13.07.2007 · Tom Simpson gilt als der große Doping-Tote: Mahnmal gegen das tödliche Gift des Ehrgeizes und des chemischen Betruges. Am 13. Juli 1967 starb er am Ventoux. „Setzt mich auf mein Rad zurück“ sollen seine letzten Worte gewesen sein.
Von Christian EichlerMitten auf dem kahlen Berg steht ein Denkmal aus Granit. Darin erkennbar der Schattenriss eines Radfahrers. In der modernen Pop-Kultur, zu der auch der Sport gehört, ist der Gedenkstein in der Steinwüste längst zum Pilgerort geworden, fast wie das Grab von Doors-Sänger Jim Morrison auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.
Die Morrison-Jünger legen dort gern Whiskeyflaschen ab. Wer zu Tom Simpson auf den Ventoux radelt, lässt anderes da. Wasserflaschen aus Plastik vor allem. Während der Whiskey unter den Dingen war, die Morrison töteten, ist das Wasser etwas, das Simpson hätte retten können. Denn er hatte das Falsche dabei. Zwei volle Amphetamin-Ampullen und eine leere steckten noch in der Tasche des Toten; der Inhalt weiterer steckte in seinem Körper. Dafür fehlte ihm, was er wirklich brauchte: Wasser.
Dehydrierung und Doping
Tom Simpson gilt als der große Doping-Tote: steingewordenes Mahnmal gegen das tödliche Gift des Ehrgeizes und des chemischen Betruges. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass Simpson am glühend heißen 13. Juli 1967 nicht nur mit Amphetaminen aufgeputscht war; dass ihn auch seit Tagen eine Magenverstimmung schwächte; dass er gegen die Beschwerden Cognac zu sich genommen hatte; dass er viel zu wenig Wasser getrunken hatte, weil damals die Fahrer nur maximal vier Flaschen, also zwei Liter, mitnehmen und diese unterwegs nicht von ihren Teams auffüllen lassen durften, allenfalls von Zuschauern oder selber an Bachläufen, denn die Tour-Leitung wollte verhindern, dass sich die Akteure beim Wasserholen von Fahrzeugen ziehen ließen. Und wahr ist, dass eine Kombination dieser Faktoren bei über vierzig Grad auf der 21 Kilometer langen Steigung am schattenlosen Ventoux Tom Simpson umgebracht hat.
Dehydrierung und Doping, Hitzschlag und Herzversagen, ein tödlicher Cocktail. Nur nicht zu viel trinken, impfte man damals Sportlern ein – ein Beispiel dafür, wie erschreckend lange man so gut wie nichts wusste darüber, wie der menschliche Organismus funktioniert unter den extremen Anforderungen, denen man ihn bei der Tour aussetzt. Es wirkt im Rückblick wie ein großes, brutales Experiment: Keiner fragte, wie der Mensch wirklich funktioniert – jeden interessierte nur, wer es am längsten schafft.
Statt zu trinken, schluckte man
Darüber, was sein Körper benötigte, an Flüssigkeit, an Nährstoffen, an Schlaf, an Ruhe, wusste kaum ein Fahrer Verlässliches. Dafür wusste er, dass nach den großen Rennen keine Erholung in Frage kam, denn dann wurde das Geld verdient, bei den „Kirmesrennen“. So bürdeten sich die Profis unglaubliche Programme auf. 1965, nach seinem WM-Sieg im Spurt gegen Rudi Altig, bestritt Simpson binnen drei Wochen 18 Rennen, zwischen denen er fast 20.000 Kilometer im Auto zurücklegte.
Wo die Wissenschaft kaum beitrug, den Fahrern das Leben zu erleichtern, wo das Geschäft sie zwang, ihrem Körper täglich noch ein Rennen abzuzwingen und im Winter noch die „Sixdays“, dort gab es nur einen verlockenden Freund und Helfer gegen Leiden und Erschöpfung: das Doping. Statt zu trinken, schluckte man.
Fiel um, stieg auf, fuhr weiter. Und starb
Taugt Simpson zum Märtyrer für den Radsport, der heute selber schwerkrank scheint? Damals war der Bergarbeitersohn aus Nordengland einer der besten und beliebtesten Radprofis, er hatte drei der fünf größten Tages-Rennen schon gewonnen, Flandern-Rundfahrt (1961), Mailand – San Remo (1964), Weltmeisterschaft (1965). Und er war 1962 als erster Brite ins Gelbe Trikot geschlüpft. Bei der Tour 1967 aber hatte er Boden verloren durch die Magenprobleme. Am Ventoux durfte er sich keine Schwäche mehr erlauben, blieb in der Spitzengruppe. Rund drei Kilometer vor dem Gipfel fuhr er plötzlich in Schlangenlinien, fiel um, stieg wieder auf, fuhr noch ein paar hundert Meter. Und starb.
Die Tour wird den Ventoux, der ohnehin nur 13 Mal Teil der Strecke war, an diesem Freitag, dem 40. Todestag, weiträumig umfahren. Doch am Ort der Tragödie werden sich Familie, Freunde und vermutlich Hunderte Radfans treffen.
„Put me back on my bike“
„Setzt mich auf mein Rad zurück“, so sollen seine letzten Worte gewesen sein – ein Satz, der auch zum Titel seiner Biographie wurde („Put me back on my bike“). Dabei dürfte er der dramatischen Phantasie jener eher literarischen als journalistischen Begleiter entsprungen sein, die damals die Tour als großes Heldenepos fortschrieben.
Der englische Reporter, der den Satz überbrachte, war gar nicht Zeuge des tragischen Endes. Der Teammechaniker, der es war, gab Simpsons letzte Worte anders wieder: „Go on, go on“. Weiter, weiter – nur nicht stehen bleiben, es ist das Motto des Radsports, heute wie vor vierzig Jahren.
Mitleidsfrei.
Ralf Becker (mfoe)
- 13.07.2007, 10:41 Uhr
Es wird sich nie ändern
Helge Gottschlag (popelge)
- 13.07.2007, 11:46 Uhr
Man kann sichs auch einfach machen...
Michael Schultz (Offensichtlich)
- 13.07.2007, 13:16 Uhr
Opfer irrsinniger Regeln und erbarmungslosem Leistungswillen
Daniel J Hahn (137)
- 17.07.2007, 00:29 Uhr