http://www.faz.net/-gu9-8xwlc

Doping-Opfer-Hilfe : „Es reißt die Leute weg“

Eine Protest-Aktion der Doping-Opfer-Hilfe während der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Gepeinigte und vergiftete Athleten des DDR-Zwangs-Dopings können sich nur an den Verein der Doping-Opfer wenden. Im Juni sollte die Notruf-Leitung abgeschaltet werden, nun scheint die zukünftige Finanzierung doch gesichert.

          Schon das erste Gespräch warf die gestandene Professorin um. Sie saß dabei, als eine ehemalige Sportlerin beschrieb, was Doping und Missbrauch im Kindesalter aus ihrem Körper und ihrer Seele gemacht hatten. Sie beschrieb gravierende Schädigungen und ständige Schmerzen. Sie erzählte, dass ihre Mutter sie den Trainern ausgeliefert hatte und von den Folgen nichts wissen wollte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Sie bekannte, dass sie sich kaum behandeln lassen könne, da ihr Trauma sich unter anderem in rasender Angst vor Ärzten ausdrückte. Bezahlen könnte sie die Therapie ohnehin nicht. Eine Frau, die am Rand des Lebens balancierte. „Ihre Seele war zertrampelt worden“, erinnert sich Eva-Maria Otte. „Ich dachte: Sie ist verloren. Ich habe mir die ganze Zeit das Heulen weggebissen.“

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Heute führt Eva-Maria Otte solche Gespräche allein. Die Leitung zu ihrem schnurlosen Telefon in der Beratungsstelle der Doping-Opfer-Hilfe bildet so etwas wie ein Rettungsseil für Menschen, die der Sport, vornehmlich der DDR-Sport, auf das niederträchtigste um Jugend, Hoffnung, um das Leben betrogen hat. An einem Schreibtisch in einem Winkel der Robert-Havemann-Gesellschaft im Hinterhaus der Schliemannstraße 23 in Prenzlauer Berg versucht sie von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags unter der Berliner Nummer 44 71 08 26 denen zu helfen, die hilfesuchend anrufen. Es werden immer mehr.

          Die Belastung der Helferinnen am Telefon nimmt zu. Manchmal habe sie Angst davor, dass sich jemand das Leben nehmen könnte, sagt Eva-Maria Otte. Selbst wenn sie jemanden davor bewahrt haben sollte, ist das nicht wirklich beruhigend. Einer dankte ihr am Telefon mit den Worten: „Wenn wir gestern nicht gesprochen hätten, gäbe es mich heute nicht mehr.“

          Die Frist für Anträge auf Zahlung von 10.500 Euro nach dem zweiten Doping-Opfer-Hilfegesetz läuft in weniger als sechs Wochen ab. Nun hat der Bundestag reagiert und wird auf Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD voraussichtlich beschließen, sie um anderthalb Jahre bis zum 31. Dezember 2018 zu verlängern. Für die erwarteten tausend Antragssteller hat der Gesetzgeber 10,5 Millionen Euro bereitgestellt. Denn längst haben nicht alle Betroffenen realisiert, dass sie betroffen sind, und längst haben nicht alle, die einen Antrag stellen wollen, ihre Unterlagen und Atteste beisammen. Sie brauchen Hilfe. Da Staat und Sport sie ihnen nicht gewähren, sind die Doping-Opfer-Hilfe und Eva-Maria Otte die Einzigen, an die sie sich wenden können.

          Noch dürfte allerdings unklar sein, wie es weitergeht. Die Havemann-Stiftung wird auf den neuen Campus der Demokratie in der einstigen Zentrale der Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg ziehen; die Doping-Opfer-Hilfe an ihrem kleinen, von Akten und Kartons umstellten Schreibtisch soll im Juni raus. „Sobald die Havemänner packen“, sagt Eva-Maria Otte, „können wir nur noch im Treppenhaus telefonieren.“ Sobald der Umzug vollendet ist, steht sie erst einmal auf der Straße.

          Der Notruf-Schreibtisch der Opfer-Hilfe im Havemann-Archiv.
          Der Notruf-Schreibtisch der Opfer-Hilfe im Havemann-Archiv. : Bild: Anno Hecker

          Bis zu ihrer Pensionierung war die schlanke Frau mit den kurzen blonden Haaren Professorin an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst. „Bewegung, das ist das Gegenteil von Sport“, sagt sie über den Fachbereich, den sie leitete. An der Hochschule lernte sie Ines Geipel kennen, die ehemalige Sprinterin aus Jena und heutige Schriftstellerin, die seit den Doping-Prozessen zur Jahrtausendwende den Geschädigten und Betrogenen des DDR-Sports Stimme und Gesicht gegeben hat und dem Doping-Opfer-Hilfe-Verein vorsitzt.

          Weitere Themen

          Mädchen in eingestürzter Schule eingeschlossen Video-Seite öffnen

          Erdbeben in Mexiko : Mädchen in eingestürzter Schule eingeschlossen

          Es ist ein Kampf gegen die Zeit und um das Leben der 13-jährigen Frida Sofia, der ganz Mexiko in Atem hält. Das Mädchen ist noch immer in den Trümmern einer eingestürzten Schule eingeschlossen. Helfern gelang es, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ob sich womöglich weitere Kinder in dem eingestürzten Gebäude befinden, konnten die Helfer zunächst nicht herausfinden.

          Schwere Sturmschäden auf Puerto Rico Video-Seite öffnen

          Hurrikan „Maria“ : Schwere Sturmschäden auf Puerto Rico

          Hurrikan „Maria“ auf der amerikanischen Karibikinsel Puerto Rico schwere Verwüstungen und Schäden angerichtet. Einem Sprecher des Gouverneurs Ricardo Rossello zufolge fiel am Mittwoch im ganzen Territorium der Strom aus. Mehr als drei Millionen Menschen sollen betroffen sein.

          Topmeldungen

          Wahlkampfabschluss der AfD : Revolte von rechts

          Am Abend vor der Wahl trifft sich der Landesverband der AfD Sachsen zur Kundgebung in Görlitz. Ohne Frauke Petry. Die hatte zuvor abgesagt – wegen „innerparteilichen Querelen“. Dafür tritt einer ihrer Feinde auf.
          Versuchen fast alles, um Merkel zu stürzen: Die AfD-Spitzenkandidaten Weidel und Gauland.

          Neue Internetseite der AfD : Teuflisch genial

          Im Online-Wahlkampf holte sich die AfD Unterstützung von einer Werbeagentur, die bereits für Donald Trump arbeitete. Jetzt hat die Partei eine neue Website veröffentlicht – und startet damit eine Schmutzkampagne gegen die Kanzlerin.

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.