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Russlands Leichtathletik-Chef : „Geld, Geld, Geld, Geld!“

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Vermisst Moral im Sport: Russlands Leichtathletik-Chef Balachnitschew Bild: IMAGO

Valentin Balachnitschew, früher Läufer und Trainer, ist seit 22 Jahren Präsident des russischen Leichtathletik-Verbandes. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Doping in seiner Heimat und Moral im Sport.

          Man hat trotz vier Titeln und insgesamt 13 Medaillen für die Athleten Ihres Verbands den Eindruck, dass aus Russland die zweite Reihe der Leichtathleten zur Hallen-Europameisterschaft nach Göteborg gekommen war. Bereiten sich die anderen auf die Weltmeisterschaft in Moskau vor?

          Dies war nicht die zweite Reihe. Dies ist die erste Reihe der nächsten Jahre. Hier hatten sie die Chance, sich international zu bewähren. Das hat die deutsche Mannschaft genauso gemacht.

          War die erste Reihe durch Doping-Fälle dezimiert? Es sollen derzeit mehr als dreißig russische Leichtathleten wegen Dopings gesperrt sein. Können Sie das bestätigen?

          Ich weiß nicht genau. Das müssen Sie nachzählen.

          Gerade ist die Weitspringerin Tatiana Kotowa von der russischen Anti-Doping-Agentur suspendiert worden und wird wohl ihre Silbermedaille von der Weltmeisterschaft von Helsinki 2005 verlieren. Zuletzt war der Diskuswerferin Daria Pischtschalnikowa die Silbermedaille der Olympischen Spiele von London wegen Dopings aberkannt worden. Was ist los im russischen Sport?

          Sie werfen Doping und unsere Mannschaft hier in einen Topf. Wir haben hier (in Göteborg) keinen Doping-Fall. Gewiss: Doping ist ein großes Problem. Es bedroht den gesamten Sport, nicht nur in unserem Land, nicht nur in unserer Sportart. Deshalb haben wir mehr als 3000 Doping-Tests pro Jahr, bei Wettkämpfen und im Training. Wenn man nach dem weltweiten Schnitt von zwei Prozent positiver Fälle geht, sind dreißig Fälle nicht zu viel. Im gesamten russischen Sport haben wir 20.000 Tests.

          Wollen Sie damit sagen, dass die vielen russischen Doping-Fälle nicht ein Problem anzeigen, sondern dessen Lösung?

          Die Fälle zeigen, dass wir gegen Doping kämpfen. Man kann Doping nur bekämpfen, wenn man es bestraft.

          Aber doch nicht allein dadurch, dass man Athleten sperrt!

          Die Sportlerinnen und Sportler sind das Ende einer Kette. Wir müssen darüber nachdenken, in welcher Umgebung sie leben. Wir haben ein Gesetz eingeführt in Russland, das dafür sorgt, dass Leute, die mit Doping zu tun hatten, ihre Arbeit im Sport verlieren müssen. Sie werden genauso lange ausgeschlossen wie ihre Athleten.

          Begrüßen Sie dieses Gesetz?

          Unbedingt. Das Problem ist nicht nur der Gebrauch von Doping-Mitteln. Man muss auch fragen, wie kommen die Mittel zu den Athleten? Deshalb wird das Parlament Doping-Mittel auf die Liste der verbotenen Drogen setzen. Dann werden diejenigen, die sie besitzen und weitergeben, bis zu drei Jahre ins Gefängnis gehen. Wir können Doping stoppen.

          Wie viele Trainer oder Ärzte sind im Zusammenhang mit Doping bestraft worden?

          Ich weiß von drei Fällen in den vergangen drei Jahren. Sie mussten ins Gefängnis.

          Handelt es sich um prominente Trainer?

          Nein, das waren Leute, die Doping-Mittel vertrieben haben, keine Trainer. Unser Verband verlangt nun von unseren zweihundert Trainern schriftliche Erklärungen, dass sie ihre Arbeit verlieren, falls ihre Athleten gedopt sein sollten.

          Wie ist es möglich, dass die Trainer der mehr als dreißig gedopten russischen Leichtathleten weiter für den Verband arbeiten?

          Sie verstehen das System nicht. Die Trainer meines Verbandes sind nur für die Nationalmannschaften verantwortlich. Die Athleten aber werden in den zentralen Sportschulen vorbereitet und gehören zu den regionalen Schulen. Wir sind nicht das FBI. Unsere Aufgabe sind Erziehung und Sanktionierung. Wir müssen eng mit der russischen Anti-Doping-Agentur und dem Sportministerium zusammenarbeiten. Aber ich habe keine Angst zu sagen: Wir brauchen Sanktionen, Sanktionen, Sanktionen bis zum Ende dieses Problems.

          Steckt die russische Leichtathletik in einer Krise?

          Die russische Leichtathletik steckt in Schwierigkeiten. Ich bin seit 22 Jahren ihr Präsident, und ich verschwende mein Leben, indem ich gegen diese Schwierigkeiten kämpfe.

          Welche Gründe gibt es zu dopen?

          Gesellschaftliche. Es gibt ein niedriges Niveau von Moral und Bildung. Und es gibt hohe finanzielle Anreize. Die Mittel sind leicht zu besorgen. Das ist doch nicht nur in meinem Land ein Problem, dass alle Leute von Fairplay reden und sich nicht daran halten. Wir müssen Athleten zu Fairplay erziehen. Wir müssen die Moral des Sports ändern. Was bedeutet Fairplay? Es ist nur ein Image. Welches ist die Philosophie des existierenden Sports? Geld, Geld, Geld, Geld! Wir drängen die Athleten, wir drängen die Trainer, so etwas zu tun. Wir müssen da rauskommen. Wir brauchen eine Moral im Sport.

          Wie wollen Sie das Geld rausnehmen?

          Ich weiß, dass das nicht geht. Aber wir müssen darüber sprechen.

          Glauben Sie, dass in reichen Ländern weniger gedopt wird? Oder dass reiche Athleten sauberer sind? In welchen Ländern and herrscht eine größere Moral: in armen oder reichen?

          Ich kenne Russland. Ich besuche viele, viele Familien. Wenn ich Leute in kleinen Verhältnissen treffe, merke ich, dass sie ehrlicher sind.

          Die Fragen stellte Michael Reinsch.

          Quelle: F.A.Z.

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