15.08.2007 · DOSB-Generaldirektor Vesper hat in Peking „eine Menge Baustellen“ ausgemacht. Eine der wichtigsten: die Menschenrechtssituation. Die Öffnung des Landes für Olympiagäste bezeichnete er als „schleichendes Gift“, das die chinesische Gesellschaft positiv verändern werde.
Von Jörg Hahn, FrankfurtWenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen; von rasch fortschreitenden Bauarbeiten und von atemraubender Architektur, von sehr tiefhängenden Wolken oder von Smog oder von beidem, von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Einheimischen oder auch von den Schwierigkeiten, aus einem Millionenvolk diejenigen zu treffen, die angeblich eifrig Englisch lernen, um sich mit ihren immer zahlreicher werdenden Gästen aus dem Ausland endlich austauschen zu können.
Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und nächstes Jahr Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft, hat diese Eindrücke von seiner ersten Peking-Reise mitgebracht. Seine Taxifahrer konnten ihn nie verstehen und umgekehrt, und blauen Himmel mit strahlendem Sonnenschein sah er erst am letzten Tag über der Olympiastadt von 2008.
„Eine Menge Baustellen“
Es war natürlich keine touristische, sondern eine dienstliche Reise, genau zwölf Monate vor den Spielen. Vesper, DOSB-Leistungsportdirektor Bernhard Schwank und einige weitere Fachleute haben die Infrastruktur begutachtet sowie das schwierige Klima mit Hitze und Schwüle am eigenen Leib erfahren. Deshalb ist es für sie besonderer Erwähnung wert, dass die nun gebuchten zwei Häuser im Olympischen Dorf für die erwartete Zahl von rund 450 Aktiven vollklimatisiert seien, zentral gelegen dazu. Alles sei kompakter als 2004 in Athen.
Wenn Vesper trotz der guten Erfahrungen der vergangenen Woche „eine Menge Baustellen“ erwähnt, dann meint er nicht nur jene Wettkampfstätten, an denen noch Tag und Nacht gewerkelt wird. Eine dieser Baustellen ist die Menschenrechtssituation in China, auf die Vesper, ehemaliger Spitzenpolitiker der Grünen, häufig angesprochen wird. „Wir reagieren nicht nur auf die öffentliche Diskussion“, versicherte er, „wir handeln proaktiv.“
Athleten werden politisch vorbereitet
Das DOSB-Präsidium habe schon im Mai eine Erklärung zu den Menschenrechten im Gastgeberland verabschiedet, man werde auf die Einhaltung aller chinesischen Versprechungen pochen. Im November voraussichtlich wird Vesper sich einer Öffentlichen Anhörung im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages zu diesem Thema stellen. Und die deutschen Athleten sollen, so Schwank, nicht ohne entsprechende politische Vorbereitung nach China reisen, um sich der besonderen Situation in dem Riesenland bewusst zu sein.
Was für Verletzungen der Menschenrechte gilt, trifft genauso auf Doping zu: Massenhafte Verstöße würden die Spiele schwer belasten, den Imagegewinn und Propagandaeffekt schmälern oder gar zerstören. „Das Organisationskomitee und die chinesische Führung haben verstanden“, sagte Thomas Bach, der als DOSB-Präsident und als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) besonders intensiv die Vorbereitungen in und um Peking verfolgt. In der Dopingproblematik sei er „zuversichtlich, dass der chinesische Sport aus sich heraus große Anstrengungen unternimmt“. Dazu komme das internationale Anti-Doping-Programm.
Die Spiele können Katalysator zur Lösung sein
Die Öffnung des Landes für Journalisten und andere Olympiagäste bezeichnete Vesper als „schleichendes Gift“, das die chinesische Gesellschaft positiv verändern werde. Als Beispiel nannte er Südkorea: In Seoul fanden die Spiele 1988 statt. „Die Spiele können ein Katalysator zur Lösung sein, aber nicht die Kur für alle Probleme dieser Welt“, stellte Bach fest. „Wir dürfen Olympia nicht überfrachten.“ Dass sich die chinesischen Organisatoren bislang penibel an alle Zusagen gegenüber dem IOC gehalten hätten, dies herauszustellen war Bach wichtig. Die derzeitige Phase der Testwettkämpfe laufe „vollkommen ohne Probleme“. Auch Schwank erhält von den beteiligten deutschen Verbänden positive Rückmeldungen.
Vorsichtig äußerte sich die deutsche Sportführung, als es um die Erfolgserwartungen in Peking (und in Hongkong, wo die Reiter antreten müssen) ging. Seit 1992 hat sich die Bilanz bei Sommerspielen stetig verschlechtert. „Wir wollen die Trendwende so schnell wie möglich“, sagte Vesper. Doch die mit der Gründung des DOSB im Mai 2006 in Gang gesetzten Reformen der Leistungssportförderung könnten erst mittel- bis langfristig greifen. „Wir sind ehrgeizig, doch wir wissen, von wo aus wir losmarschieren. Natürlich geht es darum, möglichst Ergebnisse wie in Athen (Platz sechs in der Medaillenwertung, 2000 in Sydney war es Rang fünf) zu erreichen. Aber das Projekt reicht über Peking hinaus“, sagte Vesper.
495 mögliche Quotenplätze
Gleichwohl ist für 2008 nicht alles verloren, auch wenn Deutschland sich derzeit im Sommersport nur noch so eben unter den „Top Ten“ der Nationen halten kann. Es gibt nämlich, wenn das Parlament im Herbst zustimmt, nächstes Jahr nicht nur für die Doping-Bekämpfung (zwei Millionen Euro), sondern auch für den Spitzensport (fünfzehn) Sondermittel des Bundes. Damit soll die gezielte individuelle Förderung aussichtsreicher Olympiakandidaten gestärkt werden.
Derzeit gehören dem olympischen Top- Team des DOSB, das nach strengsten Doping-Kriterien ausgewählt wird, 435 Athleten (ohne Mannschaftssportarten) an. Von den 495 möglichen Quotenplätzen für Peking haben die deutschen Athleten erst 68 gesichert. Etwa 400 sollen es werden. Voraussetzung für eine Nominierung bleibt die „Endkampfchance“, also eine Plazierung unter den besten acht.
Es werden übrigens viele deutsche Zuschauer in Peking erwartet, mehr als anfangs gedacht. Der DOSB kämpft deshalb um genügend Tickets. Ein Bedarf von 35.000 Karten ist angemeldet, erst weniger als die Hälfte sind zugesichert. „Wir haben“, sagte Vesper, „noch genügend Zeit, bestimmte Entwicklungen zu verbessern.“
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