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Fifa-Kommentar Verraten und verkauft

 ·  Der Sumpf mag bei der Fifa besonders augenfällig sein. Doch auch in vielen anderen Sportverbänden gehört Korruption zum Alltag. Jeder weiß es. Doch Konsequenzen sind selten.

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© REUTERS Vergrößern Im Fifa-Geflecht kann ein cleverer Präsident ohne echte Gefährdungen alt und grau werden

Das Bild, das Joseph Blatter in diesen Tagen abgibt, ist mehr als irritierend: ein siegesgewiss lächelnder alter Mann, der von seinen Kritikern Respekt und Fairness fordert. Der Präsident des Internationalen Fußballverbandes Fifa wird nicht gerade von Selbstzweifeln geplagt.

Obwohl er dazu allen Grund hätte: Es gibt Beweise dafür, dass die Fifa moralisch zutiefst verkommen ist, dass einige ihrer wichtigsten Protagonisten sich ohne Gewissensbisse viele Jahre lang um Millionenbeträge bereichert haben. Zuletzt wurde offengelegt, dass allein zwei Mitglieder aus dem unersättlich scheinenden Fußball-Hochadel mindestens 14 Millionen Schweizer Franken abgegriffen haben. Und Blatter kannte das System nicht nur, er hat es mehr als dreißig Jahre lang maßgeblich mitgestaltet.

Der Schweizer, der so gerne mit den Milliardeneinnahmen der Fifa prunkt, kann für sich reklamieren, im schwammigen Gelände der Welt-Sportführung auch den Rekord-Korruptionssumpf geschaffen zu haben. Blatter war es auch, der einst als jüngerer Mann das Entwicklungshilfeprogramm des Internationalen Fußballverbandes aufgebaut hat, eine Maschinerie zur Geldverteilung, mit deren Hilfe nicht nur Bolzplätze oder Vereinsheime finanziert werden. Dieses Programm ist auch ein Instrument für Manipulationen.

Man kann die Wohltaten auch so interpretieren, dass, manchmal kaum verhohlen, Geld für Stimmen bezahlt wird - und dadurch schwer zu erschütternde Loyalitäten wachsen. In einem solchen Geflecht kann ein cleverer Präsident ohne echte Gefährdungen alt und grau werden. Es ist anzunehmen, dass der 76 Jahre alte Blatter auch jetzt, in der Stunde der Bedrängnis, dem Kongress seines Verbandes in aller Ruhe die Vertrauensfrage stellen und ein Traumergebnis erzielen könnte.

Die Fifa muss sich wandeln

Blatter bleibt auch deshalb, weil es bisher niemand aus dem Geflecht der Abhängigen gewagt hat, sich gegen ihn zu positionieren. Kein Königsmörder in Sicht. Auch der lange als Kronprinz angesehene europäische Verbandschef Michel Platini hält sich bedeckt, möglicherweise aus Angst, von seiner französischen Fußball-Revolution selbst hinweggefegt zu werden. Blatters letzter Herausforderer, der Qatarer Bin Hammam, hat sich schließlich mit seinem Angriff fußballgesellschaftlich selbst beinahe vernichtet. Platini wartet also hinter den Hecken, ohne sich der Tragweite seines Schweigens bewusst zu sein.

So steht die Fifa vor einer schwierigen Aufgabe: Sie muss sich mit und trotz ihres Präsidenten wandeln. Die haarsträubende Doppelvergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Qatar hat den Verband in die größte Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte gestürzt. Sogar Blatter sah sich gezwungen, Reformen in die Wege zu leiten, um dem selbstgeschaffenen Monster endlich Grenzen zu setzen.

Die bedrohlichsten Altlasten sind weg

Es mag verwunderlich sein, dass der geschickte Strippenzieher und Fallensteller nicht erkennt, dass der beste Weg zur Erneuerung der Fifa der eigene Rücktritt wäre. Doch es entspricht der Psychologie der Autokraten - sie halten sich für unersetzlich, und ihre Selbstgerechtigkeit macht blind dafür, welche Verantwortung sie für die mafiösen Strukturen tragen.

Als selbsterklärter Aufräumer hat sich Blatter inzwischen von den bedrohlichsten Altlasten befreit. Ein Viertel der Mitglieder des höchsten Fifa-Entscheidungsgremiums, der Exekutive, musste gehen. Blatter hat Anti-Korruptions-Fachleute mit dem Auftrag verpflichtet, die Fifa zu modernisieren. Eigentlich können solche honorigen Persönlichkeiten ihren Ruf nicht aufs Spiel setzen - das ist ein Hoffnungsschimmer.

Eine Diktatur mit einem Diktator reformieren

Doch die alten Kräfte sind stark. In der Exekutive sitzen immer noch genügend Profiteure des alten Systems. Die Reformer sagen, sie brauchten Blatter mit seinem vielfältigen Intimwissen, um die Gegner bei den entscheidenden Abstimmungen zu kontrollieren. Die Idee, man könne den Raubtierkäfig nur mit Hilfe des Dompteurs aufräumen, ist zwar einleuchtend, aber auch gefährlich. Es ist so, als wolle man eine Diktatur mit Hilfe des Diktators reformieren.

Auch in den Führungsetagen der internationalen Sportpolitik fragt man sich, warum das alles so ist und wie es so weit kommen konnte. Eine ehrliche Antwort wäre, dass die Fifa keine Ausnahme ist. Der Sumpf mag bei der Fifa besonders augenfällig sein, doch er prägt so manchen anderen internationalen Sportverband. Da werden repräsentative Präsidentenämter gekauft, Großereignisse verschachert, Fernsehrechte vertickt oder folgsame Nationen mit einer manipulierten Anti-Doping-Politik belohnt.

Die Geldgeber aus der Wirtschaft halten still

Und all dies hat selten Konsequenzen. Eine Instanz, die über die Amtsführung von Sport-Weltpräsidenten wachte, gibt es nicht. Auch die Geldgeber aus der Wirtschaft halten still, obwohl Systeme nach Blatters Art ihren Compliance-Beauftragten Schauder über den Rücken jagen dürften. Aber die Emotionen, die der Sport und ganz besonders der Fußball in der ganzen Welt auslösen, haben am Ende noch jeden Kritiker verstummen lassen.

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23.07.2012, 12:59 Uhr

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Von Michael Ashelm

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