03.12.2010 · Für Münchens Olympia-Bewerbung 2018 ist Thomas Bach rastlos unterwegs. In einem beinharten Geschäft bewahrt er sich den Glauben an das Gute im Sport. Und als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds ist er unangefochten.
Von Evi SimeoniZum Schlafen steigt Thomas Bach zurzeit ins Flugzeug. Bis Weihnachten findet der Multi-Sportfunktionär an anderen Orten keine Ruhe mehr. Er hat, sagt er, sein Leben „getaktet“ - jede Stunde ist durchgeplant. Telefoniert wird in den Wartezeiten am Flughafen. Nach einer Sitzung legt er die Akten beiseite und nimmt sich das Dossier für die nächste vor. Als ehemaliger Leistungssportler, sagt der Mannschafts-Olympiasieger von 1976 im Florettfechten, sei er an ein reglementiertes Leben gewöhnt.
Irgendwann in diesen Tagen hat er seine Rede für München geschrieben, wo an diesem Samstag bei der Mitgliederversammlung seine Wiederwahl als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bevorsteht. Bach hat keinen Gegenkandidaten. Die sind in der Sportpolitik ohnehin selten. Mit dem Auftrag, den deutschen Sport vier weitere Jahre anzuführen, wird er am Samstagabend zum Schlafen ins Flugzeug nach Südafrika steigen, wo er dann an einem Kongress teilnimmt. „Ob das guttut, ist die Frage“, sagt Bach.
Für eine persönliche Bilanz der ersten vier Amtsjahre bleibt keine Zeit auf der Hetzjagd in Sachen Sportpolitik und Olympiabewerbung. Wenn er nach der größten Enttäuschung in dieser Zeit gefragt wird, fällt ihm nichts ein. „Helfen sie mir mal ...“, sagt er auf der Suche nach einem wirklich finsteren Moment. „Ich bin in der Rückschau nicht gut.“ So als verschwänden die Vorgänge aus seinem Blickfeld, sobald er ein Häkchen dahinter gemacht hat.
Massivste Moral-Geschütze für Bach
Auch die Triumphe: seine Wahl als erster Repräsentant und Lobbyist des deutschen Sports nach der Fusion des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees im Mai 2006 in Frankfurt. Seine glanzvolle Wiederwahl als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Februar dieses Jahres in Vancouver. Das einstimmige Votum der DOSB-Mitgliederversammlung für die Münchner Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 im Dezember 2007 in Hamburg. Abgehakt und zu den Akten gelegt.
Ob ihn trotzdem noch manchmal die Gedanken an die stressigen Wochen im Sommer und Herbst 2008 aus seinem Flugzeug-Schlaf schrecken? Die Erinnerung an die Zeit, als er im Rahmen des Siemens-Bestechungsskandals selbst in ein schiefes Licht geriet? Der Tauberbischofsheimer Wirtschaftsanwalt hat nach eigener Auskunft seine berufliche Tätigkeit so organisiert, dass ihm genug Zeit bleibt für die unbezahlten Ehrenämter. Ein lukrativer Beratervertrag mit Siemens - zum Schluss immerhin mit 400.000 Euro jährlich dotiert - schien jedoch darauf hinzudeuten, dass er in einem geschickt geknüpften Netzwerk agierte, in dem Sport und wirtschaftliche Interessen sich ergänzten, ganz besonders durch seine Kontakte im arabischen Raum.
Im Juli 2008 verlor Bach das Siemens-Mandat, weitere Konsequenzen hatte die Sache nicht für ihn. Im Gegenteil: DOSB und IOC fuhren ihre massivsten Moral-Geschütze zu seiner Verteidigung auf: eine Ehrenerklärung des Präsidiums auf nationaler Ebene und eine Stellungnahme der Ethik-Kommission seitens der Olympier. Die Frage, ob ein Mann, der von internationalen Geschäftsanbahnungen lebt, seine beruflichen Interessen von den vielfältigen Kontakten im sportpolitischen Amt trennen kann, begleitet Bachs Karriere seit Jahren. Seinem Erfolg hat das nichts anhaben können.
„Das alles ist Kaffeesatzleserei“
Die Mitgliederversammlung wird mit Bedacht in der Bewerberstadt München abgehalten. Es gibt viele dringliche Themen im DOSB, von der Personalpolitik über Breitensport bis zur Modernisierung des Leistungssports - Bachs Verantwortungsbereich ist kaum mehr zu überschauen. Niemand habe ihn über die Arbeitsbelastung in diesem Amt aufgeklärt, klagt er gerne. Sein nächstes großes Ziel aber ist die IOC-Abstimmung am 6. Juli in Durban, wo die bayerische Metropole zusammen mit Garmisch-Partenkirchen und Königssee gegen das französische Städtchen Annecy und den mächtigen südkoreanischen Konkurrenten Pyeongchang antreten wird. Der Weg dorthin ist riskant und steinig, Imagefragen sind nicht unbedingt das Lieblingsfach des analytischen Denkers Bach. Wie sehr die wirre Personalpolitik mit dem hektischen Kostümwechsel des Gast-Geschäftsführers Willy Bogner und die Auseinandersetzungen mit den Garmischer Bauern der Bewerbung geschadet haben, lässt sich nicht abschätzen.
