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Radsport Die Tour im Kreislauf des Betrugs

12.07.2008 ·  War es nur der Anfang des Schreckens? Nach dem Doping-Fall Beltran und mit weiteren Verdächtigen droht aus der Frankreich-Rundfahrt wieder eine Spritztour zu werden.

Von Rainer Seele, Toulouse
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Bilder, wie man sie aus dem Skandaljahr 2007 kennt: Aufmarsch der Gendarmerie, Durchsuchung eines Teamhotels, abruptes Ende einer Dienstreise. Manuel Beltran, des Dopings mit Epo überführt, hat die Tour de France am Freitag abend durch den Hinterausgang verlassen. Der Spanier, 37 Jahre alt, hatte den französischen Dopingjägern nicht entkommen können. Obwohl es nicht einfach war, ihn nach der ersten Etappe, als er kontrolliert wurde, zu finden. Keine Chance aber, sich zu verstecken. Sein italienisches Team Liquigas, das sich nicht scheute, den noch gesperrten Ivan Basso zu verpflichten, bleibt jedoch im Rennen. Es muss auch, weil es Beltran nach der positiven A-Probe sofort suspendierte, keine Geldstrafe von 100.000 Euro zahlen - die Tour fordert diese Summe in diesem Jahr von Rennställen, die von einem Dopingfall betroffen sind. Beltran, in dessen Zimmer keine Dopingpräparate entdeckt wurden, war von der Polizei mehrere Stunden verhört worden. Am Samstag trat er die Heimreise an.

Ja, Beltran, das ist ein alternder Radprofi mit bewegter Vergangenheit. Er fuhr schon an der Seite von Lance Armstrong und Jan Ullrich. Und er ist der vierte ehemalige Kompagnon von Armstrong, dem Doping nachgewiesen wurde. Vor ihm kamen Tyler Hamilton, Floyd Landis und Roberto Heras zu Fall - ein Kreislauf des Betrugs. Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner, sagt über Beltran: „Ganz einfach unbelehrbar und dumm. Wer Basso sät, muss Beltran ernten.“

Riccos dickes Blut

Die Tour ist also nach einer Woche von der Realität eingeholt worden. Die Branche bleibt im Zwielicht, die Unruhe steigt. Wird es wieder, offiziell dokumentiert, eine Spritztour? War der Freitag lediglich der Anfang des Schreckens? Die Fahnder der französischen Anti-Doping-Agentur scheinen jedenfalls Ernst zu machen.

Mindestens zehn Fahrer sollen, weil ihre Blutwerte Auffälligkeiten gezeigt haben, unter besonderer Beobachtung stehen, vielleicht sogar 20. Eine Zahl, die ein beklemmendes Gefühl auslöst. Unter jenen, bei denen Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden, die ein Indiz für den Gebrauch unerlaubter Mittel sein könnten, soll sich auch der Italiener Riccardo Ricco befinden, Etappensieger von Super-Besse. Ricco wehrte sich prompt gegen Verdächtigungen: Er habe, sagte er, einen natürlich erhöhten Hämatokritwert. Der Internationale Radsportverband soll davon wissen.

Kein Russe für Gerolsteiner

Wem aber soll man noch glauben? Bei Stefan Schumacher beispielsweise, in Gelb zu Boden gegangen, ist das auch so eine Sache. Cathin, Amphetamine, ungewöhnlicher Befund bei der Weltmeisterschaft - manches kann sich der Nürtinger gar nicht erklären, aber er behauptet steif und fest: kein Doping. Für ihn waren das bestimmt keine einfachen Tage: immer wieder die bohrenden Fragen - und dann noch über Kim Kirchen gestolpert. Der Traum in Gelb währte somit nur kurz, aber vielleicht bringt er das Team Gerolsteiner doch weiter. Holczer sucht ja dringend einen neuen Hauptsponsor, er möchte nicht aufgeben, was er in vielen Jahren aufgebaut hat. „Im Moment“, sagt Holczer „ist es nicht en vogue, den Radsport zu empfehlen.“

Eine Anspielung darauf, welchen Rat interessierte Unternehmen derzeit von Beratern erhalten. Noch nicht einmal ein Russe habe sich bei ihm gemeldet, dabei scheinen doch gerade die Russen momentan groß in den Radsport zu investieren. Was hat er nicht alles zu bieten: auch einen fast 400.000 Euro teuren Mannschaftsbus beispielsweise, in dem Holczer einem Gast gern einen Espresso serviert. Eine Spezialmischung, erzählt er stolz, von einem „Edelröster“ extra für die Tour angefertigt. Auf die Idee war sein Schwiegersohn gekommen. Er heißt Ronny Scholz und nimmt an der Tour teil.

Kirchens untadeliger Makel

Nach der siebten Etappe stand Scholz auf dem 81. Platz, mit mehr als 22 Minuten Rückstand auf Kirchen, von dem das Team Gerolsteiner sich ein bisschen düpiert wähnt. „Das Trikot“, sagt Michael Holczer, „hat einen Makel.“

Und der Luxemburger selbst? Untadelig - sagt Petz Lahure, Luxemburger Journalist. Ihm käme nicht in den Sinn, Zweifel zu äußern an seinem Landsmann. „Warum soll einer sich nicht innerhalb eines Jahres verbessern?“ Lahure findet auch, dass in Deutschland hysterisch über Doping im Radsport diskutiert werde. „Die Deutschen haben sich alles kaputtgemacht.“

Stelldichein der Kronzeugen

Ob die Luxemburger noch nicht gehört haben, dass etwa das Team Milram gerade sehr forsch an seiner Zukunft bastelt? Sie soll sehr deutsch sein, weswegen die Equipe um Erik Zabel auch gerne Linus Gerdemann vom Team Columbia holen würde. Gerdemann hat dort zwar noch einen Vertrag bis 2009, aber er glaubt, dass sich das in nächster Zeit schon irgendwie regeln lasse. Gerdemann zieht es wegen der besseren Vermarktungsmöglichkeiten zu einem deutschen Team zurück. Wegen eines schweren Sturzes musste er diesmal auf die Frankreich-Rundfahrt verzichten.

Dieser Tage aber besuchte er die Tour; auch Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz, für die beim Team Milram kein Platz ist, waren da; sie sind immer noch als eine Art Doping-Kronzeugen unterwegs. Und Peter Danckert, der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, soll auch noch kommen, auf Einladung von Milram. Angeblich wird er in L'Alpe d'Huez erscheinen. Der passende Ort, um Doping zu geißeln, Danckert dürfte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

Bodyguard für Evans

Ja, die Berge: An diesem Sonntag beginnt in den Pyrenäen der Anstieg bei dieser Tour. Alles wird nun anders werden, zumindest im Klassement. Die Stunde eines Alejandro Valverde oder eines Cadel Evans? Der Spanier hat bereits in Plumelec ein Zeichen gesetzt, möglicherweise aber kam die Tour durch ihn auch gleich am ersten Tag auf den Hund.

Und Evans? Der Australier war schon bei Mapei und bei Telekom, und man weiß, wie es dort zuging. Jetzt lässt er sich von einem Leibwächter beschützen, der mit dem Radsport - und mit schwierigen Fällen - vertraut ist. Zu seinen Kunden gehörten bereits Armstrong und Alexander Winokurow. Der Radsport bleibt sich wirklich treu.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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