Home
http://www.faz.net/-gua-t1qz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Radsport Die sauberste Tour aller Zeiten

29.07.2006 ·  Ein Tour-Rückblick aus der Zukunft: 2007 wird der letzte gedopte Radfahrer gesperrt, 2008 tritt nur noch die Werbekarawane an. Und 2009 starten GPS-gesteuerte Maschinen: Modell Berg, Modell Sprint, Modell Kühlwasserträger.

Von Michael Eder
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (4)

Mesdames et Messieurs: Die Tour ist größer als alle Rennfahrer. Vive le Tour de France! Sie wird niemals untergehen. Allerdings wollen wir nicht verschweigen, daß es 2007 gewisse Probleme gab, als damals vor zwei Jahren auf der drittletzten Etappe von Piqure d'epingle nach Epodopage mit dem Amerikaner Glenn Buterol der letzte Radprofi ausgeschlossen wurde, wegen einer kleinen Überdosis Testosteron, kaum der Rede wert, aber von einem übereifrigen Dopinglaboranten in Paris doch entdeckt.

Die heldenhaften Alleinfahrten Buterols auf den vorangegangenen siebzehn Etappen werden dennoch in Erinnerung bleiben. Wie er als Ein-Mann-Peloton quer durch Frankreich hetzte - phantastisch. Als auch er, das allerletzte einzelne schwarze Schaf im Radsport, gesperrt war, schlug die Stunde der Pessimisten und Nestbeschmutzer, jetzt endlich, meinten sie, sei der Radsport am Ende. Pustekuchen, die Tour war auch größer als alle nicht mehr vorhandenen Fahrer, und so kam ihr Direktor Richard Virenque zu dem wagemutigen, aber letztlich brillanten Entschluß, die Tour 2008 ganz ohne Rennfahrer, nur mit der bunten Werbekarawane, den Autos mit den Sportlichen Leitern und ein paar knallgelben Materialwagen antreten zu lassen.

Dopingtests bei den Sportlichen Leitern

Die Tour 2008, Sie werden sich erinnern, war ein großer, ein denkwürdiger Erfolg. Die Zuschauer standen wie immer jubelnd an den Straßen, 1,2 Millionen sollen es allein auf den 14 Kilometern hinauf nach Alpe d'Huez gewesen sein, und erstmals konnten Mont Ventoux, Tourmalet, Galibier und alle anderen berühmten französischen Berge in den Streckenplan eingebaut werden, ohne daß irgendeine Memme über zu schwere Etappen jammerte.

Es war, wie der Sportliche Leiter des spanischen Fuentes-Teams, Jan Ullrich, erklärte, die beste Tour aller Zeiten. Und das wichtigste: Sie war sauber, es gab keine einzige positive Dopingprobe. Na ja, bis auf die Panne auf der 12. Etappe, als die französische Polizei in Ermangelung von Rennfahrern mehrere Sportliche Leiter, darunter Ullrich (Equipo de Fuentes), Armstrong (Balko Channel) und Riis (Beta-HCG) Dopingtests unterzog, deren Ergebnisse nach einem erbitterten Rechtsstreit aber nie veröffentlicht wurden. Bekannt ist nur, daß der Abtransport der Urin- und Blutproben von Demonstranten behindert wurde, die in den vorbeirollenden CastorBehältern reflexartig und zu Unrecht radioaktives Material vermuteten.

GPS-gesteuerte Rennfahrer-Maschinen

Nun dauert es nicht mehr lange, die Tour 2009 startet in drei Wochen in Tromperie-sur-mer mit einem Prolog über 7,5 Kilometer. Nach einem Jahr Pause werden wieder Teams teilnehmen. Als Favorit startet Sony Systems mit einer Roboter-Equipe, die in einem dreiwöchigen Trainingslager auf Mallorca durch perfektes Windschattenfahren aufgefallen war.

T-Mobile schickt, in magentafarbenen Trikots, ebenfalls neun GPS-gesteuerte Maschinen ins Rennen. Der Clou: Es gibt verschiedene Ausführungen: Modell Berg, Modell Sprint, Modell Rouleur, Modell Bergziege, Modell Kühlwasserträger. Das Spitzenmodell Kapitän soll von einem normalen Rennfahrer kaum noch zu unterscheiden sein. Es soll nicht nur Wachstumshormon und Epo vertragen, sondern auch alle anderen gängigen Treibstoffe.

Quelle: F.A.Z., 29.07.2006, Nr. 174 / Seite 29
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr 1 1