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Veröffentlicht: 05.06.2017, 12:21 Uhr

Kritik im deutschen Schwimmen „Trainer werden zu Uhrenhaltern degradiert“

Frank Embacher wurde vor die Tür gesetzt, nun ist der Schwimm-Trainer arbeitslos. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seine Klage gegen den Verband, den Bundestrainer und das Training der Deutschen.

von Sabrina Knoll
© Picture-Alliance Frank Embacher bei den Olympischen Spielen 2016.

Der 53 Jahre alte Schwimmtrainer Frank Embacher hat 23 Jahre lang am Stützpunkt Halle/Saale gearbeitet. Paul Biedermann stieg mit Embacher in die Weltspitze auf und wurde 2009 Weltmeister über 200 und 400 Meter Freistil. Bei Olympia 2012 und 2016 waren die deutschen Schwimmer ohne Medaillen geblieben. Die von Chef-Bundestrainer Lambertz vorangetriebene Umstrukturierung und Zentralisierung geschieht auch vor dem Hintergrund erheblicher Mittelkürzungen ab 2019. (chwb.)

Herr Embacher, Ihnen wurde an Heiligabend mitgeteilt, dass Ihr zum Jahresende 2016 auslaufender Vertrag nicht verlängert wird. Eine Trennung zu Weihnachten – nicht die feine Art, oder?

Ich habe den Brief zunächst gar nicht gelesen, weil ich davon ausgegangen war, dass zumindest im Jahr 2017 alles so bleibt, wie es ist (Halle/Saale bleibt Bundesstützpunkt mit Embacher als Trainer; d. Red). Das haben ja alle Beteiligten im DSV immer wieder betont. Und die Stadt Halle hat das sogar schriftlich vom Innenministerium und von Herrn Hörmann (Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds; d. Red.). Erst meine Frau kam später zu mir und sagte: „Hast du das nicht gelesen? Die haben deinen Vertrag nicht verlängert!“ Das war ein richtiger Hammerschlag.

Sie haben Klage gegen den DSV eingereicht, der Verhandlungstermin steht noch aus. Was machen Sie derzeit?

Ich bin arbeitslos. Die Leitung der Trainingsgruppe habe ich an meinen Ko-Trainer (Marian Bobe; d. Red.) übergeben, dem ich weiter zur Verfügung stehe, quasi als ehrenamtlicher Berater. Mir geht es dabei gar nicht um den Titel. Auch das fehlende Gehalt tut weit weniger weh als die ganze Art und Weise. Da ist man einfach menschlich enttäuscht. Weil nichts darauf hindeutete, dass man nicht mehr mit mir arbeiten will. Im Gegenteil: Die Signale, die ich bekommen habe und die Aussagen, die der Bundestrainer (Henning Lambertz; d. Red.) mir gegenüber getätigt hat, sprachen immer für eine weitere Zusammenarbeit.

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Sie haben sich seither unter anderem in Potsdam als Trainer für einen möglichen Bundesstützpunkt beworben. Sehen Sie immer noch eine Zukunft im DSV?

Ich hatte bis vor kurzem tatsächlich noch den Eindruck, dass der Verband nach einer Lösung sucht, um weiter mit mir zusammenzuarbeiten, dass alles vielleicht nur ein Missverständnis war, ausgelöst durch die Reformen. Daher habe ich mich auch in Potsdam beworben. Dazu war ja später zu lesen, dass der Chef-Bundestrainer dort nur mit Jörg Hoffmann arbeiten will, weil es keinen annähernd so qualifizierten Bewerber gab. Dabei habe ich immer gedacht, dass Henning Lambertz mich als Partner sieht, auf dessen Rat er großen Wert legt. Auch nach Olympia hieß es noch: Du bist einer von Vieren, die ich brauche, damit das alles funktioniert. Bei euch hole ich mir das Feedback. Doch jetzt habe ich kürzlich einen eindeutigen Beweis bekommen, dass man nicht mehr mit mir arbeiten will. Damit ist die Sache nun für mich erledigt.

In den vergangenen Jahren kam es wegen offener Vertragssituationen immer wieder zu Konfrontationen. Ein Problem, das viele olympische Sportarten kennen. Was würden Sie sich wünschen?

