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UCI-Ehrenpräsident Verbruggen Heins Welt

 ·  Ein Doping-Skandal nach dem anderen ist in die Amtszeit von Hein Verbruggen als Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes gefallen. Doch statt sich in Frage zu stellen, perlt Kritik an ihm ab: „Ich habe ein reines Gewissen.“

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© IMAGO Abgemacht: Räder und Rubel rollen nur, wenn Hand in Hand gearbeitet wird

Hein Verbruggen hat sich verändert. Er wirkt nicht mehr so unverwundbar. Er regt sich leicht auf. Und er schaut sich wachsam um. „Wir müssen uns dauernd verteidigen“, sagt er. „Alles wird gegen uns gewendet.“

Mit „uns“ meint er sich und den Internationalen Radsport-Verband UCI, dessen Präsident er vierzehn Jahre lang war - seit 2005 ist Verbruggen Ehrenpräsident. Der 71 Jahre alte Niederländer war ein erfolgreicher Geschäftsmann - er sagt, er habe alle seine Unternehmen aufgegeben - und ist ein erfahrener Sportfunktionär. Er ist Elite und daran gewöhnt, die Dinge im Griff zu haben, zu wissen, was läuft. Und seine Kritiker zu ignorieren. Seit langem weiß er seinen mächtigen Weggefährten Jacques Rogge hinter sich, ihm konnte nie etwas passieren. Aber jetzt? Das Entree des Lausanner Hotels, das er in seiner eleganten Kleidung zum Interview betritt (er hat es nicht ausgesucht), ist eher schäbig, aber das stört ihn nicht. Wichtiger ist, dass er einen Stapel Papiere dabei hat.

Geduldet und gedeckt

Fotokopien von Zeitungsartikeln, Briefen, Schriftsätzen. Seine Beweise, dass er alles richtig gemacht hat in den vergangenen Jahren. Er weiß, dass sein Ruf in der Anti-Doping-Szene, in Teilen der internationalen Sportpolitik und in den Medien nicht gut ist. Aber daran ist er seiner Meinung nach nicht schuld. Er ist davon überzeugt, dass hauptsächlich eine Person das allgemeine Misstrauen gegen ihn gesät hat: Richard Pound, bis 2007 Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und wortgewaltiger Stichler aus Kanada, der erst kürzlich wieder die Streichung des Radsports aus dem Olympischen Programm gefordert hat und nicht müde wird zu wiederholen, Verbruggen und sein Verband hätten die Doping-Misere des Radsports geduldet und gedeckt. „Ein Zyniker“, sagt Verbruggen.

“Ich bin ein Marketing-Mann und muss den Sport verkaufen“, erklärt er: „Ich sehe das ziemlich nüchtern. Ich habe ein Produkt, das will ich größer machen. Und ich habe ein Problem, das ist Doping. Ich bin gegen Doping, weil das schlecht für das Image ist.“ Solche Sätze könnten der Grund sein, warum so viele Leute Verbruggen auch ohne Gegenbeweise den leidenschaftlichen Doping-Bekämpfer nicht abnehmen. Weil es für das Image ja schon reichen würde, wenn man keine positiven Doping-Tests hätte. Und solche Sätze könnten auch der Grund sein, warum sein Gegenspieler Pound so leichtes Spiel damit hat, Verbruggen durch polemische Sprüche zu schaden.

Der Niederländer sagt, er habe kein Problem damit, zurück zu schauen. Obwohl in seine Amtszeit als Radsport-Präsident - 1991 bis 2005 - die finsterste Phase dieses Sports fällt. Mit dem Skandal um systematisches Doping beim Rennstall Festina. Mit den sieben schmutzigen Tour-Siegen von Lance Armstrong. Und mit der spanischen Blut-Affäre um Eufemiano Fuentes, in deren Zusammenhang auch der Deutsche Jan Ullrich als Doper überführt wurde. „Wir haben“, behauptet Verbruggen, „als Verband alles gemacht, was wir machen konnten.“ Er holt einen Zeitungsausschnitt aus seiner Mappe und deutet auf die Überschrift. „Ich habe ein reines Gewissen“, steht da. „So ist es auch jetzt noch.“

