Home
http://www.faz.net/-gua-14rsk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sabine Spitz Couragierter Gegenkurs einer Radfahrerin

06.12.2009 ·  Sabine Spitz plädiert für ein Gesetz gegen Doping – aber Politik und Sportfunktionäre bremsen sie aus. Die Regierung unterstützt den Kurs von DOSB-Präsident Thomas Bach.

Von Anno Hecker, Düsseldorf
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Da hat sich der Sport die Richtige ausgesucht: Ehrung für die Mountainbikerin Sabine Spitz bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag in Düsseldorf. Fast alles von Rang und Namen im organisierten Sport um DOSB-Präsident Thomas Bach sitzt im Plenum. Aus Berlin ist ein gewichtiger Teil der Regierung angereist; der neue Bundesinnenminister Thomas de Maizière und sein Vorgänger, Finanzminister Wolfgang Schäuble. Die Sportfamilie will die Courage der Olympiasiegerin im Namen des Internationalen Olympischen Komitees würdigen. Wegen ihrer kompromisslosen Haltung gegen Doping, ihrer glaubwürdigen Bereitschaft, selbst zweifelhafte persönliche Einschränkungen beim Kampf für einen sauberen Sport hinzunehmen. So ein öffentlicher Dank aber soll auch belegen, dass Funktionäre im mühsamen, schleppenden sportpolitischen Geschäft letztlich nur eines im Auge haben: des Athleten Wohl.

Nur Sabine Spitz ist in Düsseldorf nicht mehr wohl nach den mit großem Beifall bedachten Reden der bedeutenden Sportpolitiker. Deshalb greift sie auf dem Podium, allein vor den Delegierten, zum Mikrophon: „Ich muss noch was zu Minister de Maizière und Thomas Bach sagen. Doping ist so ein Betrug wie er jetzt bei der Wettaffäre geschildert wird. Aber warum wird er nicht genauso geahndet? Ich kann nicht nachvollziehen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.“ Bach schaute verdutzt. De Maizière lächelte milde.

Größer konnte der Widerspruch nicht sein zu Deutschlands Sportführer sowie zum Chef des wichtigsten Spitzensportförderers in der Republik. Beide lehnen es mit Hinweis auf das „strenge“ Sportrecht ab, dopenden Sportlern den Staatsanwalt zu schicken. Der soll sich um die vom Sportrecht weitgehend unantastbaren Hintermänner kümmern.

Spitz quält die Praxis

Doch Sabine Spitz, fast 38 Jahre alt, kurze dunkle Haare, adrett, im Hosenanzug, hält unbeirrt Kurs. Der Spitzensport hat sie äußerste Strenge gelehrt. „Doping-Kontrollen in allen Ehren“, sagt sie später in der Wandelhalle: „Aber man muss die Hemmschwelle so hoch wie möglich setzen. Die Sorge, eine Vorstrafe bekommen zu können oder sogar in den Knast zu kommen, gewährleistet die höchste Hemmschwelle.“ Spontan hatte sie auf der Bühne ihre Erfahrung formuliert und dabei offenbar eine große Distanz überbrückt: „So nah kommt man ja als Athlet nie heran.“ Als müssten die Schaltstellen der Sportpolitik von der Basis hören, was gut für Athleten ist. Angst vor einer „Kriminalisierung“ des Sportlers, die Bach fürchtet, hat sie jedenfalls nicht.

Spitz quält die Praxis: „Doping ist nicht nur höchst unfair, es entsteht ja auch ein Vermögensschaden, falls ein Doper gewinnt“, sagt sie. „Ich kenne doch den Unterschied zwischen Bronze und Gold.“ In Athen wurde sie Dritte, in Peking Erste. Das Gold brachte der professionellen Sportlerin endlich auch einen halbwegs zählbaren Mehrwert. Jetzt rief sie coram publico um Hilfe: „Die Funktionäre sagen doch immer, sie tun alles gegen Doping. Wenn man aber alles tut, dann muss man auch ein Gesetz schaffen.“

Regierung stützt Bach

Es wird wohl nicht kommen. Der Bundesinnenminister lobte zwar den Mut der Sportlerin. „Toll, dass sie sich das traut im großen Kreis, das verdient Respekt.“ Spitz' Vorstoß aber soll keine Folgen haben, zumindest für die Antidoping-Bekämpfung. Zwar will de Maizière den Fall noch einmal prüfen. „Trotzdem würde man dem Sport möglicherweise einen Bärendienst erweisen, wenn man jedes Doping-Vergehen strafrechtlich als Betrug ansehen würde und entsprechende Ermittlungen aufnähme. Bei dieser Linie bleibe ich bis zum Beweis des Gegenteils.“

Die Haltung lässt Spielraum im Umgang mit dem Athleten. Wäre die Eisschnell-Läuferin Claudia Pechstein nicht vom Sport, sondern auch vom Staat wegen Blutdopings verurteilt worden, dann hätte der Innenminister am Samstag vor den Delegierten der Sportverbände wohl kaum die „menschliche Dimension“ der Affäre angesprochen. Die Olympiasiegerin ist Bundespolizistin, de Maiziere ihr Dienstherr: „Ich habe Disziplinarmaßnahmen zu treffen, aber ich habe auch eine Fürsorgepflicht.“ Will sagen: Vielleicht kann man wenigstens die berufliche Zukunft der verurteilten Athletin beim Staate sichern. Und begründen mit einer Teilverlagerung der Schuldfrage. De Maizière zeigte mit dem Finger auf mögliche böse Mächte im Hintergrund der allerdings mit 37 Jahren selbstbestimmten Berlinerin: „Doping auf einem so hohen wissenschaftlichen Niveau betreibt ein Sportler nicht allein. Dazu braucht man ein Vertuschungsumfeld.“

Da nickte Gastgeber Bach. Es waren auch seine Worte, seine Gedanken, die de Maizière und Finanzminister Schäuble als erklärte Freunde des Sports weit über das Thema Doping hinaus formulierten. „Sie machen das Leben reicher“, rief Schäuble den Delegierten zu. Die neue Regierung, das wurde am Samstag schnell deutlich, stützt Bachs Politik nach Kräften.

Dem DOSB droht keine Opposition

Dagegen ist die Widerstandskraft geschrumpft. Mit SPD-Mann Peter Danckert hat sich ein Quälgeist aus dem Sportausschuss verabschiedet. Seine Nachfolgerin und Parteifreundin Dagmar Freitag tritt wesentlich moderater auf. Jedenfalls nicht so beschwingt wie die Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth bei ihrer ersten Rede vor dem „Parlament des Sports“ (Bach).

Es wurde ein Lobesschwall, so erdrückend, dass Delegierte nach schwachem Beifall über die Ursache rätselten. „Glückshormonone?“ Jedenfalls droht dem DOSB vorerst keine gefährliche Opposition auf der politischen Bühne. Da kann man sich eine kritische Athletin gut leisten. „Sabine Spitz“, erklärte Bach nach dem Solo der Mountainbikerin, „ist ja in Kenntnis ihrer Position für die Ehrung vorgeschlagen worden.“ Ändern tut es nichts.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Meister der Abwehr

Von Peter Penders

Borussia Mönchengladbach hat nach 21 Spieltagen erst zwölf Gegentreffer hinnehmen müssen. Die gleiche Quote hatte in der vergangenen Saison Borussia Dortmund. Mehr