06.03.2007 · Die Affäre um deutsche Athleten, die bei unangemeldeten Dopingkontrollen nicht anzutreffen waren, wird personelle Konsequenzen haben. Neben Geschäftsführer Augustin müssen drei weitere Nada-Funktionäre um ihr Amt bangen.
Von Anno Hecker„Null Toleranz!“ Mit dieser vom Internationalen Olympischen Komitee übernommen Parole hat der deutsche Sportführer Thomas Bach im Mai des vergangenen Jahres seinen Kampf gegen Doping in Deutschland eröffnet. Die Botschaft, die sich nicht nur gegen Manipulateure richtet, scheint angekommen. Roland Augustin, als Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) ein Kämpfer gegen Dopingsysteme, soll an diesem Donnerstag in Berlin auf der Sitzung des Nada-Kuratoriums, dem der Deutsche-Bank-Manager Michael Hölz vorsteht, wegen grober Versäumnisse seines Amtes enthoben werden.
Eine Bestätigung dieser Personalie gab es am Dienstag zwar nicht. Augustin zeigte sich auf Nachfrage „wegen der aktuellen Entwicklung“ allerdings „nicht überrascht“. Und der Vorstandschef der Nada, Armin Baumert, wollte die Meldung nicht dementieren: „Kein Kommentar.“ Stattdessen regte ein Vorstandsmitglied der Nada an, „eins und eins zusammenzuzählen“.
Informationen nicht verfolgt, Vorfälle nicht gemeldet
Eins und eins, das sind bei Augustin wohl der Fall des Radfahrers Sickmüller und die Affäre um die angeblichen Verstöße vieler deutscher Athleten gegen die Doping-Kontrollbestimmungen. Eine Information zu Sickmüller, dem die Manipulation einer Urinprobe nachgesagt wird, ließ Augustin nicht verfolgen. Dass deutsche Athleten scharenweise bei unangemeldeten Kontrollen nicht anzutreffen waren, obwohl sie ihre Aufenthaltsorte ständig melden müssen, teilte die Nada nicht den Fachverbänden mit.
Entsprechend groß war der Aufschrei. Der Sportausschuss des Bundestages lud zu einer Anhörung. Von anfänglich 400 kolportierten Verstößen sind nurmehr 40 übriggeblieben. Nach wie vor stellt sich die Frage, ob tatsächlich Doping im Spiel war. Trotzdem ist der Imageschaden der Nada beträchtlich. Kann man ihr noch vertrauen, muss es einen Schnitt geben?
Die Sündenböcke wehren sich
Offensichtlich ist das Führungspersonal der Nada zu dieser Einsicht gekommen. Denn getreu dem bachschen „Null Toleranz“-Prinzip trifft die Personaldiskussion nicht nur Augustin, sondern auch drei Vorstandsmitglieder, die schon vor den Neuwahlen im vergangenen Dezember in der Nada mitwirkten: „Wir sind nicht nur am vergangenen Sonntag, sondern auch schon vorher von Baumert bedrängt worden, freiwillig zurückzutreten“, sagt der Mediziner Dirk Clasing. „Es wurden Schuldige versprochen und aufgebaut. Der Gesamtvorstand sollte verantwortlich sein. Das nenne ich Sippenhaft.“
Clasing, seine Kollegin Elisabeth Pott, die sich um Prävention kümmert, und der streitbare Rechtsanwalt Markus Hauptmann wehren sich. „Wir werden nicht zurücktreten“, sagte Clasing. „Einen entsprechenden Bescheid würde ich von einem Verwaltungsgericht überprüfen lassen.“
Angst vor dem Verlust der Unabhängigkeit
Andere haben schon aufgegeben. Still und heimlich verließ Hans-Hubertus Schröder, im Vorstand für Wirtschaft zuständig, die Nada. Am 18. Februar, zwei Monate nach seiner Wiederwahl für die Amtsperiode bis 2010, zog er die Konsequenzen. „Er fürchtet“, sagt ein Insider, „dass die Nada ihre Unabhängigkeit verliert.“ Das wäre ein Rückfall in alte Zeiten.
Die Nada ist als Stiftung gegründet worden, um sich dem Einfluss des Spitzensports, der über vierzig Jahre die Dopingbekämpfung immer wieder lähmte, entziehen zu können. Nun scheint sie auf dem Rückweg zum Dienstleister. Diese Einschätzung teilt auch Clasing: „Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) steht der Athlet im geschützten Raum. Wir aber glauben, dass der Athlet die treibende Kraft beim Doping ist“, sagt Clasing und erinnert damit an die erbitterte Auseinandersetzung um die Einführung einer Strafbarkeit bei Besitz von Dopingmitteln zwischen der Nada und dem DOSB unter Führung von Präsident Bach.
Steckt hinter der Imagekorrektur also auch eine Richtungsänderung? Namentlich sind in diesem Streit nämlich zwei Personen gegen den DOSB-Präsidenten aufgetreten, die nun abserviert werden sollen: Augustin und der Jurist Hauptmann. Diese These gibt der Parole „Null Toleranz!“ eine etwas andere Bedeutung.