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Radsport „Wann war Doping notwendig? Praktisch immer“

28.05.2007 ·  Fausto Coppi, Charly Gaul, Bernard Thevenet - vor Bjarne Riis hätten schon weitere Tour-Sieger das Gelbe Trikot zurückgeben müssen. Gedopt hatten sie alle, und zugegeben haben sie es auch. Pedro Delgado war sogar während der Tour positiv getestet worden.

Von Hartmut Scherzer
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Wenn Pat McQuaid, der irische Präsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI), „mit Nachdruck“ an Bjarne Riis appelliert, das Gelbe Trikot der Tour de France 1996 zurückzugeben, dann müsste der Sportfunktionär denselben Appell an Bernard Thevenet (Sieger 1975 und 1979) richten, den jahrelangen Tour-Kommentator im französischen Fernsehen.

Das „Maillot Jaune“ aushändigen können Fausto Coppi (Gewinner 1949 und 1952) und Charly Gaul (Erster 1958) indes nicht mehr, sie sind verstorben. Gedopt hatten sie alle, und zugegeben haben sie es auch. Pedro Delgado war sogar während der Tour 1988 positiv getestet worden – und wurde dennoch als Sieger akzeptiert. Tour-Direktor Christian Prudhomme ist also inkonsequent, wenn er behauptet, Riis sei kein würdiger Sieger und habe den Sieg nicht verdient – er müsste dasselbe sagen über sein Kindheitsidol Thevenet und über all die anderen natürlich auch.

„La Bomba“ war gängig

„Ich war gezwungen, Pillen zu nehmen, um den anderen folgen zu können. Denn alle haben sie geschluckt“, sagte der Luxemburger Gaul, der „Engel der Berge“ genannte Kletterspezialist. Der Franzose Thevenet hatte unmittelbar nach dem Ende seiner Karriere – so öffentlich wie Riis am vergangenen Freitag – zugegeben, sich in seinen letzten drei Jahren bei der Tour, also bei beiden Gesamtsiegen, mit Cortison gedopt zu haben.

Wahrscheinlich beichtete der Italiener Coppi, weil sein großer Rivale und Freund Gino Bartali ein Priester war. Jedenfalls gab auch er nach dem Ende seiner Karriere im italienischen Fernsehen zu, „La Bomba“ (Amphetamine), das damals gängige Dopingmittel, benutzt zu haben. „Alle haben es genommen, und wer das Gegenteil behauptet, verdient es nicht, dass man mit ihm über Radsport spricht. Ich habe es immer genommen, wenn es notwendig war.“ Frage des Fernseh-Reporters: „Und wann war es notwendig?“ Die Antwort Coppis: „Praktisch immer.“

Gerüchte über eine Liste von Gedopten

Und wie steht’s mit dem Gelben Trikot des Pedro Delgado? Der Spanier hatte 1988 die Tour gewonnen, obwohl er während dieser Rundfahrt in zwei Analysen positiv auf Doping getestet worden war. Nur: Die Substanz Probenezid, die Anabolika-Missbrauch verschleiert, stand zwar auf der Liste verbotener Mittel des Internationalen Olympische Komitees, jedoch noch nicht auf der Liste der UCI. So wurde der Tour der Skandal erspart, dem Sieger das Gelbe Trikot in Paris entziehen zu müssen.

Bjarne Riis („Das Gelbe Trikot liegt in einem Pappkarton in meiner Garage. Ihr könnt es abholen“) ist also mitnichten der erste Tour-Sieger, der gestanden hat, dank Doping triumphiert zu haben. Das alles kann Direktor Prudhomme in dem zum hundertjährigen Bestehen der Tour de France vor vier Jahren herausgegebenen Geschichtsbuch nachlesen.

Gedopt? Die Fahrer, die im Ziel ankommen

Spannend liest sich auch ein Kapitel aus dem Jahr 1977 „Une si longue attente . . .“ (Eine sehr lange Wartezeit) von Pierre Chany aus der Redaktion von „L’Equipe“. Gerüchte über eine Liste von Gedopten geisterten damals seit Tagen herum. Der Argwohn richtete sich vor allem gegen Thevenet. Schließlich war der Tour-Führende vier Monate zuvor beim Rennen Paris–Nizza positiv getestet worden. Beim Bergzeitfahren von Morzine nach Avoriaz hatte Thevenet nach 15 Tagen dem jungen Deutschen Didi Thurau (auch er inzwischen ein geständiger Dopingkonsument) das Gelbe Trikot abgenommen.

Die Tour 1977 war zu Ende, doch rund zweihundert Journalisten mussten in einem grünweißgestreiften Zelt an den Champs-Elysées wegen der noch anonymen Liste Gedopter auf die Bestätigung des Tour-Siegers warten. Voller Zynismus hatte Tour-Arzt Misirez die möglichen Verdächtigen so kommentiert: „Wenn man die Namen der gedopten Fahrer nennen soll, braucht man nur die 54 Fahrer aufzuzählen, die im Ziel ankommen.“

Leberleiden wegen der Steroide

Dann wurde die Liste offiziell, sie trug nur vier Namen: Agostinho, Ocaña, Menendez und Mendes. Alles Ausländer. Und der Franzose Thevenet? Hatte nun er die Tour gewonnen oder der Niederländer Hennie Kuiper? Nach einer weiteren „nicht enden wollenden Wartezeit“ (Reporter Chany) wurde endlich das Kommuniqué verteilt: Thevenet war der Sieger.

Im folgenden Winter kam der Franzose mit einem Leberleiden ins Krankenhaus, die Krankheit führten die Ärzte auf den langzeitigen Einsatz von Steroiden zurück. Das Geständnis nach dem Ende seiner Karriere verband Thevenet wie jetzt Riis mit dem Appell für einen sauberen Radsport: „Hört auf zu dopen!“ Warum hat bloß niemand auf ihn gehört?

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