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Tour-Kommentar Wahre Liebe

24.07.2007 ·  Die Tour de France und viele ihrer Fans befinden sich am Ende einer langen Romanze. Man fragt sich: Sollen wir zusammenbleiben? Besser nicht - denn wie soll man noch tanzen, wenn die Musik nicht mehr spielt? Ein Kommentar von Evi Simeoni.

Von Evi Simeoni
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Zugegeben: Es war schön damals. Als an sonnigen Sommernachmittagen in schattigen Wohnzimmern die Fernseher liefen, draußen die Temperaturen und drinnen die Telekom-Profis kletterten und man mit einem Zeitfahren und einem geschickt im Nebenzimmer plazierten Empfänger ganze Familienfeiern sprengen konnte.

Ach, wie nett erzählten damals die Kommentatoren der Tour der France so nebenher vom Wein und vom Käse. Es gab Châteaus und Schaumwein-Domänen zu beschauen, immer wieder galoppierten ein paar Ponys am Straßenrand mit dem Peloton um die Wette, dann teilte sich der Strom an einem Kreisverkehr, und schließlich falteten sich vor dem Zuschauer die imposanten Pyrenäen auf wie Schlachtengemälde, auf denen sich Shakespeare und Highsmith abspielten, je nachdem, wer gerade die Trikots trug. Man schauderte, wenn Miguel Induraín hinter seiner Plexiglas-Maske im Kampf Contre-la-Montre die Zähne fletschte. Man begriff, welch ungleiches Psycho-Duell sich abspielte, wenn der aggressive Armstrong den gutmütigen Ullrich am Berg stehenließ. Und man sah die lustigen Elefantenohren von Pantani nach Alpe d’Huez hochfliegen wie kein anderes Paar Ohren zuvor.

Pharma-Helden und Junkies

Ja, all das haben wir verloren, beklagen in diesem Sommer solche Radsportfans, die sich gerne noch ein paar weitere Jährchen in die Polster lehnen und sich wohlig Theater vorspielen lassen wollten. Ja, ja, natürlich war Supermann ein Pharma-Held und der Liebling der Massen ein Junkie, wird abgewiegelt. Aber Doping ist kein Problem des Sports, sondern ein Problem der Gesellschaft. Doch die alte Ausrede wirkt nicht mehr: Es ist Schluss mit der Illusion.

Die Protagonisten der Tour de France, schrieb uns ein nachdenklicher Leser, seien austauschbar geworden: „Das Theater wird so lange weitergehen, bis das Publikum nicht mehr zuschauen mag. Dies ist sehr schade für den Radsport, könnte er doch in seiner Dramatik, seinen Anstrengungen mit Freud und Leid eine eindrucksvolle Parabel auf das Leben sein . . . oder ist er das vielleicht – in seiner jetzigen Ausformung – heute schon?“

Erblindet wie im Wahn

Wer weiß: Liebesgeschichten gibt es in vielen Formen. Und oft gehen sie so: Die Leidenschaft bricht sich so heftig Bahn, dass alle Alarmsysteme außer Betrieb gesetzt werden; der Puls rast, die Verdrängungsmaschinerie läuft auf Hochtouren, der Mensch erblindet wie im Wahn. Doch es ist, wie es ist: All das lässt sich nur eine begrenzte Zeit lang durchhalten. Schließlich beruhigt sich das Blut, der Blick wird nüchterner, jede Falte im Gesicht wird wieder sichtbar, die Begeisterung kühlt sich ab, die Stimmung sinkt. Und dann? Im wahren Leben sagt man irgendwann vielleicht resigniert zueinander: „Lass uns zusammenbleiben um der alten Zeiten willen.“

So ähnlich ist das mit der Tour de France und vielen ihrer Anhänger. Die Werbekarawane zieht unerbittlich weiter und wird nicht müde, die Menschen am Rande weiter zu ihrem „teuflischen Tanz“ aufzufordern – so ähnlich nannte das zumindest ein weiterer unserer nachdenklichen Leser. Doch es ist zu spät: Wie soll man denn noch tanzen, wenn die Musik aufgehört hat zu spielen?

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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