Das Problem ist, dass in Deutschland nur Olympia zählt. Du wirst immer für den Olympiazyklus angestellt, danach wird abgerechnet. Du kannst also drei Jahre voll daneben gegriffen haben – wenn Olympia passt, dann ist alles vergessen. Aber wenn nicht, dann kannst du vorher noch so gut gearbeitet haben. Das zählt dann nichts. Ich finde, die Verträge sollten nicht nach Olympia enden, sondern ein Jahr später. Damit nicht alle, auch die Sportler – wie zuletzt auch wieder – Monate in der Luft hängen. Schließlich hat die Erfahrung gezeigt, dass sich die sogenannten Umbrüche immer wieder hinziehen. Wir kriegen es jetzt doch auch nicht vor 2019 hin.

Henning Lambertz spricht von Bausteinen im Trainingskonzept: Die Grundlagen habe man in den vergangenen Jahren gelegt, die Schwimmer brächten die vehement geforderten Kilometer nun ins Wasser. In einem zweiten Schritt müsse jetzt die Athletik verbessert werden.

Das ist doch Quatsch. In dem Moment, in dem ich das eine mache, kann ich das andere nicht einfach draufschalten. Das funktioniert nicht. Das sind zwei unterschiedliche Konzepte, die man nicht miteinander verknüpfen kann. Ich kann nicht 3000 Kilometer schwimmen und das Kraftkonzept umsetzen. Für mich ist das schon erstaunlich, dass man sein Konzept mehrmals wechseln kann und die Führung da trotzdem eine Linie drin sieht. Meiner Meinung nach sind diese Konzepte nicht kompatibel. Das beißt sich mit den wichtigsten Trainingsprinzipien. Einer der wichtigsten Grundsätze, den ich auch erst lernen musste, bezieht sich auf die sinnvolle Gestaltung von Belastung und Erholung. Wenn es nun heißt: Wir müssen 3000 Kilometer trainieren, dann musst du dafür schon 22 Stunden hart im Wasser arbeiten. Dazu kommen jetzt noch drei Kraftblöcke und ein paar allgemeine Einheiten. Da bist du also noch mal sechs Stunden im Kraftraum. Gleichzeitig heißt es aber, dass man nach diesem harten Krafttraining maximal ein bisschen locker schwimmen soll. Der Tag hat aber nur 24 Stunden und die Woche nur sieben Tage.

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Idealerweise heißt es in dem Konzept: morgens Wasser, mittags Kraft, abends noch mal Wasser ...

... und was ist mit Arbeit, Ausbildung, Uni? Und vor allem: Was ist mit der Erholung? Da werden die Trainingsprinzipien so verletzt, da brauchen wir uns nicht wundern, dass so viele Talente aussteigen. Entweder gehe ich mit den Kilometern runter und lasse die 50- und 100-Meter-Leute das Kraftkonzept umsetzen. Aber warum soll ein 400-Meter-Mann so viel Krafttraining machen? Oder ein Delphinschwimmer, der seine Arme und dann einige Kilo Muskelmasse mehr übers Wasser nach vorne bringen muss? Wir versuchen immer nur, die Auswirkungen zu bekämpfen, und nicht die Ursachen.

Was sind die Ursachen?

Das Problem liegt viel weiter unten. Da werden Vorgaben gemacht und Kennziffern rausgegeben, die völlig an der Realität vorbeigehen. Für mich das beste Beispiel: Zehnjährige sollen zwischen zehn und 13 Stunden trainieren. Aber: Wenn die nicht an der Sportschule sind, wo die Schulzeit langfristig gestreckt wird, dann gehen doch als Erste die Eltern auf die Barrikaden. So machen wir den Sport kaputt. Doch anstatt die Notbremse zu ziehen, setzen wir noch einen drauf und drangsalieren die Sportler so lange, bis die sagen: Habt ihr ’nen Knall?

Talente sollen an den künftig vermutlich fünf Bundesstützpunkten zusammengezogen werden. Jenen, die sich sperren, soll die Unterstützung gestrichen werden.

Ja. Da wird tatsächlich gerade den Schwimmern gesagt: Sie müssten mal raus aus ihrer Komfortzone! Bösartig übersetzt heißt das ja: Ihr seid einfach zu faul. Gerade in diesem Sport, in dem man kein Geld verdienen kann, in dem die Sportler aber einen sehr hohen Aufwand betreiben und viele Einschränkungen in Kauf nehmen, da ist dieser Vorwurf einfach unterste Kategorie.

