27.01.2009 · Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will die Wogen in der Leichtathletik glätten: Präsident Bach und Generaldirektor Vesper haben mit einem offenen Brief auf die Proteste einiger Leichtathleten gegen die Suspendierung des dopingbelasteten Trainers Goldmann geantwortet.
Von Jörg HahnDer Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) versucht, die Wogen in der Leichtathletik zu glätten. Dort haben sich knapp zwei Dutzend Spitzenathleten gegen die Nichtweiterbeschäftigung des aus DDR-Zeiten dopingbelasteten Diskuswurftrainers Werner Goldmann gerichtet, mit scharfen Worten gegen den DOSB und gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). DOSB-Präsident Thomas Bach und sein Generaldirektor Michael Vesper antworten nun auf den Offenen Brief der Aktiven. (siehe: Fall Goldmann: Leichtathleten protestieren gegen „Bauernopferjagd“)
Die vom DOSB eingesetzte Unabhängige Kommission zur Überprüfung von Trainern und Offiziellen mit Dopingvergangenheit hatte im Fall Goldmanns empfohlen, den Trainer wegen Verstrickung in das Doping-System der DDR nicht weiterzubeschäftigen. Bach und Vesper verweisen darauf, dass die Kommission möglicherweise anders geurteilt hätte, wenn Goldmann seine Beteiligung gegenüber der Kommission eingestanden und zugleich bedauert hätte: „Sie hat ihm mehrere Brücken gebaut, über die Herr Goldmann aber leider nicht gehen wollte.“
Absage an allgemeine Amnestie
Eine allgemeine Amnestie könne es nicht geben, weil man diesen Teil der Geschichte des deutschen Sports nicht einfach ausblenden dürfe: „Wir wollen und wir müssen uns ihr stellen. Ebenso richtig ist aber, dass niemand ein Leben lang für sein damaliges Fehlverhalten in Sachen Doping büßen muss.“ Jeder verdiene eine zweite Chance, die durch Eingeständnis, Bedauern und glaubwürdiges Verhalten ermöglicht werde.
Bach und Vesper schreiben: „Zwar nicht ausdrücklich, aber doch indirekt gehen Sie in Ihrem Schreiben davon aus, dass Herr Goldmann tatsächlich während seiner Trainertätigkeit in der ehemaligen DDR seinen Athleten Dopingmittel, die berühmten 'blauen Pillen' Oral-Turinabol, verabreicht hat. Sie entschuldigen das damit, dass er in dem damaligen, von der Staatsführung gesteuerten DDR-Sportsystem keine andere Chance hatte. Hätte Herr Goldmann selbst doch den Mut gehabt, dies gegenüber der von uns eingesetzten Unabhängigen Kommission einzugestehen und zugleich zu bedauern!“ (siehe: Fall Goldmann: Neue Debatte über Amnestie für DDR-Doper)
Aufarbeitung müsse weitergehen
Für eine „zweite Chance“ formuliert die DOSB-Spitze drei Bedingungen an den betroffenen Trainer: „dass er seine Taten eingesteht, statt sie schönzureden; dass er diese Taten aufrichtig bedauert, vor allem auch deswegen, weil sie bei den betroffenen Athletinnen und Athleten zu teilweise schweren Gesundheitsschädigungen geführt haben, und dass er in den fast zwei Jahrzehnten, die seit der Wende vergangen sind, glaubwürdig einen anderen Weg eingeschlagen hat“.
Die Aktiven haben dem DOSB vorgeworfen, von Goldmann vor den Olympischen Spielen in Peking die Unterzeichnung einer „Ehrenerklärung“ verlangt zu haben, „von der man weiß, dass sie nicht erfüllt werden kann“. Bach und Vesper wehren sich: „Uns in die Schuhe schieben zu wollen, dass jemand wahrheitswidrig eine Erklärung unterzeichnet, ist wirklich hanebüchen. Wir haben niemanden gezwungen zu lügen. Wer die vorgelegte Erklärung nicht guten Gewissens zu unterschreiben in der Lage war, konnte sich an uns wenden und dem Urteil unserer Kommission stellen.“ Im Fall von Stasi-Verstrickungen sei dies zum Beispiel vielfach geschehen. Auch da herrsche keine „Kopf-ab-Mentalität“, sondern die Bereitschaft, sich mit jedem Einzelfall ernsthaft auseinanderzusetzen.
Die Aufarbeitung der Sportgeschichte beider Teile Deutschlands müsse weitergehen. „Mag sein, dass das früher hätte geschehen müssen - den DOSB gibt es erst seit zweieinhalb Jahren. Das entbindet uns aber nicht von dieser Aufgabe. Darum haben wir, um nur zwei Maßnahmen zu nennen, gleich nach unserer Gründung die Entschädigung der DDR-Dopingopfer vorangetrieben und jetzt das Forschungsprojekt 'Doping in Deutschland' in Auftrag gegeben, das auf diese Fragen Antworten geben soll“, so Bach und Vesper. Abschließend heißt es in dem Schreiben an die Athleten: „Wir wollen, dass Sie sich optimal auf die Leichtathletik-Weltmeisterschaft im August und die Olympischen Spiele in London 2012 vorbereiten können und geben Ihnen gemeinsam mit Ihrem Verband gerne jede nur mögliche Unterstützung.“ Goldmann hat unlängst angekündigt, gegen den DLV vor das Arbeitsgericht zu ziehen. (siehe: Fall Goldmann: Goldmann klagt auf Weiterbeschäftigung beim DLV)