19.07.2007 · Einen Tag nach Bekanntwerden der neuesten Doping-Affäre im Radsport und dem anschließenden Boykott der öffentlich-rechtlichen Sender melden sich Kritiker und Beteiligte zu Wort. FAZ.NET fasst die Reaktionen zusammen.
Jens Voigt, Interessenvertreter der Radprofis, hat den Rückzug von ARD und ZDF scharf kritisiert. „Ich halte die Entscheidung für völlig überzogen, sie hilft keinem. Das ist ja wie früher in der DDR: Zwei Leute entscheiden gegen den Willen des Volkes, schließlich haben sich zwei Drittel der Fernsehzuschauer gegen den Ausstieg ausgesprochen“, sagte Voigt. „Wir Gebührenzahler“ seien „ja schließlich die Arbeitgeber des Fernsehens. Es sollte doch jedem selbst überlassen bleiben, ob er die Tour sehen will oder nicht. Warum ist das Fernsehen nicht rausgegangen, als Ben Johnson bei den Olympischen Spielen positiv war?“, fragte der 35-jährige Profi des dänischen CSC-Teams.
„Die Kontrolle war doch vor dem Tourstart“
Laut Voigt hat der Fall Sinkewitz nicht direkt mit der Tour de France zu tun: „Die Kontrolle war doch am 8. Juni, einen Monat vor dem Tourstart.“ Ein Team wie T-Mobile unternehme alles, um Doping im Team auszuschließen, aber es könne „auch nicht jeden einzelnen vor sich selbst schützen“, sagte Voigt weiter.
T-Mobile-Sprecher Stefan Wagner erklärte, der Fall Sinkewitz zeige, dass die Kontrollen funktionierten. „Diejenigen, die es noch immer nicht gelernt haben, werden entdeckt. Und das ist die gute Nachricht.“ ARD und ZDF hatten am Mittwoch die Berichterstattung über das berühmteste Radrennen der Welt gestoppt, nachdem ein neuer Dopingfall bekannt geworden war. Beim deutschen T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz war die A-Probe einer Trainingskontrolle vor der Tour positiv ausgefallen (Siehe: Doping: 24:1 gegen Sinkewitz).
„Dann haben wir einen Erfolg erzielt“
Auch der Sportjurist Ulrich Haas sagte, im Hinblick auf die Kontrollen sei die positive A-Probe kein schlechtes Ergebnis. „Mir würde es eher besonders verdächtig vorkommen, wenn es bei einer Großveranstaltung wie der Tour de France keine positive Probe gäbe.“ Fahrer wie Sinkewitz aus dem Verkehr zu ziehen, halte er für „die einzige wirksame Strafe“. Allerdings sei das Problem Doping „nur mit dem Austausch von irgendwelchen Köpfen, also Sportlern“ nicht zu lösen, sagte Haas. Das Problem sei systemimmanent.
Der Doping-Experte Werner Franke sagte, es gehe beim Dopingproblem nicht nur um die Fahrer. „Es sind Ärzte, Mitarbeiter im Hintergrund, Trainer, Besorger von solchen Mitteln. Diesen Hintergrund, den muss man ausräumen.“ Erst wenn Ärzte ihre Approbation verlören, weil sie sich der Beihilfe zur Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Arzneimittelmittelgesetz sowie des Verstoßes gegen ärztliche Ethik schuldig gemacht hätten - „erst dann haben wir einen Erfolg erzielt“.
WM in trockenen Tüchern?
Der Stuttgarter Gemeinderat will sich an diesem Donnerstagabend mit der für September geplanten Straßenrad-Weltmeisterschaft in der Stadt befassen, wie eine Sprecherin berichtete. Es stehe ein Sachstandsbericht auf der Tagesordnung. Am Mittwoch hatte ein Sprecher der Stadt gesagt, man wolle trotz des neuen Dopingfalls an der Austragung festhalten und arbeite weiter an einer Vereinbarung für schärfere Dopingkontrollen. Dagegen sieht der baden-württembergische Sportminister Helmut Rau die WM noch nicht in trockenen Tüchern.
Falls der Weltradsportverband die scharfen Anti-Doping-Vorgaben von Bund, Land und Stadt nicht umsetzen wolle oder könne, stehe die Veranstaltung „zur Disposition“, sagte der CDU-Politiker. Da die Vereinbarung noch nicht unterzeichnet sei, halte er das Ganze „immer noch für eine Hängepartie“.
Richtige Entscheidung
Christian Brinker (chb1970)
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