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DOSB-Gründung Die Stimme des Sports

 ·  Thomas Bach startet nach seiner Wahl zum ersten Präsidenten des neugegründeten Deutschen Olympischen Sportbundes stark und kämpft gegen den Vorwurf der Problemvermeidungspolitik. FAZ.NET-Spezial.

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Hat Thomas Bach frei gesprochen, fast vierzig Minuten lang, inklusive langer, gedankenreicher Zitate? Für eine Weile wirkten die Zuhörer in der Frankfurter Paulskirche am Samstag nachmittag allein von diesem Eindruck gebannt.

Da trug der erste Präsident des am Vormittag formal konstituierten Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), seine Regierungserklärung aus einem Guß vor, als lese er nur seine Gedanken ab. Eine Illusion. Bach nutzte den Teleprompter des Fernsehens. Freie Rede in der Brutstätte der deutschen Demokratie vor der Regierungschefin, vor dem Innenminister, vor dem Bundespräsidenten a. D. Richard von Weizsäcker und anderen Persönlichkeiten? „Das war mir dann doch zu gefährlich“, sagte Bach.

Diplomatisch-abwartende Strategie

Der am Samstagvormittag auf der Gründungsversammlung gewählte neue, starke Mann des deutschen Sports ist vorsichtig. Was man angesichts seiner Karriere kaum glauben kann: Mannschaftsolympiasieger im Fechten ohne Attacken? Wirtschaftsanwalt für die Industrie ohne Risiken? Sportfunktionär bis hinauf in die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees als Vizepräsident (IOC) ohne Angriffe? Es scheint so, als gebe ihm ein todsicherer Instinkt im Spiel Finte, Parade, Reposte den Hinweis für den siegbringenden Zug. Jedenfalls hat Bach im IOC häufig komplizierte Aufgaben erhalten und die meisten Dank seiner diplomatisch-abwartenden Strategie mit Bravour gelöst. Das IOC wählte ihn vor den Winterspielen mit einem erstaunlichen Votum abermals zum Vizepräsidenten.

Nun aber steht er erstmals in seiner Laufbahn als Sportfunktionär ohne Deckung da, muß regieren, statt zu reagieren. Prompt trat der Jurist aus Tauberbischofsheim in der Paulskirche die Flucht nach vorne an. Dort, wo sonst über das Gute und Schöne, über Werte und Visionen philosophiert wird, präsentierte sich Bach wie einer, der die Ärmel hochgekrempelt hat, um einen Wust von Aufgaben zu bewältigen. Das war ehrlich. Bach ist ein Pragmatiker, kein Visionär. Was er vortrug war eine Regierungserklärung. Und so, wie er sprach, scheint die Forderung von Politik und Wirtschaft nach einer einzigen Stimme des Sports, einem wesentlichen Ziel der Fusion, vom Präsidenten persönlich erfüllt zu werden. Bach ist die Stimme.

Bach fordert vom ersten Moment an

Das hat die hohe Politik in der ersten Reihe gleich am Samstag hören können. Auf die zwar freundliche, aber doch eher routinierte, unverbindliche Sportrede von Bundeskanzlerin Merkel antwortete Bach im Kern seines Vortrages mit der Schilderung der Wertschöpfungskette Sport: Erziehung von Kindern und Jugendlichen für kleines Geld, Gesundheitsfürsorge für Jung und vor allem Alt, Sportprogramme für die Methusalem-Generation, Gewaltprävention, Migrationskonzepte, Leistungsrepräsentanz im Namen der Bundesrepublik. Und das alles mit Hilfe von Freiwilligen. Da nickten die Regierungschefin, der Innenminister, der hessische Ministerpräsident - jedenfalls bis kurz vor Bachs logischer Schlußfolgerung: „Ist es nicht an der Zeit, den Beitrag des Sports zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu würdigen? Ich glaube, es ist höchste Zeit, den Sport in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufzunehmen. Er hat es verdient, weil er allen Bürgern dient.“

Bach fordert vom ersten Moment an. Und er bietet an: Wie zum Beispiel die Reaktionen des DOSB auf die demographische Entwicklung und auf die Lust vieler Kinder, lieber im Internet statt auf der Welle der Bewegung zu surfen; Programme für Frauen und Mädchen sind ebenso im Angebot wie Integrationshilfe. So geschmeidig Bach bei vielen Themen sein kann, wenn es um Doping geht, sticht der ehemalige Fechter sofort zu. Zumindest rhetorisch lehnte er sich mit seiner toleranzlosen Haltung an den unter Präsident Jacques Rogge im IOC eingeführten Kampfauftrag. Die Wortwahl war kein Zufall.

Betreibt Bach Problemvermeidungspolitik?

Spätestens seit den Winterspielen 2002 und 2006, seit dem Fall Mühlegg und den sogenannten Österreicher-Affären, hat der Begriff „No tolerance“ in Zusammenhang mit Doping ein beachtliches Format erhalten. Inzwischen ist das IOC sogar bereit, Hand in Hand mit den staatlichen Aufklärungsbehörden zu arbeiten. Von Bach weiß man, daß er, in Übereinstimmung mit Innenminister Schäuble, ein Anti-Doping-Gesetz ablehnt, solange darin allein der Besitz von Dopingmitteln als strafwürdig beschrieben würde. Der ehemalige Spitzensportler will die manipulierenden Athleten vor dem Staatsanwalt bewahren. Der Sport soll sich darum kümmern. Anti-Doping-Experten zweifeln angesichts der Betrugsvarianten und der Risikobereitschaft bis hin zur Genmanipulation, daß Bachs Weg der familieninternen Lösung ins Ziel führt. Sie unterstellen eine Problemvermeidungspolitik.

Diese Kritik wirkt nach Bachs leidenschaftlichem Plädoyer in der Paulskirche gegen Doping, nach der Ankündigung, für Athleten Anti-Doping-Vertrauensleute zu berufen, überzogen. Zumindest hat er erstmals die Chance, alleine, sozusagen von oben herab, mit seinem Präsidium die neue Ära des deutschen Sports zu gestalten und Antworten zu geben. Allerdings ist der (finanzielle) Spielraum vorerst kleiner als erhofft. Während des Nationale Olympische Komitee 2005 seinen besten Jahresabschluß seit der Gründung 1949 vorlegte, hat der Deutsche Sportbund seine Rücklagen weiter aufgebraucht. Wegen risikobehafteter, dubioser Unternehmungen der Vergangenheit mußte zuletzt eine Sonderbuchung in Millionenhöhe vorgenommen werden, wegen des „Vorsichtsprinzips“. Eine Eröffnungsbilanz zu erstellen, das wird die erste Nagelprobe für die DOSB-Führung.

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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