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Veröffentlicht: 06.12.2013, 13:58 Uhr

Fußball-WM in Brasilien „Die Leute von der Fifa denken wie Kolonialherren“

Chris Gaffney ist einer der Köpfe der Bewegung in Brasilien gegen die Fußball-WM. Im Interview spricht er über Proteste, brutale Polizeieinsätze und dunkle Machenschaften der Fifa.

© dpa Die schöne Fifa-Welt soll mit allen Mitteln verteidigt werden“

Der Amerikaner Chris Gaffney ist Professor für Geographie an der Universität von Rio de Janeiro und gehört dem Comitê Popular an, das sich kritisch mit den sozialen Auswirkungen des WM-Turniers und der Olympischen Spielen 2016 beschäftigt.

Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) und die Organisatoren der WM in Brasilien bewerten es als vielversprechendes Zeichen, dass derzeit 63 Prozent der Bevölkerung dem Turnier im nächsten Juni positiv gegenüberstehen. Müssen Sie und Ihre Mitstreiter die Protestzüge der Anti-WM-Bewegung überdenken?

Ich lache mich kaputt. Man muss es andersherum sehen: Fast 40 Prozent der Menschen sind dagegen – und das in diesem fußballverrückten Land. Das ist ein komplettes Desaster. Die Fifa und ihre Helfer bekommen gar nichts mehr mit, sie leben auf einem anderen Planeten.

Wird es denn an diesem Freitag zur WM-Gruppenauslosung wieder zu Demonstrationen kommen?

Sicher. Sobald das WM-Licht angeht, werden wir da sein.

Fifa-Präsident Blatter meint, Leute wie Sie müssten sich eigentlich für eine WM bedanken, weil erst die weltweite Aufmerksamkeit bei einer solchen Großveranstaltung die Probleme eines Landes in den Fokus bringe und Druck auf die Regierungen mache.

Das stimmt. Ohne die WM 2022 in Qatar wüsste die Welt wohl auch nichts von den Arbeitssklaven, die sich dort zu Tode schuften. Aber es rechtfertigt nicht, wie die Fifa ihre Geschäfte betreibt. Sie tut nichts dafür, die Probleme eines Landes zu beseitigen. Die Fifa-WM macht nur alles schlimmer. Diese Veranstaltung fördert die dunklen Machenschaften, sorgt für noch weniger Transparenz, kreiert eine Schattenwirtschaft, von der nur die korrupten Eliten profitieren. Es geht darum, in kürzester Zeit so viel Geld wie möglich aus dem Land zu ziehen. Das ist das Geschäftsmodell der Fifa und ihrer brasilianischen Helfer, dazu gehören vor allem die großen Baukonzerne.

Die Fifa sieht sich als Wohltätigkeitsorganisation und führt an, einen Teil ihrer Gewinne als Fußball-Entwicklungshilfe auf der ganzen Welt zu verteilen.

Das ist Geld, das die Fifa den WM-Ländern abpresst. Deutschland, Südafrika, Brasilien. Diese Nationen mussten die Stadien hochziehen, eine Infrastruktur aufbauen, die große Fußball-Bühne für vier Wochen hinstellen. Das kostet die Fifa nichts. Bei ihr liegt nie ein Risiko. Es ist ein verrottetes System. Die Fifa funktioniert wie eine Drückerkolonne, die von Land zu Land zieht.

26943323 © Privat Vergrößern Der Amerikaner Gaffney ist Professor für Geographie an der Universität von Rio de Janeiro und gehört dem Comitê Popular an, das sich kritisch mit den sozialen Auswirkungen des WM-Turniers und der Olympischen Spiele 2016 in Rio beschäftigt

Die WM in Brasilien ist eine Protest-Plattform für alle möglichen sozialen Bewegungen. Es geht um ein Aufbegehren gegen Missstände im Land. Hunderttausende sind während des Confederations Cup im Juni auf die Straße gegangen. Sucht denn jemand einen Dialog mit Ihnen?

Da passiert gar nichts.

Was bedeutet das für die WM?

Ich rechne mit harten Repressalien.

Die Polizei behauptet, der Protest würde durch Mitglieder des sogenannten Schwarzen Blocks und Kriminelle gesteuert.

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