Die Welt des Hein Verbruggen wäre wahrscheinlich immer noch in Ordnung, wäre das verzweigte Betrugssystem Lance Armstrongs nicht Jahre nach seinem unwiderstehlichen Siegeszug doch noch aufgeflogen. Seitdem droht den Niederländer das texanische Rad-Beben zu erreichen. Vor acht oder neun Monaten, sagt Verbruggen, habe er Armstrong zuletzt gesprochen. „Er hat mich angerufen.“ Armstrong habe ihn über den Report der amerikanischen Anti-Doping-Behörde Usada verständigt, der den Amerikaner später zu Fall brachte. „Er wollte mich nur informieren“, sagt Verbruggen. „Ich habe kein enges Verhältnis zu Armstrong. Ich habe nie mit ihm gegessen, er ist nie bei mir zu Hause gewesen oder ich bei ihm, ich habe nie mit ihm Geschäfte gemacht. Punkt.“

„Am liebsten unter Eid ausgesagt“

Etwas ist gekippt - neuerdings scheint Verbruggen, an dem bisher noch jeder Manipulationsverdacht abgeperlt ist, auf instabilem Grund zu gehen. Er hatte immer für alles eine Erklärung - für merkwürdige Zahlungen der japanischen Keirin-Lobby genauso wie für seinen plötzlich anmutenden Rückzug vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), nachdem er gerade noch der Koordinator der Peking-Spiele gewesen war. Er wolle sich zur Ruhe setzen, erklärte er damals - und entwickelte in der Folge Sportaccord, die Vereinigung aller Sportverbände, als unermüdlicher Präsident zu einer effektiven und lukrativen Über-Organisation. Doch nach und nach gibt Verbruggen seine Ämter ab. Im Mai verlässt er die Spitze von Sportaccord. Zum Jahresende tritt er als Chef der Olympia-eigenen Fernsehgesellschaft OBS zurück. Im September geht auch Rogge in Ruhestand - seine Amtszeit als IOC-Präsident ist dann zu Ende.

Verbruggen zeigt wieder auf seine Papiere. Er habe sie herausgesucht, um seine Aussage vor der Untersuchungskommission der UCI zu machen. Im April wäre er dran gewesen. „Ich hätte am liebsten unter Eid ausgesagt“, erklärt er. Aber der Weltverband hat die Kommission auf Druck der Welt-Anti-Doping-Agentur aufgelöst, deren Gründungsrat Pound immer noch angehört. Wieder Pound. Und Verbruggen ist auf seinen Argumenten vorerst sitzengeblieben.

Verbruggens Mobiltelefon klingelt, seine Sekretärin ist dran. Er gibt ihr letzte Anweisungen für einen Brief an die fünfzehn Exekutivmitglieder des IOC, Rogge eingeschlossen. Auch vor ihnen verteidigt er sich. „Ich wollte die Dinge ins rechte Licht rücken“, sagt Verbruggen. Er hat wieder einmal erklärt, wieso er und die UCI nicht mit dem Doping-Problem fertig geworden seien. Es geht um das Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo), das den Radsport noch schmutziger gemacht hat. Die Anti-Doping-Labore haben diesen Stoff bis zum Jahr 2000 nicht nachweisen können. Und bis heute können die Tests leicht unterlaufen werden. Lance Armstrong und seine Gefolgsleute haben Hunderte von Dopingtests überstanden, ohne erwischt zu werden. „Es gibt vier verschiedene Instanzen, die die Fahrer kontrolliert haben“, wettert Verbruggen. Er zählt auf: die UCI, die Wada, die Usada und die Nationale Anti-Doping-Agentur in dem Land, wo man gerade fährt. „Keine der Kontrollorgansiationen hat Armstrong positiv getestet. Wieso beschuldigt man also nur eine?“ Er ist sicher, dass auch dahinter Pound steckt. Die Wada verweise doch nur auf die UCI, um von sich selbst abzulenken. „Herr Pound“, schreibt Verbruggen an die einflussreichen IOC-Kollegen, „hat den Kampf gegen Doping seinem kleinlichen Rachefeldzug gegen mich und meinen Sport untergeordnet.“

