http://www.faz.net/-gtl-8yk7f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 07.06.2017, 11:08 Uhr

Fußballweltmeisterschaft 2022 Kippt die WM in Qatar?

Das Emirat am Golf wird von seinen Nachbarn boykottiert. Das wirkt sich auch auf das umstrittene WM-Milliardenprojekt 2022 aus.

von
© Reuters Im Schatten der Wüste: Qatar soll die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten und weckt mit dem Vorhaben viel Missmut.

Eines der gigantischsten und zugleich umstrittensten Infrastrukturprojekte in der Welt des Sports gerät einmal mehr in Turbulenzen. Nachdem arabische Länder den Golfstaat Qatar aufgrund des Vorwurfs von Terrorfinanzierung isoliert haben, geht es auch wieder um die Zukunft der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in dem kleinen Emirat. Insgesamt will das Land für seinen Plan fast 190 Milliarden Euro investieren, aber nicht nur in Stadien, sondern auch in den Bau von Straßen, einen Nahverkehrsverbund mit einer U-Bahn unter dem Wüstensand, Kanalisationsanlagen oder Industriegebiete. Die Frage ist, ob die diplomatische Krise eskaliert und ob das Emirat weiter ins Abseits gedrängt wird. Das Auswärtige Amt teilte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Anfrage mit: „Wir beobachten diese bedauerliche Entwicklung mit Sorge und rufen alle Beteiligten dazu auf, ihre Differenzen im Dialog beizulegen. Es ist jetzt wichtig, eine weitere Verschärfung der Spannungen zu vermeiden.“

Michael Ashelm Folgen:

Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein hatten am Montag die Beziehungen zu Qatar abgebrochen. Dem Land wird eine Verbindung zum internationalen Terrorismus vorgeworfen. Saudi-Arabien sperrte seine Grenze zu Qatar, das nun auf dem Landweg nicht mehr erreichbar ist. In den Supermärkten kam es zu Panikkäufen. Der Leitindex der Börse Qatars fiel am Dienstag auf ein Eineinhalbjahrestief und büßte in zwei Tagen rund 10 Prozent ein.

Die WM in Qatar kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen

Für Nervosität in Qatar sorgten zudem Aussagen des Präsidenten vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), Reinhard Grindel. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete war kurz nach den Anschuldigungen der arabischen Länder an Pfingsten ebenfalls an die Öffentlichkeit gegangen und hatte sich gegen Qatar positioniert. Grindel führte an, dass große Turniere nicht mehr in Ländern gespielt werden sollten, die aktiv den Terror unterstützen. Auch einen Boykott der WM 2022 schloss er nicht aus.

„Wir stehen unabhängig von den aktuellen Entwicklungen in einem engen und kontinuierlichen Kontakt mit dem Deutschen Fußball-Bund“, hieß es beim Auswärtigen Amt zu den DFB-Aussagen. Das brisante Wort „Boykott“ wird allerdings nicht erwähnt.

Mehr zum Thema

Das Megaprojekt mit der Fußball-WM, das als PR-Coup für ein blitzblankes Image des Emirats gedacht war, kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen. Gerade in Westeuropa wurde die Veranstaltung lange Zeit vor allem mit Korruption und Menschenrechtsverletzungen verbunden. Es geht immer wieder um Missstände auf den Baustellen und eine zum Teil menschenunwürdige Behandlung der fast zwei Millionen Gastarbeiter vornehmlich aus Nepal, Pakistan und Indien.

Mehrmals gab es Anläufe aus dem Fußball und Teilen der Politik in Westeuropa, eine WM-Ausrichtung Qatars zu verhindern. Doch bisher gab es keine harten Belege dafür, dass die WM-Vergabe innerhalb des Internationalen Fußball-Verbandes mit Bestechungen zustande kam. Zudem öffnete sich Qatar Kritikern, und der umstrittene WM-Termin im heißen Wüstensommer wurde auf November und Dezember 2022 verlegt.

Auch mit dem FC Bayern München verbunden

Ähnliche diplomatische Krisen wie jetzt gab es für Qatar auch 2007 und 2014, als Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC), zu dem auch Saudi-Arabien gehört, ihre Botschafter aus dem Emirat wegen sicherheitspolitischer Differenzen vorübergehend abzogen. Derweil kämpft Qatar, von der Fläche kleiner als Schleswig-Holstein, um seine Position – und seine fragwürdige Strategie als neuer Supersportstandort. Nach Auskunft des qatarischen Finanzministeriums flössen jede Woche umgerechnet annähernd 500 Millionen Euro in Vorhaben für das WM-Turnier. Gerade wurde das erste WM-Stadion in der Hauptstadt Doha fertiggestellt und eröffnet – mit Kühltechnik.

Das Land ließ Menschenrechtsorganisationen ins Land, verbesserte nach Aussage verschiedener Fachleute einige Arbeiterrechte und hat weitere Reformen angekündigt. Hier zeigt es im Gegensatz zu Russland, das im nächsten Jahr die Fußball-WM ausrichtet, mehr Transparenz und Veränderungswillen. Zugleich aber sind die Qatarer seit Jahren mit dem Einsatz gigantischer Geldsummen sportpolitisch aktiv, um sich die Akzeptanz im Ausland zu sichern. Es existiert ein weites Netz von Partnerschaften und Werbeverträgen im Sport – auch mit dem FC Bayern München.

© Opinary

Über staatseigene Fonds gehört dem Emirat der bedeutende Fußballverein Paris Saint-Germain. Mit der Fluggesellschaft Qatar Airways als Sponsor ist man mit dem Messi-Klub FC Barcelona verbunden. Der Sportsender Bein Sports, ein Ableger des qatarischen Nachrichtenkanals Al Dschazira, hält wichtige Sportrechte in aller Welt. Qatar liebäugelt zudem mit der Ausrichtung Olympischer Spiele.

Nicht anders geht Qatar in der Wirtschaft vor. Das Emirat hält in Deutschland einen Anteil von 17 Prozent an Volkswagen sowie Beteiligungen zwischen sechs und zehn Prozent an der Deutschen Bank sowie am Siemens-Konzern. In anderen europäischen Ländern ist das Land mit Anteilen an Kaufhäusern, Hotels oder Medienunternehmen beteiligt.

Zuletzt jedoch litt das Emirat an der weltweiten Rohstoffbaisse, getroffen wie die anderen umliegenden Länder am Golf vom Verfall der Gas- und Ölpreise. Der Haushalt driftete erstmals seit 15 Jahren ins Defizit, die Budgets im Scheichtum werden rigide zusammengestrichen. Gigantische Bauvorhaben wie Tunnel- und Brückenanlagen wurden vorerst eingestellt. Das Wirtschaftswachstum des größten Flüssiggasexporteurs der Welt hat sich auf 2,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verlangsamt. Während sich jetzt noch die politischen Vorzeichen für die Zukunft weiter negativ verändern, soll jedoch der WM-Plan mit aller Macht weiterhin umgesetzt werden.

© AP, reuters Eskalation am Golf: Nachbarn haben Qatar Anfang Juni isoliert

Unabsteigbare Bundesliga

Von Peter Penders

Skandale in den Verbänden. Fernsehmarkt zersplittert. Transfersummen ins Unermessliche gestiegen. Fußball als Dauerthema selbst in der Sommerpause. Ist der Fußball durch nichts zu zerstören? Mehr 5 5

Zur Homepage