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Existenzangst bei Athleten : Arbeitslos trotz Goldmedaille 

Heute Held, morgen auf der Suche: Auch Olympiasieger wie Jonas Reckermann müssen nach der Karriere erst einmal beruflich neu anfangen Bild: AFP

Was kommt nach der Karriere? Viele Athleten haben Existenzängste und fürchten sich vor Lücken im Lebenslauf. Unternehmen können aber von ihren Erfahrungen profitieren.

          Zwischen Ruhm und Rente lag bei Jonas Reckermann nur ein halbes Jahr. Im Sommer 2012 sprang er mit seinem Spielpartner Julius Brink im britischen Beachvolleyballsand noch zu olympischem Gold, Millionen Fernsehzuschauer sahen ihnen dabei zu. Sechs Monate später war Schluss. Reckermanns Rücken ist kaputt, und der Olympiasieger musste seine Karriere beenden, mit 33 Jahren und vermutlich viel früher als gedacht. Wo Altersgenossen gerade ins mittlere Management aufsteigen, stand er da mit einer Reihe von Pokalen, aber vor der Frage: Was nun?

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Denn egal, ob das Ende der Profisportkarriere notgedrungen oder freiwillig kommt - die Entscheidung, wie es abseits des Schwimmbeckens oder Spielfelds weitergeht, steht für alle erfolgreichen Sportler irgendwann an. Selbst für die Medienlieblinge und Publikumshelden: „Heute holt man olympisches Gold und wird weltweit gefeiert, morgen kommen noch einige Interviewanfragen und Fernsehauftritte, aber übermorgen ist alles vorbei“, sagte Reckermann nach dem letzten Sprung am Netz. Ein paar Kollegen ergattern gutbezahlte Fernsehverträge und können sich von nun an TV-Experte nennen - Henry Maske oder Franziska van Almsick. Aber das sind Ausnahmen. Allen anderen droht erst einmal ein großes Loch - bei der Tagesplanung und im Geldbeutel.

          57 Prozent haben Existenangst

          Gut, wenn man dann was Ordentliches gelernt hat. Das klingt nach einem schlauen Rat von Mama - der bei 20 oder noch mehr Stunden Training in der Woche plus Wettkämpfen nur schwer umzusetzen ist. Viele Sportler studieren deswegen nebenbei, und so sehen dann auch oft ihre Lebensläufe aus: keine Auslandssemester, lange Praktika fehlen. Spätestens, wenn sie sich dann mit ihren Kommilitonen auf einen Job bewerben, kommt die Panik.

          Laut einer Studie der Deutschen Sporthilfe haben 57 Prozent der Sportler Existenzängste - kein Wunder bei 626 Euro, die sie durchschnittlich im Monat verdienen. Und neun von zehn A-Kader-Athleten fühlen sich nicht ausreichend auf das Leben nach dem Sport vorbereitet. „Für die meisten Athleten ist der Einstieg in den klassischen Beruf ohne Hilfe oder eine Portion Glück nur selten zu meistern“, sagt Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe und ehemaliger Wasserball-Nationalspieler. Er hat es geschafft, ist promovierter Wirtschaftsingenieur und arbeitete als Berater.

          Wechsel von der Matte in den Beruf geschafft: Judo-Olympiasieger Ole Bischof

          Für einige der rund 3800 anderen Wettkämpfer, die die Sporthilfe eigentlich vor allem während ihrer aktiven Zeit unterstützen will, hat sie vor gut einem Jahr „Sprungbrett Zukunft“ ins Leben gerufen. Sie will so Sportler beim Berufseinstieg unterstützen. Die Hilfe erscheint dabei manchmal ganz klein. Etwa wenn die 140 Unternehmen, die mit der Sporthilfe bei dem Programm kooperieren, besonders kurze Praktika anbieten und Rücksicht auf Trainingszeiten und Wettkämpfe nehmen. Oder wenn auf den Bewerbungsunterlagen ein kurzer zusätzlicher Hinweis auf den sportlichen Werdegang erscheint - und so manches fehlende Praktikum erklärt werden kann.

          Nachteile zu Vorteilen machen

          Das fehlte auch Dominik Greindl lange Zeit. Der 26-Jährige ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, ließ sich dort ein Jahr vom Dienst freistellen und versuchte, mit seinen drei Mannschaftskollegen im Curling erfolgreich zu sein. Das klappte auch ganz gut, aber die eigentliche Entscheidung hatte er damit nur verschoben. Vom Curlingsport leben kann niemand in Deutschland, dass die Förderung nun ganz gestrichen wurde, kommt verschärfend hinzu.

          Greindl ist heute deswegen heilfroh, sich zwischenzeitlich schon für BWL eingeschrieben zu haben und erst ein Praktikum bei der Deutschen Bank und dann bei der Prüfungsgesellschaft PWC gemacht zu haben - bei beiden hat „Sprungbrett Zukunft“ geholfen. Greindl hat jetzt sogar seinen ersten Vollzeitjob ergattert.

          Vermeintliche Nachteile hat er zu Vorteilen gemacht. Denn ehemalige Elitesportler gelten als besonders diszipliniert, ausdauernd und zielstrebig, solche Leute kann ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen gut gebrauchen. Den früheren Judoka und Olympiasieger Ole Bischof hat man dort auch eingestellt - er ist jetzt für Export-Versicherungen im Ausland zuständig. Seine „erste Rente“ kam mit 32 Jahren - aber freiwillig.

          An freie Wochenende gewöhnen

          Ehemalige Spitzensportler als Mitarbeiter können für Unternehmen Segen und Fluch zugleich sein. Denn wer extrem fokussiert auf ein Ziel hinarbeitet, übersieht oft einiges links und rechts. Und längst nicht jedem Sportler fällt der Wechsel von der Matte an den Schreibtisch leicht. Statt in Trainingshose muss man nun im Anzug erscheinen, nicht jeder ist mit jedem auf Anhieb per Du. Und das ständige Feedback fehlt. „Beim Sport habe ich immer sofort eine Rückmeldung über meine Leistung bekommen“, sagt der frühere Curler Greindl. In vielen Unternehmen gibt es nur alle paar Monate ein Gespräch mit dem Chef.

          Greindl fühlt sich wohl in seinem Job. Auch weil er sich jetzt in die Arbeit stürzen kann, wo der Sport für ihn so plötzlich weggebrochen ist. „An die freien Wochenenden muss ich mich trotzdem erst mal gewöhnen.“

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