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Friedensfahrt Ehemaliger Stasi-Major dreht weiter am Rad

13.05.2003 ·  Mit der Friedensfahrt haben Bürgerrechtler in Leipzig ihre Probleme. Weil sie bei diesem Radsportereignis auf einen Strippenzieher treffen, der schon früher hinter den Kulissen die Fäden zog: Jörg Strenger, einst Major der Stasi und heute Marketing-Chef der Rundfahrt.

Von Thomas Purschke
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Mit der Friedensfahrt haben Bürgerrechtler in Leipzig ihre Probleme. Weil sie bei diesem angesehenen Radsportereignis auf einen Strippenzieher treffen, der schon früher hinter den Kulissen die Fäden zog. Als das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) noch bestimmte, welches Rad sich wie drehen sollte. Jörg Strenger gibt immer noch die Richtung vor: heute als umtriebiger Marketingchef der Radrundfahrt, die an diesem Dienstag nach Deutschland kommt; damals als Major des Spitzelapparates. Das ist grundsätzlich bekannt. Aber so genau will sich kaum jemand daran erinnern, daß Strenger Leiter der berüchtigten Abteilung XX der MfS-Bezirksverwaltung Leipzig war: ein hauptamtlicher und kein ehrenamtlicher Spitzel. Seine Abteilung wirkte im Herbst 1989 auch federführend bei der Unterdrückung der Montagsdemonstrationen und der friedlichen Oppositionsbewegung in Leipzig mit. Er versuchte die Entwicklung jener bewegenden Geschichte zu stoppen, mit der Leipzig im Kampf etwa gegen New York oder Paris die Olympiabewerbung gewinnen will. Strenger organisierte als langjähriger Leiter der Stasi-Arbeitsgruppe "Aktionen und Einsätze" zur Überwachung der propagandistisch aufgezogenen DDR-Turn- und Sportfeste in Leipzig. Der mit zahlreichen Stasi-Orden dekorierte Geheimdienstmann befehligte im Wendejahr 1989 laut MfS-Strukturplan insgesamt 95 Mitarbeiter in seiner Abteilung. Sie war zuständig für die Überwachung der Kirchen, der Universität, der Massenmedien sowie des Sports. Dazu gehörten auch die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport und das angeschlossene Forschungsinstitut. Damit oblag dem MfS-Mann auch die Sicherung der geheimen Dopingforschung.

Strenger weiß eine Menge, von der er nichts mehr wissen will. Das ist Vergangenheit, "erledigt", sagt er. Er möchte nicht mit Opfern reden und wisse nicht, "bei wem ich mich überhaupt entschuldigen soll". Zudem fühlt sich Strenger ungerecht behandelt: "Der große deutsche Sportfunktionär Josef Neckermann ist bereits 1951 entnazifiziert worden, und jetzt schreiben wir das Jahr 2003." Dank des Wandels könnte Strenger in einer Führungsposition eines deutschen Sportverbandes nicht landen. Es sind schon Stasi-Mitarbeiter von weit geringerem Einfluß samt und sonders von einer Mitarbeit im Ehren- oder Hauptamt ausgeschlossen worden. Aber Strenger, Geschäftsführer eines Milchgroßhandels und Manager des einzigen professionellen ostdeutschen Radsportteams "Wiesenhof", ist als freier Unternehmer unerreichbar für jede Stasi-Kommission. So hält der Mitteldeutsche Rundfunk - offizieller Medienpartner und Sponsor der Friedensfahrt - den Stasi-Anteil von Strengers Biographie für nicht relevant. Eine Sprecherin der Stadt Leipzig erklärte nur wenige Wochen nachdem der Oberbürgermeister des deutschen Olympiabewerbers, Wolfgang Tiefensee, einen "offensiven Umgang mit der Doping- und Stasi-Vergangenheit" versprochen hatte, das Thema "für eines von vielen". Auch Wolfgang Schoppe will, daß sich das Rad möglichst reibungslos weiterdreht. Der Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) wurde einst als Stasi-Opfer dank des Stasi-Majors Strenger vor einer Inhaftierung bewahrt. Schoppe denkt deshalb halbwegs pragmatisch: "Durch sein fleißiges Anwerben von Sponsoren hat Herr Strenger das Überleben der Friedensfahrt gesichert. Damit hat er zumindest einen Teil seiner Schuld gesühnt." Wie könnte da die BDR-Präsidentin Sylvia Schenk auf Abstand gehen? Sie kann "die Aufregung nicht nachvollziehen" und wird Strenger in diesen Tagen treffen, obwohl sie sich nicht sicher ist, wer ihr da gegenübertritt: "Ich habe bereits im vergangenen Jahr mit Herrn Strenger über seine Stasi-Vergangenheit gesprochen. Er ist damit relativ offen umgegangen. Allerdings konnte ich nicht nachprüfen, ob das die volle Wahrheit war."

Weder die BDR-Präsidentin noch ihr Vizepräsident Schoppe haben bis heute die Stasi-Personalakte des ehemaligen MfS-Offiziers gelesen. Sie hätten die Möglichkeit dazu. Die Leipziger Bürgerrechtler hingegen können Dutzende von Dokumenten über die menschenverachtende Tätigkeit Strengers, der als Anfänger bei der "Firma" laut Akten seine Radfahrkollegen aushorchte, vorlegen. Für sie ist es "skandalös, nicht hinnehmbar", sagt Irmtraut Hollitzer vom Bürgerkomitee Leipzig e.V., "daß ein uneinsichtiger Mielke-Offizier, der Pazifisten verfolgt hat, heute den Friedensengel ausgerechnet bei der Friedensfahrt spielt".

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