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Veröffentlicht: 02.02.2017, 08:17 Uhr

Athletensprecher Max Hartung Zapfenstreich für Sportsoldaten

Max Hartung, der neue erste Athletensprecher im DOSB, betrachtet die Sportförderung über die Bundeswehr als Umweg: „Man kann das Geld intelligenter und fairer einsetzen“, sagt der Säbelfechter. Nur wie?

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© Picture-Alliance Mit feiner Klinge: Max Hartung war schon Welt- und Europameister mit der deutschen Säbel-Mannschaft

Welches sind die wichtigsten Themen auf der Tagesordnung der Athleten?

Michael Reinsch Folgen:

Dieselben wie bisher: Wir wollen die Strukturreform des deutschen Spitzensports begleiten und bei der Implementierung dabei sein, in den Verbänden, Vereinen und Stützpunkten. Der Umgang mit den Sportlern sollte dabei auf Freiwilligkeit beruhen. Wir haben Schwierigkeiten damit, wenn Sportler kurzfristig umziehen oder den Trainer wechseln sollen.

Sie sind gegen Zentralisierung?

Nein. Es ist sicher sinnvoll, Kräfte zu bündeln und Synergien zu nutzen. Ein solches Zentrum sollte allerdings so attraktiv sein, dass die Besten dorthin wollen. Die Athleten sollten überzeugt sein, dass sie dort die besten Trainer vorfinden, die beste Betreuung und deshalb die größten Chancen haben, eine olympische Medaille zu gewinnen. Bei einem solchen Angebot spielen sicher auch Geld und Sicherheit eine Rolle, also die Möglichkeit, eine Ausbildung oder ein Studium zu machen. Wir wollen nicht, dass Athleten per Dekret vor die Entscheidung gestellt werden: Entweder du gehst dorthin, oder du hörst auf mit dem Sport.

Auch die deutschen Athleten haben vor Rio wegen systematischen Dopings und des Betruges von Sotschi den Ausschluss der russischen Mannschaft gefordert. Zeugt Ihr Engagement davon, dass die gegenteilige Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Sie herausgefordert und angespornt hat?

Der Ablauf dieser Geschichte im Sommer hat mich unheimlich frustriert. Ich bin enttäuscht und habe realisieren müssen, was man erreichen kann und was nicht. Aber das Thema ist nicht verpufft. Der Sport steht weiter unter Druck und ist gezwungen zu reagieren. Man muss ehrlich sagen, dass es Doping und organisiertes Doping in den vergangenen fünfzig Jahren der Olympischen Spiele immer gegeben hat. Nur weil es jetzt diesen Skandal gibt, ist der Wettkampf nicht unfairer als vorher. Natürlich ist das erst mal ein Schlag ins Gesicht, wenn so etwas auffliegt. Man darf jetzt nicht aufhören zu kämpfen. Wir unterstützen die Forderung der Nationalen Anti-Doping-Agenturen nach völliger Unabhängigkeit der Doping-Bekämpfung von den Sportorganisationen und nationalen Interessen. Es geht beispielsweise nicht, dass Craig Reedie gleichzeitig die Welt-Anti-Doping-Agentur führt und Mitglied des IOC ist.

Wie erleben Sie persönlich die Folgen des Skandals?

Das Thema Doping ist in der Sportwelt seit dem Sommer omnipräsent. Der DOSB und wir deutsche Athleten müssen darauf hinwirken, dass international ein fairer Wettbewerb stattfindet. Es wird immer Doping geben. Aber in einem weitestgehend und nachvollziehbar sauberen Wettkampf können und wollen wir uns mit den Besten messen und gewinnen.

44574347 © dpa Vergrößern Der Athletensprecher: Kämpfer für die Belange der Sportler

Im Entwurf der Spitzensportreform wird in einer Passage über die mehr als tausend staatlichen Förderstellen den Athleten praktisch vorgeworfen, dass sie sich dort in der Hängematte eingerichtet hätten und man ihnen Beine machen müsse. Trifft der Vorwurf zu?

Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Athleten ihr Bestes geben und erfolgreich sein wollen. Aber ich halte die Bundeswehr nicht für ein besonders gutes Instrument der Sportförderung. Bei der Polizei, in den Ländern und beim Bund erhalten die geförderten Athleten eine Berufsausbildung und haben die Aussicht, nach dem Sport übernommen zu werden. Bei der Bundeswehr ist dies generell nicht der Fall. Bei Kosten von rund fünfzig Millionen Euro sind die Stellen bei der Bundeswehr der größte Baustein für die direkte Förderung von Athleten. Ich bin überzeugt, dass man das Geld intelligenter und fairer einsetzen kann.

Fairer?

Bei der Bundeswehr wird nicht nach Leistung differenziert. Dabei bietet sich das im Sport geradezu an. Was für die einzelnen Athleten aufgewendet wird, passt nicht in ein Gefüge, in dem Sportler das Risiko auf sich nehmen, Leistungssport zu treiben. Seit ich 2012 aus der Bundeswehr ausgetreten bin, bin ich einer der erfolgreichsten deutschen Säbelfechter. In der Trainingshalle war ich immer einer der am schlechtesten bezahlten.

Kann man das verallgemeinern?

Schon der Verwaltungsaufwand, der bei der Bundeswehr entsteht, ist enorm. Wenn man die Aufwendungen der Bundeswehr mit denen der Stiftung Deutsche Sporthilfe vergleicht - fünfzig Millionen Euro Steuergeld zu zwölf Millionen, die ganz überwiegend privat aufgebracht werden -, erkennt man das Ungleichgewicht. Bei der Bundeswehr sind gut siebenhundert Sportlerinnen und Sportler beschäftigt, und nicht einmal nur die besten. Für den Rest der Athleten steht nicht einmal ein Viertel dieser Summe zur Verfügung. Wenn es nach mir ginge, würde ich vorschlagen, das Geld anders einzusetzen und es ohne den Umweg über die Bundeswehr direkt an die Sportler auszuschütten.

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Ist die Vorstellung realistisch, dass aus der Athletenvertretung eine Gewerkschaft werden soll?

Das Verhältnis ist nicht das zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wir im olympischen Sport haben keine Arbeitsverträge und kein Anstellungsverhältnis. Das macht die Gründung einer Gewerkschaft in anderthalb Jahren de facto unmöglich. Dies ist kein realistisches Ziel. Ich halte auch die Loslösung der Athletenkommission aus den Strukturen des organisierten Sports nicht für sinnvoll; darin bewegen wir uns. Wir wählen uns auch in den einzelnen Verbänden. Trotzdem braucht es eine stärkere Aufstellung. Diese Athletenkommission arbeitet nun seit zwei Jahren. Auch der Rücktritt von Christian Schreiber als ihr Vorsitzender zeigt, dass dies zu viel ist, gerade wenn man Job und Familie unter einen Hut bekommen muss.

Wie sieht das bei Ihnen aus?

Ich habe glücklicherweise gerade mein Bachelor-Studium abgeschlossen. Unsere Arbeit ist so aufwendig, weil wir intern eine Beratungsfunktion haben und nach außen eine klassische Interessenvertretung sind. Diese muss professionell aufgestellt sein. Ehrenamtlich geht das nicht.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

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