Bach winkt bei solchen Fragen ab - interne Querelen seien normal bei Olympiabewerbungen, davon nähmen die IOC-Mitglieder wenig Notiz. Auf jeden Fall ist damit zu rechnen, dass der Ausstieg des Deutschen Naturschutzrings und - erst jüngst - der Grünen von Münchens Mitbewerbern zu abträglichen Einflüsterungen genutzt werden wird. Doch wer weiß schon, wie die 105 IOC-Mitglieder wirklich ticken? Nicht einmal Bach, der Stratege, der zuletzt - allerdings ohne Konkurrenz - für 80 Jastimmen gut war, weiß genau, wo München heute steht. Wenn man den Behauptungen Glauben schenkte, wie viele Stimmen sich einzelne Bewerber während einer Kampagne schon gesichert haben wollen, dann müsste das IOC mehrere hundert Mitglieder haben, sagt Bach. „Das alles ist Kaffeesatzleserei.“
Entscheidungen zum Wohl des Sports
Er würde so gerne einmal ein Projekt bis zum Ende führen, ohne immer wieder gegen Mauern zu laufen, sagt der 56 Jahre alte Franke. Doch es ist, als halte Olympia eigens für ihn einen Spiegel in der Hand. Der Mann, der immer wieder beteuert, in der Sportpolitik würden vernünftige Entscheidungen zum Wohl des Sports getroffen, steckt nun selbst im Bewerbungssumpf. Annecy führt einen allzu bescheidenen Kampf ohne große politische Unterstützung und mit kleinem Budget. Pyeongchang dagegen macht vor, wie man auftrumpfen kann, wenn Geld keine Rolle spielt. Ein ganzes Geschwader koreanischer Würdenträger - darunter einige, die zu Hause schon wegen Korruption belangt wurden - testet gerade die Belastbarkeit der IOC-Regeln aus.
Einmal hat das IOC die Koreaner schon verwarnt: wegen Sponsorverträgen von Korean Air mit dem Internationalen Eislauf-Verband und des koreanischen Elektronik-Konzerns Samsung mit dem Ruder-Weltverband. Beide Verbände werden von einflussreichen IOC-Mitgliedern geführt, dem Italiener Ottavio Cinquanta und dem Schweizer Denis Oswald, auf deren Stimmen Pyeongchang hofft. Die Rüge für ihr unlauteres Werben haben die Koreaner schulterzuckend weggesteckt. Dass der Samsung-Konzern als ein Top-Sponsor des IOC Zugang zu allen 205 Nationalen Olympischen Komitees hat, auch zum DOSB, müssen die Konkurrenten hinnehmen. Einen so großzügigen Geldgeber möchte das IOC dann doch nicht verprellen. Etwa 100 Millionen Dollar zahlt ein Top-Sponsor in vier Jahren.
Bienenfleißige Werbung bei IOC-Mitgliedern
Bach muss sich jede Kritik an Cinquanta und Oswald verbeißen, weil sie seine IOC-Kollegen sind. Er muss wortlos zusehen, wie Samsung Mobiltelefone an Juniorsportler aus aller Welt verteilt. Da er seine bisherigen Stammwähler hauptsächlich außerhalb Europas gefunden hat, muss Bach diesen finanzkräftigen Riesen ganz besonders fürchten. Absehbar ist allerdings, dass Südkorea durch sein schwelendes Sicherheitsproblem gehandicapt ist. Angesichts der aktuellen Aggressionen muss auch das selbstgefällige Olympia erkennen, dass es mit seinen Spielen weder Entspannung noch Frieden in das geteilte Land bringen könnte. Das war schon bei den Sommerspielen 1988 in Seoul nicht mehr als ein Wunschtraum.
München dürfe nicht links und nicht rechts schauen, sagt Bach, sondern müsse sich auf sich selbst konzentrieren. Bienenfleißig wirbt er bei seinen IOC-Kollegen für die deutsche Bewerbung, macht innerhalb einer Woche Stippvisiten in China und den Vereinigten Staaten, um einzelne IOC-Mitglieder zum Lunch zu treffen. Seine Frau Claudia, eine Gymnasiallehrerin, hat sich für ein Jahr vom Dienst freistellen lassen, um ihn zu den wichtigsten Terminen begleiten zu können. Was immer er macht, sagt Bach, will er gut machen. Alles andere - ob nun Medaillen oder persönlicher Aufstieg - seien Folgeerscheinungen.
