http://www.faz.net/-gtl-8yk7f

Fußballweltmeisterschaft 2022 : Kippt die WM in Qatar?

Im Schatten der Wüste: Qatar soll die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten und weckt mit dem Vorhaben viel Missmut. Bild: Reuters

Das Emirat am Golf wird von seinen Nachbarn boykottiert. Das wirkt sich auch auf das umstrittene WM-Milliardenprojekt 2022 aus.

          Eines der gigantischsten und zugleich umstrittensten Infrastrukturprojekte in der Welt des Sports gerät einmal mehr in Turbulenzen. Nachdem arabische Länder den Golfstaat Qatar aufgrund des Vorwurfs von Terrorfinanzierung isoliert haben, geht es auch wieder um die Zukunft der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in dem kleinen Emirat. Insgesamt will das Land für seinen Plan fast 190 Milliarden Euro investieren, aber nicht nur in Stadien, sondern auch in den Bau von Straßen, einen Nahverkehrsverbund mit einer U-Bahn unter dem Wüstensand, Kanalisationsanlagen oder Industriegebiete. Die Frage ist, ob die diplomatische Krise eskaliert und ob das Emirat weiter ins Abseits gedrängt wird. Das Auswärtige Amt teilte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Anfrage mit: „Wir beobachten diese bedauerliche Entwicklung mit Sorge und rufen alle Beteiligten dazu auf, ihre Differenzen im Dialog beizulegen. Es ist jetzt wichtig, eine weitere Verschärfung der Spannungen zu vermeiden.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein hatten am Montag die Beziehungen zu Qatar abgebrochen. Dem Land wird eine Verbindung zum internationalen Terrorismus vorgeworfen. Saudi-Arabien sperrte seine Grenze zu Qatar, das nun auf dem Landweg nicht mehr erreichbar ist. In den Supermärkten kam es zu Panikkäufen. Der Leitindex der Börse Qatars fiel am Dienstag auf ein Eineinhalbjahrestief und büßte in zwei Tagen rund 10 Prozent ein.

          Die WM in Qatar kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen

          Für Nervosität in Qatar sorgten zudem Aussagen des Präsidenten vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), Reinhard Grindel. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete war kurz nach den Anschuldigungen der arabischen Länder an Pfingsten ebenfalls an die Öffentlichkeit gegangen und hatte sich gegen Qatar positioniert. Grindel führte an, dass große Turniere nicht mehr in Ländern gespielt werden sollten, die aktiv den Terror unterstützen. Auch einen Boykott der WM 2022 schloss er nicht aus.

          „Wir stehen unabhängig von den aktuellen Entwicklungen in einem engen und kontinuierlichen Kontakt mit dem Deutschen Fußball-Bund“, hieß es beim Auswärtigen Amt zu den DFB-Aussagen. Das brisante Wort „Boykott“ wird allerdings nicht erwähnt.

          Das Megaprojekt mit der Fußball-WM, das als PR-Coup für ein blitzblankes Image des Emirats gedacht war, kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen. Gerade in Westeuropa wurde die Veranstaltung lange Zeit vor allem mit Korruption und Menschenrechtsverletzungen verbunden. Es geht immer wieder um Missstände auf den Baustellen und eine zum Teil menschenunwürdige Behandlung der fast zwei Millionen Gastarbeiter vornehmlich aus Nepal, Pakistan und Indien.

          Mehrmals gab es Anläufe aus dem Fußball und Teilen der Politik in Westeuropa, eine WM-Ausrichtung Qatars zu verhindern. Doch bisher gab es keine harten Belege dafür, dass die WM-Vergabe innerhalb des Internationalen Fußball-Verbandes mit Bestechungen zustande kam. Zudem öffnete sich Qatar Kritikern, und der umstrittene WM-Termin im heißen Wüstensommer wurde auf November und Dezember 2022 verlegt.

          Auch mit dem FC Bayern München verbunden

          Ähnliche diplomatische Krisen wie jetzt gab es für Qatar auch 2007 und 2014, als Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC), zu dem auch Saudi-Arabien gehört, ihre Botschafter aus dem Emirat wegen sicherheitspolitischer Differenzen vorübergehend abzogen. Derweil kämpft Qatar, von der Fläche kleiner als Schleswig-Holstein, um seine Position – und seine fragwürdige Strategie als neuer Supersportstandort. Nach Auskunft des qatarischen Finanzministeriums flössen jede Woche umgerechnet annähernd 500 Millionen Euro in Vorhaben für das WM-Turnier. Gerade wurde das erste WM-Stadion in der Hauptstadt Doha fertiggestellt und eröffnet – mit Kühltechnik.

