07.10.2009 · Dass es in diesem Jahr bei der Tour de France keinen einzigen Dopingfall gegeben hat und die Nachtests von Proben des Jahres 2008 keine Hinweise auf weitere Betrugsfälle ergaben, kann nicht als Beleg für einen sauberen Radsport verstanden werden.
Von Jörg HahnDem Agentur-Gewitter folgt die Stille, die Erde wackelt nicht. „Mit bangem Blick schaut die Radsport-Szene an diesem Mittwoch in die französische Hauptstadt, wo ein Doping-Nachbeben droht“, hatte es geheißen, zwei Tage lang bereiteten die Nachrichtenagenturen wortreich vor auf Enthüllungen, Skandale. „Der krisengeplagte Radsport steht anno 2009 vor einem einzigen Scherbenhaufen“, lautete vorab das Fazit.
Es ist anders gekommen. Um es klarzustellen: Dass es in diesem Jahr bei der Tour de France nicht einen einzigen Dopingfall gegeben hat und die Nachtests von 17 Proben des Jahres 2008 keine Hinweise auf weitere Betrugsfälle (über die sieben schon bekannten hinaus) ergaben, wie die französische Anti-Doping-Behörde nun mitgeteilt hat, ist kein Freispruch und kann nicht als Beleg für einen sauberen Radsport verstanden werden. Doping bedroht die Existenz dieser und anderer Sportarten nach wie vor.
Doch das Thema verlangt Sachverstand statt Alarmismus, Seriosität statt Sensationslust. Wer ständig Doping-Monster an die Wand malt und vom Schrecken hinter der nächsten Ecke fabuliert, ermüdet die Öffentlichkeit nicht nur; auf diese Weise wird auch die Glaubwürdigkeit der Doping-Bekämpfung aufs Spiel gesetzt. Wer hemmungslos seiner Lust am Untergang frönt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht ernsthaft an der Lösung des systemischen Problems interessiert zu sein, sondern allein an der Bloßstellung von Personen mit großen Namen. Das aber bringt, wie die vergangenen zwei Jahrzehnte zeigen, den Sport keinen Deut weiter.