29.03.2004 · Fernsehsender und Agenturen wollen Milliarden für die Senderechte an den Olympischen Spielen 2010 und 2012 ausgeben. Zu erwarten sind viele Bieter und mehr Übertragungen denn je.
Von Michael HanfeldZu den Olympischen Spielen 2010 und 2012 gibt es eine neue Disziplin, welche die Zuschauer zwar nicht zu sehen bekommen, bei der aber darüber entschieden wird, was und wieviel olympischen Sport sie überhaupt sehen können. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Anfang dieses Monats die Übertragungsrechte erstmals öffentlich ausgeschrieben, bis zum 22. April können Sender und Rechteagenturen in Lausanne ihre Gebote noch abgeben. Dann werden der IOC-Präsident Jacques Rogge und sein deutscher Stellvertreter Thomas Bach die Umschläge mit den Geboten öffnen und vielleicht noch am selben Tag eine Empfehlung abgeben, wer die Senderechte in Europa erhalten soll.
Der Verkauf in den Vereinigten Staaten hat gerade die Spitzensumme von zwei Milliarden Dollar gebracht. In Europa, wo allein sechs der insgesamt neun Städte liegen, die sich um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 bewerben, wird keine geringere Summe erwartet.
Sendergruppen und Sportrechteagenturen
Bislang wurden in hiesigen Breiten die Senderechte an den Olympischen Spielen immer an die Europäische Broadcasting Union EBU vergeben, in der die europäischen öffentlich-rechtlichen Sender zusammengeschlossen sind. Den Ausschlag für ARD und ZDF gab im Zweifel der direkte Draht zwischen dem ehemaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch und dem ehemaligen EBU-Chef Albert Scharf vom Bayerischen Rundfunk.
Jetzt können nicht nur alle Sender für ihre jeweiligen Länder bieten, es können sich auch Sendergruppen wie etwa RTL oder Pro-Sieben-Sat.1 mit einem Gebot für mehrere Länder melden und Sportrechteagenturen wie Sport Five oder Infront können sogenannte "paneuropäische" Gebote für den ganzen Kontinent abgeben. Aus Deutschland bieten ARD, ZDF, die RTL-Gruppe, Pro-Sieben-Sat.1 und der Abosender Premiere mit.
Viertausend Sendestunden
"Alles ist möglich", sagt der IOC-Vizepräsident Thomas Bach und erklärt, man führe das neue Verfahren ein, "weil wir offen sein wollen für alle Partner und jedem die Chance geben, um die Rechte zu bieten". Zudem befolge man mit diesem Bieterverfahren eine Wettbewerbsvorgabe der EU. Dank des Bietergefechts und des 2010 bei den Winterspielen in Vancouver schon weltweit verbreiteten Digitalfernsehens werde es auch mehr olympische Sportübertragungen denn je geben, glaubt Bach. Es würden schon jetzt bei den Sommerspielen in Athen rund viertausend Sendestunden angeboten, ARD und ZDF aber seien nur in der Lage, rund zehn Prozent davon auch zu zeigen.
In Amerika überträgt die Senderkette NBC derweil schon 1300 Stunden. "Das wird sich bis 2010 und 2012 noch steigern", meint Bach. Dem IOC ist bei der Auswahl der Sender sowohl an einer maximalen Reichweite gelegen als auch am Erlös, von dem, wie Bach sagt, 93 Prozent unverzüglich an die Nationalen Olympischen Komitees und an die Olympia-Städte weitergereicht würden. Auf diese Weise seien zuletzt sechzig Prozent der organisatorischen Kosten von insgesamt mehr als einer Milliarde Dollar beglichen worden.
Ungewohnt und ungemütlich ist das Verfahren allein für die EBU, die bislang ohne große Konkurrenz an die Senderechte gekommen war. "Die EBU", sagt Bach dazu, "weiß, daß sie sich einem Wettbewerb stellen muß, ich bin sicher, daß sie sich ihm stellt." Um das IOC zu überzeugen, wird sie aber das nötige Kleingeld und eine umfassende Berichterstattung brauchen. Sender, die bestimmten Vorlieben folgten und andere Sportarten beiseite lassen wollten, seien hier fehl am Platz, heißt es aus dem IOC. Am 23. April wissen wir mehr.
MICHAEL HANFELD