15.07.2004 · Torri Edwards, amerikanische Sprinterin, ist am 24. April auf Martinique der Einnahme eines unerlaubten Stimulanzmittels überführt worden. Dabei war sie als direkte Nachfolgerin ihrer Staffelkameradin Kelli White, die wegen Dopings Mitte Mai für zwei Jahre gesperrt worden ist , erst Mitte Juni 2004 nachträglich zur 100-Meter-Weltmeisterin von Paris 2003 erhoben worden.
Von Hans-Joachim WaldbrölTorri Edwards ist gerade erst mit Verspätung auf Platz eins eines Podestes angekommen, das längst abgeräumt war: Als direkte Nachfolgerin ihrer amerikanischen Staffelkameradin Kelli White, die wegen Dopings Mitte Mai für zwei Jahre gesperrt worden ist und nach einem umfassenden Geständnis aller Wettkampferfolge seit dem 15. Dezember 2000 verlustig ging, wurde die 27jährige Mitläuferin vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) Mitte Juni 2004 zur 100-Meter-Weltmeisterin von Paris 2003 erhoben. Wiederum einen Monat später stolpert Torri Edwards, in Paris auch noch nachträgliche Zweite über 200 Meter sowie - ohne Kelli Whites Mitwirkung - unbehelligte Staffelzweite, vom Sockel. Die Sprinterin ist bei einem Meeting am 24. April auf Martinique nach einem IAAF-Trainingstest der Einnahme eines unerlaubten Stimulanzmittels überführt worden, das Nikethamid heißt. Was weder ihren Ausstatter Nike freuen wird noch ein gutes Licht auf ihren ohnehin umstrittenen Trainer John Smith und ihren Manager Emanuel Hudson wirft. Beide sind Geschäftspartner im Unternehmen HSI, das die Kürzel ihrer aufnimmt, aber gerne als "Handle Speed Intelligently" ausgesprochen wird.
Ob Torri Edwards da tatsächlich intelligent mit ihrem Tempo umgegangen ist? Ihre WM-Medaillen darf sie zwar, weil erst jetzt nachgewiesenermaßen aufgeputscht, behalten. Aber deren Glanz verblaßt doch beträchtlich - und ob sie ihren Ruhm durch olympische Medaillen in Athen frisch polieren darf, ist mehr als fraglich. Sie hat sich als Zweite über 100 Meter zwar soeben bei den Trials der amerikanischen Leichtathleten in Sacramento für die Sommerspiele in Athen qualifiziert. Aber auf den Mißbrauch harter Amphetamine steht, genau wie beim Doping mit Anabolika, eine zweijährige Sperre.
Was wird aus der „Goldstaffel“?
Von einer vier Jahre alten olympischen Goldmedaille und vergänglichem Ruhm handelt die Geschichte, über die am Sonntag überwiegend ältere Herrschaften während der Junioren-Weltmeisterschaften in Grosseto beraten wollen: Bleibt die amerikanische 400-Meter-Staffel der Männer Olympiasieger von Sydney 2000? Jerome Young, soviel ist sicher, wird nach seiner für die Jahre 1999 bis 2001 rückwirkenden Dopingsperre durch den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) die Trophäe herausrücken müssen. Aber reißt der heute 28 Jahre alte Weltmeister von 2003 nun auch noch seine Staffelkameraden mit rein?
Jerome Young war seinerzeit durch eine Berufungskammer des Leichtathletik-Verbandes der Vereinigten Staaten (USATF) zu Unrecht, wie CAS Ende Juni feststellte, vom Vorwurf des Anabolika-Dopings freigesprochen worden - und folglich in Sydney gar nicht startberechtigt. Da er inzwischen für die Sommerspiele 2000 disqualifiziert ist, müßte nach allen Regeln auch die Staffel, in der er mitgewirkt hat, aus dem Rennen sein. Das IAAF-Council könnte es sich also einfach machen, zumal es in jüngster Zeit zwei Präzedenzfälle für die aktuelle Bewertung des älteren Vorgangs geschaffen hat: Die amerikanische 100-Meter-Staffel der Frauen, die 2001 den WM-Titel mit der nachträglich herausgenommenen Kelli White gewonnen hatte, ist inzwischen ebenso disqualifiziert wie die britische Sprintstaffel der Männer für die Titelkämpfe 2003. In Paris war das Quartett Zweiter geworden - mit Dwain Chambers, der durch die Nachuntersuchung einer Urinprobe des Jahrgangs 2003 des Mißbrauchs von Tetrahydrogestrinon (THG) überführt und für zwei Jahre ausgesperrt wurde.
Besondere Situation
Warum also im dritten prominenten Fall anders urteilen als in den Fällen eins und zwei? "Weil es hier eine besondere Situation ist", versichert IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai. "Besonders", weil zum einen der höhere Metallwert olympischen Goldes auf dem Spiel steht - und zum anderen ein ganz Großer im Spiel ist? Michael Johnson, der fünffache Olympiasieger und Weltrekordhalter über 200 (19,32 Sekunden) wie 400 Meter (43,18), hatte "seine" letzte Trophäe mit vehementen Worten verteidigt. Zunächst wollte er das fünfte Gold nicht "wegen so eines Idioten" wie Young hergeben. Als der dann tatsächlich gesperrt war, drehte Johnson den Spieß um und behauptete, schlecht informiert: IAAF und Internationales Olympisches Komitee (IOC) hätten sich damals nicht um den Fall gekümmert und den Freispruch durch USATF akzeptiert. In Wahrheit haben IAAF und IOC jahrelang darum kämpfen müssen, den verheimlichten Namen des Athleten zu erfahren und die vorenthaltenen Unterlagen in die Hände zu bekommen.
Nun, da alles auf dem Tisch liegt und Jerome Young verurteilt ist, packen IAAF und IOC plötzlich Skrupel: weil der gedopte Athlet ja nur im Vorlauf von Sydney gestartet sei, das Finale aber von Antonio Pettigrew, Alvin und Calvin Harrison sowie Michael Johnson gewonnen worden sei. Man müsse diesen Athleten gegenüber "fair" bleiben und darüber nachdenken, ob sie ihr Gold nicht behalten sollten, heißt es in IAAF und IOC. Fair gegenüber Alvin und Calvin Harrison, die übrigens inzwischen des Dopings überführt (Calvin) oder angeklagt (Alvin) sind? Die Staffel ist nun einmal ein geschlossener Wettbewerb, von der ersten bis zur letzten Runde: mitgelaufen, mitgefangen. Sollen sich die vier Finalisten doch beim Vorläufer Jerome Young beschweren oder USATF verklagen, der ihn mitlaufen ließ. Vielleicht fördert die Sippenhaft künftig das Solidaritätsgefühl - und erhöht den Druck auf Doper, für deren Sünde das ganze Team büßen muß.