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Uniklinik Freiburg Von Medizinmännern und Versuchskaninchen

 ·  Um des fragwürdigen Erfolgs willen wurde das Schicksal junger Menschen in die Hände von leistungsbesessenen Medizinern gelegt, die keiner kontrollierte. Wenn Ärzte Gesunde krank machen: Die Doping-Geschichte der Freiburger Sportmedizin.

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Die Aufklärer bitten um Mithilfe. Wer kann sachdienliche Hinweise liefern, dass Sportärzte der Freiburger Uniklinik an Doping-Praktiken mitgewirkt haben? Ja, wer wohl? Eigentlich müssten die Kronzeugen das Büro von Hans Joachim Schäfer, Vorsitzender der unabhängigen Expertenkommission, die den Doping-Vorwürfen gegen die Freiburger Sportmediziner nachgeht, stürmen.

Denn dass an der Universitätsklinik seit Jahrzehnten fehlgeleitete Sportärzte mit Doping-Mitteln experimentieren, sie verordnen und dosieren, ihre Wirkung verharmlosen und dann auch noch behaupten, sie täten das, um die Leistungssportler vor Auswüchsen zu schützen, ist kein Geheimnis. Es stand schon unzählige Male in der Zeitung. Die Bundesregierung hat es lesen können, die Jahr für Jahr Millionen an Sportfördermitteln zahlt. Die baden-württembergische Landesregierung hat es lesen können, unter deren Zuständigkeit die Uniklinik fällt. Die Sportführer haben es lesen können, die in der Doping-Frage traditionell Schafspelze tragen. Sie alle müssten nun eigentlich ihre Computer anwerfen und unter www.dopingkommission-freiburg.de Zeugnis ablegen.

Angeblich, um Schlimmeres zu verhindern

Politiker und Spitzenfunktionäre, bitte melden! Doch damit wird kaum zu rechnen sein. Sie stecken alle mit drin. Um des fragwürdigen Erfolgs willen haben sie das Schicksal junger Menschen in die Hände von leistungsbesessenen Medizinern gelegt, die niemand kontrollierte. Und die bereit waren, die ethischen Grenzen ihres Berufs zu überschreiten, um ... Ja, um was? Um Olympia zu internationalen Ärztespielen zu machen, bei denen jeder Medizinmann seine Sportler betrachtet, als wäre er ihr Schöpfer?

Immer wieder berufen sich Ärzte, die sich des Dopings schuldig gemacht haben, auf ihre Verantwortung für die Gesundheit der Sportler. Zuletzt der altgediente Freiburger Georg Huber, der Junioren-Radsportlern Testosteron gab, angeblich „um Schlimmeres zu verhüten“. Auch die Telekom-Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid redeten sich ein, sie überwachten das Blutdoping der Radprofis mit Erythropoetin (Epo) um der Gesunderhaltung der Sportler willen. Aber Doping macht gesunde Menschen krank.

Pervitin schnitt am besten ab

Zwanzig Jahre will Schäfer bei seiner Aufarbeitung zurückblicken - doch die Wurzeln der „Freiburger Schule“ sind tiefer, wie jüngst die „Neue Zürcher Zeitung“ ausgrub. Bereits 1954 ließ der Freiburger Professor Herbert Reindell seinen Schüler Oskar Wegener über „Die Wirkung von Doping-Mitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung“ promovieren. Am besten schnitt das Aufputschmittel Pervitin ab. Bei austrainierten Sportlern bringe es eine Leistungssteigerung von 23,5 Prozent, hieß es in der Doktorarbeit. Erfolgreichstes Versuchskaninchen soll der Olympiasieger von Helsinki 1952 über 1500 Meter, der Luxemburger Josy Barthel, gewesen sein.

Reindells Nachfolger war Joseph Keul, der wahrscheinlich berühmteste Anabolika-Verharmloser Deutschlands, seit 1964 verantwortlicher Olympia-Arzt (west)deutscher Mannschaften und Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse. Keuls Aufstieg fällt zusammen mit den besessenen Versuchen der kalten Krieger, im Sport die Überlegenheit ihrer Staatsformen zu beweisen. Die DDR mästete ihre Talente generalstabsmäßig nach dem „Staatsplan 14.25“ zu Monstern hoch - mit Hilfe der Freiburger Mediziner versuchte man im Westen gegenzuhalten.

„Kann überhaupt nichts passieren“

Bereits 1969 begann Keul eine Studie über die Wirkung von Anabolika. Gegenüber der F.A.Z. behauptete er 1971, Anabolika seien keine Doping-Mittel. „Wir haben damals bewiesen“, erklärte er noch 1992 der „Stuttgarter Zeitung“, „dass die generelle Behauptung einer Schädigung durch anabole Hormone nicht gerechtfertigt ist.“ Keul versorgte in den siebziger Jahren deutsche Talente noch ganz offen mit den Hormonhämmern.