          Das Land ließ Menschenrechtsorganisationen ins Land, verbesserte nach Aussage verschiedener Fachleute einige Arbeiterrechte und hat weitere Reformen angekündigt. Hier zeigt es im Gegensatz zu Russland, das im nächsten Jahr die Fußball-WM ausrichtet, mehr Transparenz und Veränderungswillen. Zugleich aber sind die Qatarer seit Jahren mit dem Einsatz gigantischer Geldsummen sportpolitisch aktiv, um sich die Akzeptanz im Ausland zu sichern. Es existiert ein weites Netz von Partnerschaften und Werbeverträgen im Sport – auch mit dem FC Bayern München.

          Über staatseigene Fonds gehört dem Emirat der bedeutende Fußballverein Paris Saint-Germain. Mit der Fluggesellschaft Qatar Airways als Sponsor ist man mit dem Messi-Klub FC Barcelona verbunden. Der Sportsender Bein Sports, ein Ableger des qatarischen Nachrichtenkanals Al Dschazira, hält wichtige Sportrechte in aller Welt. Qatar liebäugelt zudem mit der Ausrichtung Olympischer Spiele.

          Nicht anders geht Qatar in der Wirtschaft vor. Das Emirat hält in Deutschland einen Anteil von 17 Prozent an Volkswagen sowie Beteiligungen zwischen sechs und zehn Prozent an der Deutschen Bank sowie am Siemens-Konzern. In anderen europäischen Ländern ist das Land mit Anteilen an Kaufhäusern, Hotels oder Medienunternehmen beteiligt.

          Zuletzt jedoch litt das Emirat an der weltweiten Rohstoffbaisse, getroffen wie die anderen umliegenden Länder am Golf vom Verfall der Gas- und Ölpreise. Der Haushalt driftete erstmals seit 15 Jahren ins Defizit, die Budgets im Scheichtum werden rigide zusammengestrichen. Gigantische Bauvorhaben wie Tunnel- und Brückenanlagen wurden vorerst eingestellt. Das Wirtschaftswachstum des größten Flüssiggasexporteurs der Welt hat sich auf 2,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verlangsamt. Während sich jetzt noch die politischen Vorzeichen für die Zukunft weiter negativ verändern, soll jedoch der WM-Plan mit aller Macht weiterhin umgesetzt werden.

          Eskalation am Golf : Nachbarn isolieren Qatar

          Weitere Themen

          Bayern siegt deutlich gegen Istanbul Video-Seite öffnen

          Champions League : Bayern siegt deutlich gegen Istanbul

          Der FC Bayern München hat in der Champions League einen 5:0-Sieg gegen Istanbul gefeiert und steht kurz vor dem Einzug ins Viertelfinale. Trainer Heynckes mahnt allerdings zur Vorsicht.

          Topmeldungen

          Syrischer Krieg : Spielball der Großmächte

          Syrien versinkt seit Jahren in Krieg und Gewalt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das liegt auch an den vielen verschiedenen Beteiligten und Interessen. Ein Überblick.
          Provisorium: Zelt für Influenza-Patienten vor einem Krankenhaus in Kalifornien.

          Heftiger Virus : Fast 90 tote Kinder durch Grippe in Amerika

          In den Vereinigten Staaten wütet die schlimmste Grippewelle seit 15 Jahren. Mehr als 180.000 Amerikaner haben sich schon infiziert. Betroffen sind vor allem die geburtenstarken Jahrgänge.
          Die beiden Parteivorsitzenden der AfD, Alexander Gauland (links) und Jörg Meuthen, sprechen Mitte Dezember 2017 vor Beginn der Sitzung des AfD-Bundesvorstands miteinander.

          Nähe zu Islamfeinden : AfD-Führung für Redeauftritte bei Pegida

          Jörg Meuthen und Alexander Gauland fordern eine Aufhebung des Kooperationsverbots mit der Pegida-Bewegung. Um bürgerliche Wähler nicht abzuschrecken, solle aber Lutz Bachmann besser „aus dem Schaufenster der Bewegung verschwinden“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.