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Radsport : Regenwetter über der UCI

Die Kritik wird lauter: Pat McQuaid, das sich allmächtig fühlende Präsident des Internationalen Radsportverbandes Bild: AFP

Der luxemburgische Radsportchef redet Tacheles. Jean Regenwetter attackiert UCI-Präsident McQuaid nicht nur im Fall Armstrong frontal. Der Angreifer steckt derzeit aber selbst in einer misslichen Lage.

          Jean Regenwetter ist ein Mann mit wachem Blick, und er ist ein Mann des klaren Wortes. Er erzählt von Pat McQuaid, dem Präsidenten des Internationen Radsportverbandes (UCI), von dem er einst sehr angetan war. Er hatte den Iren als jemanden kennengelernt, mit dem man getrost ein Bier trinken kann. Regenwetter fand das sympathisch.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Jetzt würde Regenwetter, der Chef des luxemburgischen Radsportverbandes, nicht mehr gemeinsam mit McQuaid das Glas heben; er sagt das offen. Er hält nichts von McQuaid und von der UCI-Führung generell, er wünschte sich einen Wandel im Verband, mit neuen handelnden Personen, auch ganz oben. So enttäuscht ist Regenwetter, dass er die UCI-Spitze frontal attackiert. Er ist damit die große Ausnahme unter den Radsportfunktionären.

          Den Kongress der UCI am Freitag in Valkenburg, wo derzeit die Rad-Weltmeisterschaften stattfinden, empfand der Luxemburger Delegierte als eine Farce. „Er ist nur eine Show“, klagt der Luxemburger. Und er zieht in seiner heftigen Kritik an der UCI und McQuaid einen Vergleich zum Fußball und zu dessen Schweizer Machtzentrum. Im Radsport, sagt Regenwetter, „läuft es so ähnlich wie in der Republik Blatter“. Eigentlich, sagt er, müsste sich die Organisation Transparency mit der UCI befassen.

          Am Freitag hatte der 69 Jahre alte Luxemburger wieder den Eindruck, nicht wirklich ernst genommen zu werden von McQuaid. Der Ire präsentierte plötzlich einen Antrag, über den die Versammlung abstimmen sollte; es hatte keinerlei Information darüber gegeben. Der Kongress sollte, wie Regenwetter sagt, die Doping-Bekämpfung der UCI bestätigen.

          Er sollte den Weg des Verbandes rechtfertigen, der sich als Vorreiter im Kampf gegen Doping sieht - und öffentliche Kritik an seinem Vorgehen als ungerechtfertigt betrachtet. Die UCI erhielt die gewünschte Zustimmung. Aber Regenwetter machte unmissverständlich klar, dass er das Procedere äußerst „bedauerlich und befremdlich“ fand. McQuaid habe sich daraufhin entschuldigt mit der Bemerkung, die Dinge hätten sich über Nacht entwickelt.

          „So kommen wir nicht weiter“

          Regenwetter mokiert sich über mangelnde Transparenz innerhalb der UCI und über Kongressteilnehmer, die sich nicht aus der Deckung trauten. „So kommen wir nicht weiter. Ich habe das Gefühl, dass die meisten resignieren.“ So kann McQuaid weiter schalten und walten, wie er möchte - immer noch unterstützt von seinem niederländischen Vorgänger Hein Verbruggen, der inzwischen Ehrenvorsitzender der UCI ist. Am Freitag hatte McQuaid ebenfalls betont, dass niemals Doping-Proben von Lance Armstrong vertuscht worden seien.

          Der Texaner, dem nach Ansicht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada) wegen betrügerischer Aktivitäten die sieben Tour-Siege aberkannt werden sollen, ist angeblich insgesamt 210 Mal von der UCI getestet worden. Dass McQuaid jetzt Unregelmäßigkeiten bei den Armstrong-Kontrollen bestritt, hatte nach Ansicht von Regenwetter vor allem mit Verbruggen zu tun: „Es ging darum, Verbruggen eine weiße Weste zu verpassen.“ Im Jahr 2001 etwa soll ein positiver Befund von Armstrong bei der Tour de Suisse verschwunden sein; damals leitete noch Verbruggen, der auch in Valkenburg weilte, die UCI.

          „Ohne die Usada würde die UCI Armstrong heiligsprechen“, kritisiert Jean Regenwetter
          „Ohne die Usada würde die UCI Armstrong heiligsprechen“, kritisiert Jean Regenwetter : Bild: dpa

          Dass der Internationale Radsportverband die Tour-Erfolge Armstrongs streichen wird, sollte für ihn die Beweiskraft der Usada-Untersuchungen ausreichend sein, hält Regenwetter für wahrscheinlich. „Wenn die Fakten klar sind, kommt die UCI nicht daran vorbei.“ Sehr gelegen käme dies dem Verband aber nicht. „Ohne die Usada“, sagt Regenwetter, „würde die UCI Armstrong heiligsprechen.“

          Am Samstag sagte McQuaid, dass die UCI immer noch nicht die Armstrong-Akte von der Usada erhalten habe. Der Verband, der erst einmal von einer möglichen Generalamnestie für geständige Doping-Sünder abrückte, werde aber Verantwortung zeigen. Er habe nicht die Absicht, so McQuaid, die Sanktionen der Amerikaner anzufechten, sollten diese klar belegt sein.

          „Das kann man aus keiner Bilanz herauslesen“

          Für den Luxemburger Regenwetter ist das undurchsichtige System McQuaid nicht mehr tragbar. Er sagt, dass es dort schlimmer zugehe als in einer Bananenrepublik. Dass es bei UCI-Kongressen immer wieder Lobreden auf McQuaid gebe, „die wahrscheinlich in der UCI-Zentrale geschrieben werden“. Dass man auch gar nicht wisse, was der Ire verdiene. „Das kann man aus keiner Bilanz herauslesen.“

          Der Angreifer Regenwetter steckt derzeit allerdings selbst in einer misslichen Lage - wegen der Doping-Affäre um den Luxemburger Fränk Schleck bei der Tour de France, dem ein Diuretikum nachgewiesen wurde, das zur Verschleierung von Doping dienen kann. Der Fall wird nun von Luxemburger Instanzen behandelt. „Ich bin der Meinung“, sagt Regenwetter, „dass er in eine Falle getappt ist.“

          „Ich bin der Meinung, dass er in eine Falle getappt ist“, sagt Regenwetter über Fränk Schleck
          „Ich bin der Meinung, dass er in eine Falle getappt ist“, sagt Regenwetter über Fränk Schleck : Bild: REUTERS

          Sollte sich erhärten, dass Schleck doch manipuliert hat, würde Regenwetter trotzdem weiter zu dem „Menschen und Sportler“ Schleck stehen. Er sei nicht naiv, sagt Regenwetter. Er kennt die Gegebenheiten im Radsport. Und er spricht von einer Begegnung mit Fränk Schleck, der ihm dabei gesagt habe: „Wir sind alle Marionetten.“ Er meinte damit eigentlich die Rennfahrer. Das ließe sich aber auch auf Männer wie ihn beziehen, sagt der Funktionär Regenwetter. Valkenburg war ein weiterer deutlicher Beleg dafür.

          Quelle: F.A.S.

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