Um endlich mit Doping im Radsport abzuschließen und wieder einmal einen Neubeginn zu ermöglichen, hat Pat McQuaid eine Idee: Amnestie für alle, die auspacken. Der Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI will glauben machen, dass gebannt sei, worüber gesprochen wird. Dabei wird in Zusammenhang mit seiner Sportart doch fast nur noch über Doping geredet - und wird dadurch etwa weniger gedopt?
Gerade erst hat Lance Armstrong drauf verzichtet, über Doping zu sprechen, aber er hat auch darauf verzichtet, sich gegen die gut belegten Dopingvorwürfe der amerikanischen Antidoping-Agentur zu verteidigen. Das wird voraussichtlich - im Radsport weiß man das nie - dazu führen, dass dem schnellsten Profi seiner Zeit die sieben Toursiege aberkannt werden, die er in immer absurderer Überlegenheit erkämpfte. Tour de France und Radsport würden dann für die Jahre 1999 bis 2005 ohne Ersten des wichtigsten Radrennens der Welt dastehen.
Doping zu bestreiten, sich aber nicht gegen Disqualifikation zu wehren, ist zwar vielsagend. Aber ein richtiges Geständnis ist es nicht. Da es keine Zweiten und Dritten jener Tage gibt, die man guten Gewissens auf Platz eins befördern könnte, wird es wohl demonstrative Leerstellen im Geschichtsbuch der Tour geben - wenn denn die Chronisten bereit sind, Armstrong aus ihren Heldenerzählungen zu streichen; Fausto Coppi, Jacques Anquetil und Bernard Thevenet, die allesamt Doping zugegeben haben, sind in den Jahr für Jahr fortgeschriebene Erzählungen stets präsent und immer noch Toursieger. Er habe keine Angst, behauptet McQuaid, die Zeit der Jahrtausendwende zu einer schwarzen Ära zu erklären, zu einer Zeit mit an der Spitze geschwärzten Siegerlisten.
Auspacken ja, aber nicht öffentlich?
Reden über Doping also, um es zu bekämpfen, ist das die Idee? Warum bloß wirft McQuaid dann Tyler Hamilton vor, dem gedopten Olympiasieger von Athen 2004, dass er dem Sport schade mit seinem Buch „Secret Race“? Es folgt Zeugenaussagen Hamiltons und einer Fernsehreportage, in denen der einstige Partner von Armstrong Licht in das Dunkel der Dopingpraktiken jener Zeit bringt.
Auspacken ja, aber nicht öffentlich? Ist es das, was McQuaid will? Dann muss er sich nach Jörg Jaksche fragen lassen. Der Radprofi zeigte, als er aufgeflogen war, öffentlich Reue und sprach, auch detailliert mit Pat McQuaid über seine Doping-Erfahrungen mit Kollegen, Funktionären und Teamchefs. Das hatte eine einzige Konsequenz: Allein Jaksche gilt im Metier als Verräter und hat mangels Beschäftigung als Radprofi ein Studium aufgenommen. Das ist aller Ehren wert, doch die wichtigste Lektion lehrt der Radsport: Worte sind das eine und Taten etwas völlig anderes.