Diese waren zunächst gar nicht, seit 1974 jedoch vom Internationalen Olympischen Komitee verboten, aber noch nicht nachweisbar. 1976 schrieb er ein Anabolika-Rezept für den Hammerwerfer Uwe Beyer aus. Angeblich, um ihn vor schädlicher Selbstmedikation zu bewahren. „Bei richtiger Dosierung kann überhaupt nichts passieren“, postulierte er, obwohl die Nebenwirkungen der Hormongaben sich lesen wie ein Horrorszenario. Beyer erlitt im April 1993 mit 48 Jahren während eines Tennisspiels einen tödlichen Herzinfarkt.

Klümper und die Toten

1973 übernahm Keul mit Hilfe seines Mentors Reindell die Stelle des Ärztlichen Direktors der Abteilung Sportmedizin. In diese Zeit fällt auch das Zerwürfnis mit Armin Klümper, seinem einst geschätzten Kollegen, Duzfreund und Gleichgesinnten in Anabolika-Fragen. Klümper zog sich schließlich in eine Privatklinik zurück und brachte es dort zu einer gläubigen Gemeinde von Athleten. Seine heilenden Hände gaben leistungssteigernde Spritzen und lösten Verletzungsprobleme im Nu.

Klümpers Name wird für immer mit dem Tod der 26 Jahre alten Siebenkämpferin Birgit Dressel vor zwanzig Jahren verbunden bleiben, die bei ihm in Behandlung war und im Laufe eines rätselhaften Schmerzzustands so viele Medikamente einnahm, dass sie an einem Schock starb. Sie hatte auch Anabolika bekommen. Ein weiterer Kunde der sporttraumatologischen Ambulanz in der Mooswaldklinik war Kugelstoßer und Bodybuilder Ralf Reichenbach, der im November 1997 noch dreist im Deutschen Sportfernsehen fragte: „Wo sind sie denn, die Anabolikatoten?“ Im folgenden Februar war er tot, er starb mit 48 Jahren an Herzversagen. Ein anderer preist heute noch die Heilkräfte von Athleten-Guru Klümper: Eberhard Gienger, ehemals Turnweltmeister und heute Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund.

Experimente zum eigenen Wohl?

Eines immerhin hat Klümper für die Doping-Aufklärung getan: Er behauptete öffentlich, Keul habe Schwimmern und Ruderern schmerzhafte intravenöse Spritzen zur Leistungssteigerung gesetzt. Der Richter am Standesgericht Südbaden machte es 1992 schließlich amtlich: Zahlreiche Zeugenaussagen hätten bestätigt, dass Klümper seinem Widersacher „zu Recht vorgeworfen hat, Sportlern bei der Olympiade 1976 in Montreal leistungssteigernde Spritzen verabreicht zu haben“.

Auch Gewichtheber Rolf Milser, Olympiasieger 1984, hatte bestätigt, von Keul schon 1972 Anabolika erhalten zu haben. In den achtziger Jahren fand Keul dann eine neue Substanz, die er erforschen konnte: Testosteron. Von 1987 bis 1989 lief die Untersuchung, bei der Hochleistungssportler sich für Keuls Experimente hergaben. Wieder einmal zum eigenen Wohl?

Die Toten können sich nicht mehr wehren

Im Jahr 2000 starb Keul mit 67 Jahren an Krebs. „Doch der Geist lebt in den Zimmern und den Köpfen weiter“, sagt einer seiner erbittertsten Gegner, der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke. Er hofft wie viele andere Doping-Gegner, dass Aufklärer Schäfer noch weitere Freiburger Doping-Spuren bis in die Gegenwart hinein verfolgen kann. Auch Keul-Schüler Ernst Jakob wird mit einer dubiosen Affäre in Zusammenhang gebracht, nämlich dem überhöhten Blutwert der Skilangläuferin Evi Sachenbacher bei den Winterspielen 2006 in Turin.

Dass Keuls Einschätzungen von seinen Schülern gnadenlos weitergetragen werden, zeigt eine Äußerung von Georg Huber aus dem Jahr 2003 gegenüber der „Welt“: „Es ist nicht erforscht, ob Epo oder Anabolika Langzeitschäden hinterlassen.“ Dabei ist längst bekannt, dass Epo-Missbrauch zu Verklumpungen des Bluts und damit einem massiven Herzinfarktrisiko führen kann. Und es gibt laut Franke seit achtzehn Jahren wissenschaftliche Beweise für die gravierenden Folgen von Anabolika-Missbrauch wie Tumore, schwere Leber- und Herzmuskelschäden. Die Toten der vergangenen Doping-Jahrzehnte können sich gegen Leute wie Huber nicht mehr wehren. Doch die Lebenden müssen nun endlich aufwachen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 20
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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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