Warum wollen wir so oft nicht urteilen?

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