Dreizehn Millionen auf dem Konto

Die Vorwürfe, die immer wieder von Pound, von Travis Tygart, dem Usada-Chef und neuen Popstar der Anti-Doping-Szene, und von verschiedenen Medien erhoben werden, kennt er alle. Und er hat auf alle eine Erwiderung. Die Spenden von insgesamt 125.000 Dollar, die Armstrong im Jahr 2002 groteskerweise für den Anti-Doping-Kampf der UCI gezahlt hat, fand er in Ordnung. Auf keinen Fall war sie die Folge einer 2001 bei der Tour de Suisse vertuschten positiven Kontrolle. „Es heißt, wir hätten positive Proben vertuscht“, sagt Verbruggen: „Das haben wir nicht.“ Es habe sich 2001 lediglich um einen auffälligen Wert gehandelt, nicht um Doping. Die sechs positiven Armstrong-Proben aus dem Jahr 1999, die ein französischer Journalist ans Licht brachte, hätte es seiner Ansicht nach nie geben dürfen. Tatsächlich waren sie juristisch nie belastbar.

Frage: Wussten Sie denn nicht, was Armstrong da treibt?

Verbruggen: „Wie hätte ich das wissen können?“

Weil er ja sogar jedem Außenstehenden verdächtig war.

Verbruggen: „Dass es verdächtig war - sicher. Aber wie sollten wir da rankommen? Wir hatten 2001 den verdächtigen Test. Aber was weiß ich mehr als Sie? Ich bin nur verantwortlich für das, was die UCI gemacht hat. Und darauf bin ich stolz.“

Als Verbruggen das Amt des UCI-Präsidenten übernahm, arbeiteten vier Leute für den Verband. Jetzt sind es „siebzig oder achtzig“. Die UCI hatte zwei Millionen Franken Schulden. Jetzt hat sie 13 Millionen auf dem Konto und am Verbandssitz in Aigle in der Schweiz ein eindrucksvolles „World Cycling Center“ gebaut. „So schlecht kann ich nicht sein“, sagt Verbruggen. „Das Doping-Problem ist geblieben“, räumt er ein. „Aber die UCI und der Radsport haben sich wunderbar entwickelt.“ Verbruggen hat den Radsport globalisiert - auch mit Hilfe von Armstrongs Popularität. Er ist ein Macher.

Sie haben es nicht richtig gemacht

Insider rätseln bis heute, was Verbruggen mit dem ausgewiesenen Doping-Bekämpfer und Mediziner Jacques Rogge so eng verbindet. Und ob diese Verbindung mit der unerschütterlichen Feindschaft Pounds zu tun hat. Vor zwölf Jahren in Moskau unterlag der scharfzüngige Kanadier dem Belgier Rogge bei der Wahl zum IOC-Präsidenten. Er wurde sogar nur Dritter hinter dem korrupten Koreaner Kim. „Seitdem ist er ein verbitterter Mann“, behauptet Verbruggen. Einmal hat er Pound sogar gerichtlich gezwungen, einige seiner Verbal-Provokationen zurückzunehmen. Dass die UCI einen weißen Stock und einen Blindenhund brauche, wenn es um Doping-Fragen gehe, zum Beispiel.

Er hätte dies nie behauptet, erklärte Pound schriftlich, wenn er zu diesem Zeitpunkt schon besser über den Anti-Doping-Kampf der UCI informiert gewesen wäre. Verbruggen hat auch dieses Papier dabei, um zu beweisen, dass Pound systematisch gegen ihn stänkert. Und es stimmt ja. Der Extrem-Doper Lance Armstrong wurde mit Hilfe der Zeugenaussagen seiner Teamkollegen überführt. Nicht mit Hilfe von Doping-Tests und Laboranalysen. Weder durch Verbruggens Weltverband, noch durch Pounds Anti-Doping-Agentur. Sie haben es also nicht richtig gemacht. Verbruggen nicht. Und Pound auch nicht.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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