Bach an der Spitze des IOC?
Er wird sauer, wenn Leute behaupten, er engagiere sich nicht mit Leib und Seele für die Bewerbung. Und auf eine eventuelle Kandidatur als Nachfolger des IOC-Präsidenten Jacques Rogge hätte die Vergabe der Winterspiele 2018 sowieso keinen Einfluss, sagt er. Falls er überhaupt in drei Jahren kandidiere. Diese Absicht hat Bach nämlich noch nie öffentlich formuliert. Und das wird er auch so bald nicht tun. Er ist schließlich nicht der Einzige, der mit dem höchsten und renommiertesten Amt im internationalen Sport liebäugelt. Wer sich zu früh outet, so die strategische Grundregel, wird verbrannt.
Bach an der Spitze des IOC? Beim Olympischen Kongress vor einem Jahr in Kopenhagen hat er mit einer programmatischen Rede über die Mitgliederstruktur des olympischen Zirkels signalisiert, dass er als Kronprinz bereitsteht. Dabei überzog er die veranschlagte Zeit ungestraft um dreizehn Minuten. Hinterher streckten ihm zahlreiche Gratulanten die Hand hin, ohne seine Ambitionen mit einem Wort zu erwähnen. Bachs Kritiker bemängeln, dass er zwar ein brillanter Denker und Stratege sei, ihm aber das Charisma für das hohe Ehrenamt fehle. Er selbst arbeitet und reist ungerührt weiter.
„Ich halte Ehrgeiz nicht für negativ“
Auf seinem Nachttisch zu Hause verstaubt zurzeit Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“, ein Plädoyer für die Perfektionierung des Menschen durch Übung und Askese. Bach betreibt das in der Praxis. Bis zum Tag der Entscheidung jedenfalls kann er den IOC-Mitgliedern noch drei Jahre lang vorleben, wie er sich an der Spitze einer großen Sportorganisation mit 27,5 Millionen Mitgliedschaften bewährt - der DOSB ist die größte deutsche Personenvereinigung. Als eines der wichtigsten Ziele, die er als Präsident erreicht hat, nennt das FDP-Mitglied Bach die Politikfähigkeit des Sports. Stolz verweist er darauf, dass der DOSB mit allen vierzehn Bundesministerien zusammenarbeite.
„Ich halte Ehrgeiz nicht für negativ“, sagt der einstige Leistungssportler. Ganz tief drin in seinem Herzen sitzt allerdings noch eine andere Triebfeder und gibt ihm keine Ruhe. Als Athletensprecher hat er 1980 einmal zu spüren bekommen, wie es ist, ohnmächtig fremden Interessen ausgeliefert zu sein. Damals, nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, kämpfte er gegen den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau durch die westliche Politik. Das Gefühl der Demütigung, das ihm der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt bei einem Meeting gab, nagt noch heute an ihm. „Wie er die Argumente der Athleten abgebügelt hat - das war hart an der Grenze des Erträglichen.“ Auch beim Treffen mit einer Menschenrechtsorganisation fühlte sich Bach hilflos und unverstanden. „In einem tribunalartigen Verfahren wollten sie mich verantwortlich dafür machen, dass in der Sowjetunion Kinder sterben und Menschen hungern und es politische Gefangene gebe.“ Er wurde angefeindet, erhielt Anrufe: Du Kommunistenfreund! „Für mich persönlich war es eine Schule, die durch nichts zu ersetzen ist.“
Ein unerschütterlicher Olympier
Die Wunde brennt seit dreißig Jahren. Seit damals kämpft Bach für die Autonomie des Sports. Sein Entschluss steht fest: Niemand soll mehr die Wiege seines eigenen Aufstiegs für fremde Zwecke missbrauchen können. Das mag der Grund sein, warum Bach, der Realist, mit manchmal naiv wirkender Verve die moralische Integrität des Leistungssports verteidigt. Er, der als Vorsitzender der Juristischen Kommission im IOC und als Chef der Disziplinarkammer bei Olympischen Spielen mit den übelsten Betrugsmethoden dopender Athleten konfrontiert wurde, vertritt unbeirrbar die Überzeugung, dass Sportler eine höhere Moral vermitteln könnten und - von einzelnen schwarzen Schafen abgesehen - Vorbilder der Gesellschaft seien.
Seine Gegner sehen darin vor allem das Bemühen, das olympische Geschäftsmodell zu schützen. Andere wundern sich, dass dieser intelligente und erfahrene Mann eine Illusion zur Grundlage seiner Handlungen gemacht hat. Unabhängig davon, welche Version die richtige ist, macht diese Haltung Bach zu einem unerschütterlichen Olympier.