Was wäre Ihr Vorschlag?

Ich glaube, dass es viel erfolgversprechender ist, die Schwimmer im Jahresverlauf immer wieder zusammenzuziehen. Je nach Lage oder wie in meinem Staffelprojekt. Dass das funktionieren kann, habe ich ja selbst erlebt. Da hat ein Paul Biedermann gemerkt: Der Florian Vogel schwimmt mir beim Beintraining immer weg. Danach hat Paul ganz anders seine Beine trainiert, weil er genau wusste: Wenn wir uns wiedersehen, dann zieht mich der Birdy wieder ab. Und so lief das bei allen Staffeljungs. Jeder hat eine Hausaufgabe mitgenommen und sich mit zusätzlicher Motivation richtig reingekniet. Das hat auch mir als Trainer unheimlich viel Spaß gemacht.

Dieses Messen mit den Besten hätten die Schwimmer bei mehr Zentralisierung viel häufiger täglich ...

... es ist doch eine ganz andere Sache, wenn die Jungs nur punktuell zusammen trainieren, sich aneinander reiben und sich neue Impulse holen. Sie haben dann ihre Schwächen vorgeführt bekommt, aber eben auch ihre Stärken. Ich glaube, das ist einfach die viel bessere Herangehensweise. Man reißt sie nicht aus ihrem Umfeld, aus ihrer regionalen Förderung, ihrer Funktion als Aushängeschild, was ja für die Vereine auch wichtig ist. Dazu haben sie ihre Freunde, ihre Familie, ihre Ausbildung. Das ist dann die Wohlfühlzone, das ist richtig, aber warum sollen die Leute sich nicht wohl fühlen, bei der ganzen Schinderei?

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Ist der Unmut unter den Trainern größer geworden?

Der Knackpunkt bei dieser Strukturreform: Man hat vergessen, die Trainer mitzunehmen, oder zumindest die Sportler zu überzeugen. Was mich ärgert, ist, dass die Kreativität und die Individualität der Trainer überhaupt nicht mehr gefordert und gefördert wird. Dass ein Chef die Richtung vorgibt, das ist ja richtig. Aber für mich besteht der Trainerberuf darin, die Erfahrungen zu nutzen, um jeden so zu behandeln, wie er es braucht. Gerade werden einfach alle Schwimmer über einen Kamm geschoren und die Trainer damit zu Konzeptablesern und Uhrenhaltern degradiert. Da bleibt kein Spielraum mehr. Zurzeit fehlt das Vertrauen vom Chef-Bundestrainer und von der Verbandsspitze, dass die Trainer ihr Bestes geben und sich auch Gedanken machen.

Henning Lambertz beobachtet die Arbeit der Trainer seit Amtsantritt sehr genau, lässt sie wöchentlich eine Trainingsdatendokumentation anfertigen.

Und das finde ich gut. Ehrlich. Ich finde es wichtig, dass man so etwas hat, um dann am Jahresende Grundlagen für eine Analyse zu haben. Es darf aber nicht sein, dass man sagt: Du hast das Training anders gemacht, als ich mir das vorstelle, daher bist du ein schlechter Trainer. Dann passiert das, was in der DDR passiert ist: doppelte Buchführung. Allerdings habe ich es in all den Jahren auch noch nicht erlebt, dass mit uns Trainern eine Auswertung der Dokumentation gemacht wird.

Von außen betrachtet macht es den Eindruck, als hätte sich mit den Spielen in Rio nochmal einiges im Binnenverhältnis zwischen Chefcoach und Trainern geändert, seit Henning Lambertz seine Pläne nun mit aller Konsequenz durchdrücken will. Sie sind Trainersprecher. Stimmt das?

Als Henning Lambertz damals angetreten ist, hat er uns das Gefühl vermittelt, dass er mit uns zusammenarbeiten will. Das ist mit der Zeit aber immer mehr verlorengegangen. Jetzt wird eine sehr radikale Politik gemacht. Wer nicht mitmacht, ist raus. Genauso ist das auch bei den Sportlern. Wer sich nicht zentralisieren lässt, der bekommt keine Förderung mehr. Mit dieser rigorosen Art hat er viele Leute vor den Kopf gestoßen. Man hat hier einfach die zwei wichtigsten Komponenten in einer Sportreform außen vor gelassen: die Trainer und die Sportler. Deshalb wird das auch nicht funktionieren.

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